Nach Urteil zu tödlicher Kuh-Attacke in Tirol

Ist die Almwirtschaft auch bei uns in Gefahr?

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Sollte das Tiroler Urteil im Prozess um eine tödliche Kuhattacke rechtskräftig werden, befürchtet Kaspar Stanggassinger massive Auswirkungen auf die Almwirtschaft.
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Bischofswiesen - Tragisch endete ein Familienausflug im Jahr 2014. Beim Überqueren einer Almwiese stirbt eine 45-Jährige Frau. Ihr Mann und ihr Sohn verklagen den Bauern, seine Kühe hätten die Frau tot getrampelt. Jetzt soll der Landwirt 490.000 Euro zahlen.

"Es war ein tragischer Unfall", bedauert auch Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger. Er vertritt die Interessen von 52 Almbauern im Berchtesgadener Land und kann die Reaktion des Ehemannes der Verstorbenen durchaus verstehen. "Dass der Ehemann und der Sohn nur sehen, wie Kühe auf die Frau loslaufen und sie letztlich an ihren Verletzungen stirbt, ist nur verständlich."

Aber der Bezirksalmbauer weiß auch, dass Kühe nicht einfach so loslaufen. Mutterkühe wollen ihre Kälber beschützen, Jungkühe wollen eventuell auch nur spielen. Der Hund, den die Verstorbene dabei hatte, könnte die Unruhe unter den Kühen ausgelöst haben. "Es fehlt ein neutraler Zeuge, der den Unfall beobachtet hat. Der die Situation rational einordnen könnte."

Fakt ist, ein Richter sieht die Schuld bei dem Landwirt. Er hätte zumindest Teile seiner Weide einzäunen können, so die Begründung. Der Bauer soll jetzt 490.000 Euro Schadensersatz zahlen; 132.832,63 Euro sofort und weiter in Form einer monatlichen Rente von 1.215,50 Euro an den Ehemann sowie 47.500 Euro sofort und eine monatlichen Rente von 352,50 Euro an den Sohn.

Wird das Urteil zum Präzedenzfall?

Der Landwirt hat Berufung eingelegt, somit ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Sein Anwalt Ewald Jenewein befürchtet, wie auch Kaspar Stanggassinger, einen Präzedenzfall, wenn das Urteil rechtskräftig würde. "Das hätte eine Lawine von Folgen insbesondere für Viehhalter im alpinen Bereich. Die freie Weide würde es dann nicht mehr geben, weil man dann jede Fläche von stärker frequentierten Wegen abzäunen muss. Und dann kommt noch das große Problem mit der Frage: Ab wann ist ein Weg stärker frequentiert? Eine Folge könnte dann auch noch sein, dass der Viehhalter ein Queren seiner Gründe nicht mehr erlaubt. Das freie Wegerecht nach dem Forstgesetz gilt nämlich nur für den Wald und nicht für freie Weideflächen", so Jennewein nach der Urteilsverkündung gegenüber dem ORF.

Die ersten Österreichischen Landwirte kündigten schon an, ihren Grund nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine Maßnahme, die Almbauern bei uns in der Region gar nicht durchführen können. "Der Almbauer ist nur Berechtigter, ihm gehört der Almkaser aber der Grund gehört dem Forst oder dem Nationalpark", erklärt Stanggassinger. Somit bleibt den heimischen Almbauern nur die Haftpflichtversicherung, die er für jede einzelnen Kuh, die den Sommer auf der Alm verbringt, abschließen muss. "Da müssen wir uns jetzt erkundigen, wie hoch die Summe ist, die die Versicherung pro Kuh auszahlen würde. Aber wenn sie 490.000 Euro abdecken soll, würden die Beiträge wahrscheinlich so steigen, dass es nicht mehr rentabel ist."

"Die Hunde zu verteufeln ist nicht richtig"

Bisher ist auch dem Bezirksalmbauern in unserem Bereich kein Fall bekannt, bei dem ein Wanderer größer zu Schaden gekommen wäre. Aber auch er weiß, dass es immer möglich ist. Trotzdem hält er nichts von einem generellen Hundeverbot auf Almen, das teilweise gefordert wird: "Die Hunde zu verteufeln ist auch nicht richtig. Keiner weiß, was wirklich vorgefallen ist. Lässt man einen Hund in so einer Situation, in dem Kühe auf ihn zu rennen, einfach laufen, flüchtet er und es sollte nichts passieren." Außerdem gebe es genug Hundehalter, die ihre Hunde bestens erzogen hätten und sich in Gegenwart von anderen Tieren richtig verhielten.

Generell sei der Mensch den Umgang mit Tieren nicht mehr so gewohnt. "Wenn eine Kuh auf mich zu läuft, gehe ich erstmal normal weiter. Wenn sie aber das Interesse immer noch nicht verliert, ist es immer gut einen Stecken dabei zu haben", versucht Kaspar Stanggassinger aufzuklären. Er selbst weiß auch, dass die geforderte deutlichere Beschilderung bei Mutter-Kuh-Herden nichts bringt. Wer diese ignorieren wolle, mache das auch.

Almsommer kommt - sind seine Tage gezählt?

In gut zwei Monaten ist es wieder soweit, dann treiben die Bauern bei uns ihre Kühe auf die Almen. Vorerst wird sich nichts ändern. Aber sollte das Tiroler Urteil rechtskräftig werden, könnte es bei späteren Unfällen als Präzedenzfall herangezogen werden. Somit könnten einige Bauern schon aus Vorsicht ihre Almwirtschaft aufgeben, denn 490.000 Euro kann niemand aus der Portokasse zahlen.

In Tirol hat die Landesregierung zusammen mit den Bauern, Tourismus-Vertretern und dem Alpenverein einen Vier-Punkte-Plan erarbeitet. Neben einem umfassenden Versicherungsschutz für Landwirte sollen sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene die Gesetze nachgebessert werden. Zusätzlich wurde eine Image- und Aufklärungskampagne in Auftrag gegeben. Auch wurde zugesichert, den Landwirt schadlos zu halten, sollte das Urteil rechtskräftig werden.

Eine solche rechtliche Unterstützung gibt es in Bayern nicht.

cz

Quelle: BGland24.de

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