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27-Jährige flüchtet vor Krieg in der Ukraine

Von Rosenheimern gerettet: Natalias Neuanfang in Bayern

Vogelgezwitscher statt Bombenalarm: Natalia Aleksieieva lernt Bayern kennen - hier im Hofgarten in München 
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Vogelgezwitscher statt Bombenalarm: Natalia Aleksieieva lernt Bayern kennen - hier im Hofgarten in München 

Entspannt lächelt Natalia Aleksieieva in die Kamera. Vor einer guten Woche ist die junge Frau mithilfe zweier Rosenheimer aus der Ukraine vor dem Krieg geflüchtet. Jetzt wagt sie in München einen privaten und beruflichen Neuanfang.

Odessa/München – Am Abend vor ihrer Flucht erkennt Natalia Aleksieieva ihr geliebtes Odessa kaum wieder. Die Millionenstadt am Schwarzen Meer war früher immer laut, immer voll. Urlauber aus aller Welt kamen zu den schönen Sandstränden. Seit der Krieg in der Ukraine begonnen hat, ist nichts mehr, wie es war. Odessa wird von Woche zu Woche mehr zur Geisterstadt. Immer mehr Menschen flüchten aus Angst vor Bombenangriffen. Die Supermärkte sind oft leer gekauft, die Straßen verlassen. Nicht mal Vögel sind zu hören oder bellende Hunde. „Die Stimmung ist gruselig“, sagt die 27-Jährige. „Wie wenn etwas Schlimmes auf uns zukommt.“

Ihre Eltern versuchen schon seit Tagen, sie zu überreden, vor dem Krieg zu flüchten. Natalia möchte bei ihren Eltern bleiben. „Für sie ist die Flucht keine Option“, sagt sie. „Sie leben in dem Haus, das meine Großeltern gebaut haben – das wollen sie nicht verlassen.“ Sie hofft, dass der kleine Vorort, in dem ihre Eltern leben, vor russischen Angriffen verschont bleibt. Außerdem weiß sie nicht, wo sie hin soll. Ihre Familie hat russische Wurzeln, in Sotschi hat sie Verwandte. Aber Russland kann für sie jetzt kein Ziel mehr sein.

Dann, an einem Morgen Anfang März, wacht sie in ihrem Studentenwohnheimzimmer von einem lauten Knall auf. Es gab keinen Bombenalarm. Kurz darauf knallt es noch mal laut. Natalia ruft ihren Vater an, sie hat große Angst. Er sagt, sie soll alle wichtigen Dokumente zusammenpacken und zu den Eltern ihres Freundes fliehen, die nicht wie sie im Zentrum leben. Es ist der Tag, an dem sich Natalia entschließt, ihre Heimat zu verlassen.

Ein Foto aus der Heimat zeigt Natalia Aleksieieva vor der alten Festung im Zentrum Odessas. Sie liebt ihre Stadt.

Ihre Professorin an der Uni hat sie vor ein paar Tagen angerufen und ihr berichtet, dass sie in München angekommen ist. Hilfsorganisationen hatten sie unterstützt. Sie stellt für Natalia den Kontakt zu dem Münchner Volt-Stadtrat Felix Sproll her. Der kennt Helfer, die auf dem Weg zu einem Flüchtlingslager an der ukrainisch-slowakischen Grenze sind, um Flüchtenden zu helfen, nach Deutschland zu kommen. Natalia Aleksieieva kehrt noch einmal in ihre Wohnung zurück, um einen Koffer zu packen: zwei Hosen, drei Pullis, zwei Paar Schuhe, etwas Wäsche und Kosmetikartikel, einige Medikamente, ihren Laptop und ihre Uni-Dokumente. Der Rest von ihrem alten Leben bleibt zurück. Sie muss sich verabschieden von ihren Eltern, ihrem Freund und dessen Familie.

Die Menschen haben geschrien und geweint. Ich auch.

Natalia über die Situation an einem völlig überfüllten Bahnhof in der Ukraine

Dann fährt sie zum Bahnhof. Hunderte Menschen warten dort auf den Zug zur Grenzstadt Uzhhorod. „Vor mir war ein kleines Mädchen“, erzählt Natalia. Immer wieder wird sie von der Menge gegen das Kind gedrückt, sie hat Angst, es zu verletzen. Und davor, selbst verletzt zu werden. Alle wollen in den Zug. „Die Menschen haben geschrien und geweint“, erzählt sie. „Ich auch.“ Der Zug ist völlig überfüllt. Die Menschen sitzen auf ihren Koffern oder stehen stundenlang in den Gängen. Eine Frau stellt eine Tasche neben Natalia. Darin sind vier Katzen. Sie waren ihr wichtiger als Gepäck.

Von Uzhhorod bringt sie ein Taxi zur Grenzübergangsstelle Vysné Nemecké. Wieder hunderte Menschen. In kleinen Gruppen werden sie über die Grenze gelassen. Natalia wartet über fünf Stunden. Sie ist erschöpft, aber Helfer verteilen Äpfel, Brot und Wasser. Als sie an der Reihe ist, muss sie nur kurz ihren ukrainischen Pass zeigen, sie wird durchgewunken.

Auf slowakischer Seite kommt sie in einem Flüchtlingslager unter. „Alles war organisiert, die Menschen waren so nett und hilfsbereit“, sagt sie. Sie ist telefonisch in Kontakt mit Fabian – ein Helfer, der mit einem Freund aus Rosenheim auf dem Weg zu dem Camp ist. Sie bringen Natalia und weitere Ukrainer bis nach München. Die Autofahrt dauert zehn Stunden. Ihren Pass muss Natalia kein einziges Mal zeigen. Wenn sie bei Kontrollen sagen, dass sie von der ukrainischen Grenze kommen, werden sie durchgewunken. In München hat Felix Sproll für sie eine Gastfamilie organisiert. Sie hat ein eigenes Zimmer. Die Gastmutter sagt ihr, sie solle sich wie zu Hause fühlen, dürfe sich alles nehmen, was sie braucht. Natalia hat Hemmungen. „Ich habe mir früher ja nicht mal bei Freunden einfach etwas aus dem Kühlschrank geholt“, sagt sie.

Drei Tage später sitzt Natalia in einem Café in München und erzählt ihre Geschichte. Sie mag die Stadt, aber viel hat sie noch nicht von ihr gesehen. Das Wichtigste ist ihr, schnell Arbeit zu finden. „Ich möchte so bald wie möglich auf eigenen Beinen stehen.“ Sie spricht Englisch, Spanisch, Ukrainisch und Russisch fließend und Deutsch gut. Ihr Freund hat versucht, nachzukommen. Er wurde nicht mehr aus dem Land gelassen. Neulich, als sie aus Angst um ihn und ihre Eltern die ganze Nacht nicht schlafen konnte, hat sie das Info-Blatt übersetzt, das sie an der Tourist-Info am Marienplatz bekommen hatte. Jedes Wort, das sie nicht kannte, hat sie gegoogelt. „Ich hoffe, dass ich hier bald einen Job als Übersetzerin finde“, sagt sie.

In der Ukraine hat sie ein Diplom in Journalismus gemacht. Ihre Diplomarbeit hat sie über die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise 2015 geschrieben. Sie hat verglichen, wie deutsche, englische und spanische Medien berichteten. Das Foto von Angela Merkel mit den Flüchtlingen, das um die Welt ging, hat sie oft angeschaut. „Ich dachte damals, Deutschland nimmt alle Menschen in Not auf.“ Nie hätte sie gedacht, dass sie selbst eines Tages hier Schutz suchen würde. Wie eine Geflüchtete fühlt sie sich nicht, sagt sie. „Ich hatte sehr viel Glück und Hilfe auf meinem Weg.“ Die Flucht hat sie umgerechnet 1,54 Euro gekostet. Für das Taxi vom Bahnhof zur Grenze. Vor ein paar Tagen hat sie sich in München einen Schreibblock gekauft, um deutsche Wörter zu notieren. Er war doppelt so teuer.

Ich hasse Russland nicht. Die Menschen dort können ja nichts für den Krieg.

Natalia Aleksieieva

Mit ihren Eltern telefoniert sie fast stündlich. Noch ist die Lage ruhig in Odessa. Natalia hofft, dass die Stadt vor einer Bombardierung verschont bleibt. Ihre Eltern leben in einem kleinen Ort. „Er würde wohl eingenommen werden“, sagt sie. Trotzdem hat ihr Vater eine Grube in der Garage zu einer Art Bunker umfunktioniert. Bis jetzt mussten sie ihn nicht benutzen.

Tod, Flucht und Zerstörung - Die schlimmen Bilder des Ukraine-Kriegs

Wrackteile zwischen Häusern
Ein Bild der Zerstörung: Hier sind die Reste eines Fliegers zu sehen. © OLEKSANDR RATUSHNIAK/dpa
Wladimir Putin geht an einer großen Säule vorbei
Um ihn dreht sich derzeit alles: Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Einmarsch seiner Truppen in die Ukraine befohlen. © ALEXEY NIKOLSKY/afp
Ein Mädchen schiebt einen Koffer an mehreren sitzenden Personen vorbei
Im polnischen Przemysl unweit der ukrainischen Grenze harren viele Geflüchtete aus. © JANEK SKARZYNSKI/afp
Protestschild mit Gesicht von Wladimir Putin
Klare Worte: Auf diesem Protestbild wird Wladimir Putin als Barbar tituliert. © YASIN AKGUL/afp
Frau mit blutendem Gesicht und Kopfverband
Heftig erwischt: Eine Frau trägt nach einer Kopfverletzung einen Verband und Blutspuren im Gesicht. © Wolfgang Schwan/picture alliance/aa
Soldaten vor einem Gebäude
In der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk patrouillieren Soldaten. © Ukrinform/dpa
Eine Frau steht vor einem zerstörten Haus und schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen
Diese Frau kann den Anblick der Kriegszerstörung nur schwer ertragen. © Emilio Morenatti/dpa
Teile einer Rakete liegen nahe einer Straße
Neben Straßen werden diverse Teile von Raketen gefunden. © GENYA SAVILOV/afp
Mehrere Menschen halten eine große ukrainische Flagge
In New York halten zahlreiche Menschen auf einer Kundgebung gegen den Krieg in der Ukraine eine mehrere Meter lange Flagge. © Michael Brochstein/dpa
Soldaten stehen hinter Wrackteilen auf einer Straße
Mitten auf einer Straße sind Wrackteile eines Fliegers niedergegangen. © GENYA SAVILOV/afp
Militärfahreuge auf einer Schnellstraße
Ein Militärkonvoi sammelt sich in der Nähe der russisch-ukrainischen Grenze in der Region Belgorod. © Anton Vergun/Sputnik/dpa
Rauchschwaden über Kiew
Über der Hauptstadt der Ukraine sind Rauchschwaden zu sehen © Kyodo/dpa
Frau mit Verletzungen im Gesicht
Von wegen Zivilisten werden verschont: Diese Frau bekommt die Folgen des Angriffs unmittelbar zu spüren. © ARIS MESSINIS/afp
Soldaten suchen unter einer Brücke Schutz
Im Zuge der Gefechte in Kiew positionieren sich Soldaten unter einer Brücke. © Emilio Morenatti/dpa
Menschen gehen vor Panzerwagen durch einen Matschweg
Im russischen Rostow gehen Passanten einen matschigen Weg entlang, an dem Panzer positioniert sind. © Stringer/afp
Demonstranten halten Bilder hoch, die Putin als Hitler-Abklatsch zeigen
Wie hier in der tschechischen Hauptstadt Prag demonstrieren rund um die Welt Tausende friedlich gegen den Einmarsch Russlands - Wladimir Putin wird dabei mit Adolf Hitler verglichen. © MICHAL CIZEK/&afp
Russische Soldaten auf einem Militärwagen
Bei Armjansk im Norden der Krim sitzen russische Soldaten auf einem Militärwagen. © Konstantin Mihalchevskiy/Sputnik/dpa
Menschen sitzen auf einem Liegestuhl und spenden Blut
Viele Menschen spenden Blut für das Militär. © YURIY DYACHYSHYN/afp
Militärfahrzeug in Wohnsiedlung
Bei einem Schusswechsel sollen mindestens zwei russische Militärangehörige ums Leben gekommen sein, die sich mit ukrainischen Uniformen getarnt haben. © SERGEI SUPINSKY/afp
Wrackteile eines Flugzeugs liegen zwischen Häusern
Ein Feuerwehrmann inspiziert die Wrackteile eines offenbar abgeschossenen Flugzeugs, das in Kiew zwischen Häusern abgestürzt ist. © OLEKSANDR RATUSHNIAK/dpa
Soldaten gehen auf einem Grasabschnitt zwischen zwei Straßen in Stellung
Aus einem Auto heraus sind ukrainische Soldaten zu sehen, die zur Verteidigung von Kiew auf einem Grasabschnitt zwischen zwei Straßen in Stellung gehen. © Emilio Morenatti/dpa
Mehrere Menschen vor einer Wand volle Waffen
Die Bürger in der Ukraine bringen sich auch in Luftschutzbunkern in Schutz. © SERGEI CHUZAVKOV/afp
Ein Mann in Uniform steht vor einem zerstörten Haus
Ein Militärangehöriger schaut vor einem zerstörten Haus auf sein Handy. © GENYA SAVILOV/afp
Menschen sitzen in einer U-Bahn-Station am Boden
In einer U-Bahn-Station harren die Bürger aus, um sich vor dem Luftbeschuss der russischen Armee zu schützen. © VIACHESLAV RATYNSKYI/picture alliance/aa
Militärfahrzeuge sind auf einer Straße unterwegs
Ein ukrainischer Militärkonvoi bahnt sich seinen Weg zum Einsatzort. © DANIEL LEAL/afp
Panzer stehen zwischen Bäumen
Nahe Kiew stehen diese Militärfahrzeuge zur Verteidigung bereit. © DANIEL LEAL/afp
Zerstörtes Haus bei Nacht
Ein Haus in Kiew ist schwer beschädigt, bei Nacht suchen die Rettungskräfte nach Verletzten. © afp
Feuerwehr an einem zerstörten Haus
In einem völlig zerstörten Haus in Kiew sind Feuerwehrkräfte bei der Arbeit. © GENYA SAVILOV/afp

Sie und ihre Familie haben sich Russland immer näher gefühlt als Europa. „In unserer Region wird Russisch gesprochen“, sagt sie. Sie hasst Russland nicht für diesen Krieg. „Die Menschen dort können nichts dafür“, sagt sie. „Und ich möchte nicht mit Hass im Herzen leben.“ Manchmal hat sie sogar Mitleid mit den russischen Soldaten. „Viele einfache Soldaten wussten nicht, dass sie in einen Krieg geschickt werden.“

Natalia Aleksieieva hat ihr Leben in der Ukraine geliebt. Sie hatte einen Büro-Job an der Universität, Freunde, eine schöne Wohnung. „Aber ich fühle mich gut hier in München“, sagt sie. Die große Hilfsbereitschaft, die sie jeden Tag erlebt, kann sie manchmal gar nicht fassen. An diesem Morgen ist sie aufgewacht von den Nachrichten, die sie in ihrer Familien- und Freundesgruppe auf Telegram erreichen. Alle schreiben nacheinander, dass in dieser Nacht keine Bomben gefallen sind. Natalie schaut aus dem Fenster, die Sonne scheint. Hier in München zwitschern die Vögel.

Natalias beruflicher Neuanfang

In einer eigenen Kolumne wird Natalia über ihr neues Leben in Bayern und die Nachrichten aus der Ukraine berichten. Sie schreibt für die OVB-Heimatzeitungen, den Münchner Merkur und dessen Heimatausgaben sowie auf ovb-online.de und allen Portalen der OVB24. Die erste Folge der Kolumne gibt es ab 18. März 2022.

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