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„Je kälter es wird, desto näher rücken wir zusammen“

Keine Lust mehr auf hohe Preise: Familie aus Schliersee stellt sich selbst das Gas ab

Wollen auch ohne Gas nicht frieren: (v.l.) Helmut, Helmut junior und Birgit Jenne aus Schliersee mit ihren selbst gebauten Teelichtöfen (vorne l.), ihrem Durchlauferhitzer für die Dusche (vorne r.) und weiteren Geräten.
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Wollen auch ohne Gas nicht frieren: (v.l.) Helmut, Helmut junior und Birgit Jenne aus Schliersee mit ihren selbst gebauten Teelichtöfen (vorne l.), ihrem Durchlauferhitzer für die Dusche (vorne r.) und weiteren Geräten.

Keine Heizung, kein warmes Wasser: Was viele Deutsche im kommenden Winter fürchten, hat Helmut Jenne aus Schliersee bereits jetzt. Er hat sich und seiner Familie selbst das Gas abgedreht.

Schliersee – Warmduscher waren sie noch nie, die Jennes. Aber im Schatten des Huberspitz fühlt sich jeder Winter gleich noch ein paar Grad kälter an. Und so hat Helmut Jenne vorgesorgt. Der gelernte EDV-Techniker hat einen CPU-Kühler aus einem Computer in einen Wärmetauscher verwandelt, ihn mit Schläuchen versehen und so in einen Durchlauferhitzer für die Dusche umgebaut.

Energiekrise: Familie dreht Gas ab - und will nur „im extremsten Notfall“ wieder einschalten

„Wir machen Wintercamping“, erklärt der 60-Jährige. Allerdings nicht unter freiem Himmel, sondern im eigenen, seit 1. September unbeheizten Einfamilienhaus. Zu diesem Stichtag haben die Jennes ihre Gastherme abgestellt – und wollen sie nur im „extremsten Notfall“ wie „kurz vor dem Erfrierungstod oder Wasserrohrbruch“ sporadisch wieder einschalten.

Was sich wie ein witziges Experiment anhört, ist für Helmut Jenne, der als Musiker arbeitet, verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat, bitterer Ernst. „Wir haben Krieg“, sagt er. Als nichts anderes könne man die jüngste Gaspreisentwicklung bezeichnen. Genau 709 Euro müsse die vierköpfige Familie jeden Monat als Abschlag für ihre Rechnung bezahlen.

Die Preise seien innerhalb eines Jahres um das 4,5-fache gestiegen, obwohl Erdgas auf dem Weltmarkt zuletzt wieder um 20 Prozent billiger geworden sei. Als „kriegerischen Akt gegen die Bevölkerung unseres Landes“ bezeichnet Jenne diese Entwicklung. Die Menschen würden enteignet, ausgehungert und zum Frieren gezwungen.

Hohe Gaspreise: Nullverbrauch als Protest gegen Machtspiele in Wirtschaft und Politik

Ob nun die Machtspiele von Großmächten, Konzerneliten oder Spekulanten daran Schuld sind, mag Jenne noch nicht beurteilen. Für ihn steht aber fest, dass seine Familie aus diesem Spiel aussteigen will. Denn die Hilfspakete der Bundesregierung würden am Ende ohnehin wieder die Bürger selbst bezahlen. Die Jennes haben einen anderen Weg gewählt: Seit September ist ihr Gasverbrauch gleich null.

Zumindest der, der am Ende auf der Abrechnung ihres Versorgers stehen wird. Denn ganz ohne diesen Energieträger werden die Schlierseer bei ihrem Wintercamping nicht auskommen, räumt der 60-Jährige ein. So wird ihr Durchlauferhitzer für die Dusche mit Butangasflaschen befeuert. Auch der Kocher, den sie zur Zubereitung von Essen und Heißgetränken nutzen wollen, falls es zusätzlich noch zum Strom-Blackout kommt. „Und davon bin ich überzeugt“, sagt Jenne.

Ihre Wohnräume beheizt die Familie hingegen mit Kerzen. Mehrere Teelichtöfen hat der Tüftler im Erd- und Obergeschoss verteilt. Bei ausreichend Durchzug sei hier auch keine Brandgefahr zu befürchten. Bedeutet im Umkehrschluss, dass die Jennes im Winter ums Stoßlüften nicht herumkommen. Sollte doch etwas schief gehen, sind sie mit Kohlenmonoxydmelder sowie mit einem Feuerlöscher ausgestattet. Und sollte die Raumtemperatur doch mal in den Keller rutschen, könne man mit einer Propangasheizung binnen 15 bis 20 Minuten das Zimmer wieder auf 18 bis 20 Grad erwärmen.

Energiekrise: Keine Handwerker für Holzöfen verfügbar

Aber wäre es nicht leichter gewesen, einfach eine andere Heizung einzubauen? Nein, erklärt der 60-Jährige. Solarthermie habe wegen der schattigen Lage seines Hauses keinen Sinn, und die eigentlich geplante Installation von zwei Holzöfen scheiterte an den ausgebuchten Handwerkern. Also bleibt der Familie nichts anderes übrig, als auf Teelichter und die dicken Mauern ihres Zuhauses zu vertrauen. „Je kälter es wird, desto näher rücken wir halt zusammen“, sagt Jenne. Auch in der Nachkriegszeit hätten sich die Menschen im Winter nur in wenigen Räumen aufgehalten.

Seine Kriegserklärung in Sachen Gasstopp hat der Schlierseer übrigens auch seinem Versorger geschickt. Mit der Aufforderung, die Abschlagszahlungen ab 1. September auf null zu setzen. Der habe aber erklärt, dass die Verbräuche aus den Vorjahreswerten geschätzt würden und deshalb nicht einfach gestrichen werden könnten. Jenne will sich damit nicht abfinden und kündigt erbitterten Widerstand an. Er will mit aller Härte kämpfen – bis kurz vorm Wasserrohrbruch. sg

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