25 Jahre unschuldig in Haft? Keine Gnade für Jens Söring

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Kämpft weiter: Jens Söring bei einem Interview in seinem Gefängnis. Dort sitzt er seit 25 Jahren – womöglich unschuldig.

München - In Virginia nennen sie ihn die „deutsche Bestie“: Jens Söring, 44, sitzt seit 25 Jahren in einem US-Gefängnis, wegen eines Doppelmordes. Doch es mehren sich die Hinweise für seine Unschuld. Frei wird er vielleicht nie kommen – weil es die Amerikaner nicht wollen.

von Christoph Seidl

Der Verdacht fiel bald auf Elizabeth und auch auf Jens Söring, einen hochbegabten Diplomatensohn aus Deutschland, der damals mit einem Stipendium an der Universität von Virginia studierte. Er gestand die Morde – aus Liebe, wie er später sagte.

Jens Söring zählt. Jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde. Seit 25 Jahren. Söring zählt, weil er noch Hoffnung hat. Am 11. Juli kam das Parole Board zusammen, der Bewährungsausschuss. Er berät, ob der 44-jährige Deutsche jemals wieder einen Baum anfassen darf. Ob er je an das Grab seiner Mutter treten kann. Ob er je das wiedervereinigte Deutschland sehen wird. Söring hat ein Leben ohne Zukunft. Er hat noch kein Internet benutzt und kein iPhone gesehen.
Söring sitzt im Gefängnis. Dreieinhalb Meter lang ist seine Zelle. Ein Bett, ein Klapptisch, ein Waschbecken, ein Klo. Hier, im Buckingham Correctional Center im US-Bundesstaat Virginia, soll Söring leben, bis er stirbt – für einen Mord, den er vielleicht nicht begangen hat. Es ist der 30. März 1985 in Lynchburg, Virginia, als Ermittler das Haus der Familie Haysom betreten. Blut, überall Blut. Am Boden zwei leblose Körper, mit Wunden übersät. Die Kehlen sind durchschnitten. Der Tisch im Zimmer ist noch gedeckt.

Der Verdacht fällt auf Elizabeth Haysom, Tochter der Ermordeten, und ihren Freund: Jens Söring, 18, Diplomatensohn aus Deutschland. Ein ungleiches Paar: sie, zwei Jahre älter, schön, mysteriös. Sie nimmt Drogen. Er, ein Streber mit Stipendium. Sie ist seine erste Freundin. Er verfällt ihr.

Das Bild zeigt die junge Elizabeth Haysom mit ihrem Vater Derek, der mit seiner Frau im März 1985 bestialisch ermordet wurde.

Als die Ermittler Fragen stellen, flüchten sie. Im April 1986 nimmt die Polizei die beiden in London fest. Söring gesteht. Fünf Mal. Er wollte seine große Liebe vor der Todesstrafe retten, wird er später sagen. Er glaubt, dass ihn der Diplomatenstatus seines Vaters schützt. Doch Söring soll an die USA ausgeliefert werden. Dort ruft der Staatsanwalt: Die „deutscheBestie“ mussaufdemelektrischen Stuhl sterben.
1986 bis 1989 sitzt Söring in London ein, wartet auf seine Auslieferung. Er lebt für den Tod. „Ich verbrachte die Jahre damit“, schreibt er später, „immer wieder vom Geruch verbrannten Menschenfleisches (,wie Schweinefleisch‘) und verbrannten Haaren zu lesen, von Augen, die aus den Höhlen heraussprangen, von vier oder fünf Elektroschocks, die innerhalb von 15 Minuten wiederholt werden mussten.“ In seiner Zelle versteckt er ein Seil aus Bettlaken, für alle Fälle. „Mein Lebensziel bestand darin, den Amerikanern die Freude zu nehmen, mich hinzurichten.“

Angeklagt: Elizabeth Haysom, Tochter der Opfer

Söring entgeht dem Tod. Der Europäische Gerichtshof spricht 1989 ein Grundsatzurteil, wonach niemand ausgeliefert werden darf, dem die Todesstrafe drohe. Virginia schäumt. Die Menschen dort wissen schon lange vor dem Prozess: Söring ist der Mörder. Söring soll sterben.
In Virginia, wohin sie ihn bringen, überträgt das Fernsehen live aus dem Gerichtsaal. Zuschauer nehmen Brotzeit mit, um den Sitzplatz nicht abgeben zu müssen. Söring erscheint im schwarzen Anzug, trägt Krawatte. Vor Gericht bestreitet er zum ersten Mal die Tat. Er beschuldigt seine Freundin, ihre Eltern aus Hass umgebracht zu haben.

Elizabeth soll von ihrer Mutter sexuell missbraucht worden sein. In Liebesbriefen schrieb sieJens:„Warumlegensichmeine Eltern nicht hin und sterben, ich hasse sie so sehr.“ Die Gutachter halten die junge Frau mit dem stechenden Blick für schizophren, für eine krankhafte Lügnerin. Zweifel an Sörings Schuld kommen auf. Doch Elizabeth hält an ihrer Aussage fest: „Jens sagte, dass es das Größte sei, das er je getan hätte. Ein selbstloser Akt aus Liebe zu mir.“ Später wird sie wegen Anstiftung zu 90 Jahren Haft verurteilt. Der Staatsanwalt zeigt den Geschworenen einen Fußabdruck vom Tatort, er legt eine Folie mit Sörings Abruck auf das Bild. Die Abdrücke decken sich offenbar, genau untersucht wird das nicht. Für ihn der Beweis: Söring war am Tatort.

Am 21. Juni 1990 urteilen die Geschworenen: zwei Mal lebenslänglich. Söring antwortet: „Ich bin unschuldig.“ Seit diesem Tag lebt Jens Söring nicht mehr, er existiert. Er ist kein Mensch mehr. Im Knast hat er eine Nummer: 1161655. „Was ich nun habe, ist die Gewissheit, dass meine Hinrichtung mein ganzes Leben dauern wird“, schreibt er.

„Ich habe panische Angst, dass etwas schiefläuft.“

Schreiben – nur so kann Söring mit der Welt in Kontakt treten, aus der sie ihn weggesperrt haben. Söring hat Bücher über seine Haft verfasst. Als Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge auch in Deutschland erscheinen, entsteht ein Kreis von Freunden, die Söring helfen wollen. Freunde wie Anna Utzerath, 42, aus München. „Den Moment, wo ich denke, Jens ist ein Mörder, gibt es nicht. Das ist ein Justizirrtum“, sagt die Frau. Von Beruf ist sie Clown – sie bringt kranke Kinder zum Lachen.

Anna Utzerath aus München kämpft seit Jahren für die Freilassung von Jens Söring. Sie ist Teil eines Freundeskreises, zu dem auch Anwälte und Politiker zählen.

Anna Utzerath will erzählen. Von ihrem Freund Jens, den sie noch nie getroffen hat. Sie sitzt in ihrer Küche in einer karg möblierten Altbauwohnung. Auf dem Holztisch liegt eine Mappe mit Briefen. Briefe von Jens, dem verurteilten Mörder. Im Herbst 2008 liest Anna Utzerath zum ersten Mal etwas über Söring. Eine Woche später schreibt sie dem Mann, der zwei Menschen umgebracht haben soll: „Sehr geehrter Herr Söring, mein Name ist Anna Utzerath.“ Und: „Ich bin wirklich beeindruckt, auch darüber wie Sie schreiben. Bitte machen Sie weiter.“
Etliche Briefe folgen. „Er wollte das“, sagt sie. Anna Utzerath fotografiert Sörings Webseite, die ein deutscher Freund betreibt, und schickt die Bilder ins Gefängnis – Sörings Zugang zum Internet. Sie stellt Texte, die er schreibt, auf Facebook. Sie heftet jedes Blatt ab, notiert penibel, wann Briefe kommen und gehen. Die Arbeit für Jens gibt ihr Ordnung, Sicherheit. „Früher bin ich oft weggeträumt, wurde mitgezogen. Heute lebe ich in der Realität“, sagt sie.

Die Briefe werden intensiver, vertrauter. Aus „Sie“ wird „Du“. Söring beschreibt seine Gefühle und Ängste. Auch, als er wieder Hoffnung fasst. Im September 2009 veröffentlichen Gerichtsmediziner einen Test, der das Urteil infrage stellt. Keine der 42 Blutspuren am Tatort stammt von Söring.

Häftling Nummer 1161655 hofft auf die Überstellung nach Deutschland. Im November 2009 schreibt Söring an Anna Utzerath: „Alles soll klappen.

„Jens ist im Gefängnis nur ein Untermensch, eine Nummer.“

Ich habe natürlich panische Angst, dass da noch etwas schiefläuft. Gleichzeitig versuche ich, positiv zu sein. Ich halte dich informiert – du mich auch – und hoffentlich, hoffentlich sehen wir uns ja bald. Wenn du beim ersten Treffen keine Clownsnase an hast, bin ich schwer enttäuscht.“

Zwei Monate später schreibt er: „Der Gouverneur hat unterschrieben. In etwa vier bis zwölf Wochen komme ich nach Hause. Anna, ich bin sehr aufgeregt, wie du dir vorstellen kannst.“ Als der Brief fünf Tage später in München ankommt, ist das alles vorbei.

Anna Utzerath schreibt regelmäßig Briefe (o.) an den Häftling Söring – auf diese Weise behält er Kontakt zur Außenwelt und kann seine Geschichte sogar im Internet publik machen.

Anna Utzerath zittert, als sie von der Nacht erzählt, als der neue Gouverneur Bob McDonnell in Virginia antritt und die Haftüberstellung widerruft – Virginia jubelt. „Mein Kaninchen hatte an diesem Abend Angst. Ich bin in der Nacht aufgewacht und habe auf meinem PC eine E-Mail gesehen: alles aus. Ich habe danach nichts mehr gefühlt, nur geheult und mich übergeben. Jens ist im Wahlkampf ein Spielball der Politik.“ Tränen laufen ihr übers Gesicht. Eineinhalb Jahre ist das her. Nun ist ein neuer Zeuge aufgetaucht, der Söring entlastet. Toni Buchanan hatte damals in Lynchburg eine Autowerkstatt. Monate nach dem Mord bringt der Abschleppdienst ein Auto vorbei. Auf der Unterseite haften Schlamm und Blätter. Auf der Matte der Fahrerseite: ein blutverschmiertes Messer. Ein Jäger, denkt Buchanan. Eine Frau und ein Mann holen das Auto ab. Buchanan kennt die Frau aus dem Fernsehen: Es ist Elizabeth Haysom. Den Mann kennt er nicht. Aber er sagt: „Söring ist nicht die Person, die in meiner Werkstatt war. Da bin ich mir absolut sicher.“

Doch die Ermittler in Bedford glauben Buchanan nicht. „Die Polizei hat ihre eigene Vorstellung, wie der Fall abgelaufen ist. Sie wollen nicht, dass jemand mit neuen Informationen ihre Ermittlungen infrage stellt“, glaubt Buchanan. Auch den Gouverneur kümmert der neue Zeuge nicht. Am 24. Mai teilt der Republikaner mit: Nichts gebe ihm „den geringsten Grund, am Urteil der Geschworenen in seinem Prozess oder der Richtigkeit seiner Geständnisse zu zweifeln.“ Söring glaubt, dass es vor allem darum geht, dass sie in Virginia mit den privatisierten Gefängnissen Geld verdienen wollen.

Angeklagt: Jens Söring

Sörings Freunde hoffen jetzt auf die Bundesregierung, doch die hält sich zurück: „Auf den Gouverneur öffentlich Druck aufzubauen, würde Herrn Söring schaden. Jeder Versuch hat in vergleichbaren Fällen genau zum Gegenteil geführt“, sagt Markus Löning, Beauftragter für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Die Chancen für die Anhörung stehen schlecht, Gouverneur McDonnell setzt die Kommission zusammen. Man könne öffentlich nicht viel tun, sagt Löning: „Wir können im Moment nur hoffen und ihm die Daumen drücken.“
Anna Utzerath bekommt bei solchen Sätzen „Angst“. Die Frage, ob Söring zwei Menschen umgebracht hat, hat sie ihm nie gestellt. „Selbst wenn Jens ein Mörder wäre, würde das nichts an unserer Freundschaft ändern.“ Sie macht eine Pause, streicht mit den Fingern über einen Brief. „Jens ist im Gefängnis nur ein Untermensch, eine Nummer. Darum schreibe ich Mr. Jens Söring auf den Brief.“ Sie lächelt.

Die Webseite von Jens Söring findet man unter www.jenssoering.de

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