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Viel Arbeit im Wald

Forstbetriebsleiter Utschig aus Wasserburg versteht Spaziergänger, wirbt aber um Rücksicht

Schaut im Wald auf der Baustelle nach dem Rechten: Dr. Heinz Utschig, Forstbetriebsleiter bei den Bayerischen Staatsforsten (rechts). Gemeinsam mit Revierleiter und Förster Walter Zwirglmaier wirbt er bei den Spaziergängern, die während des Lockdowns vermehrt den Wald für sich entdecken, um Verständnis und Rücksichtnahme.Klemm/Günster
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Schaut im Wald auf der Baustelle nach dem Rechten: Dr. Heinz Utschig, Forstbetriebsleiter bei den Bayerischen Staatsforsten (rechts). Gemeinsam mit Revierleiter und Förster Walter Zwirglmaier wirbt er bei den Spaziergängern, die während des Lockdowns vermehrt den Wald für sich entdecken, um Verständnis und Rücksichtnahme.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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Vorsicht, Lebensgefahr! Auf Sperrbanner mit dieser Warnung trifft man derzeit in den Bayerischen Staatsforsten. „Wir haben unsere Arbeitsspitze“, erklärt Forstbetriebsleiter Dr. Heinz Utschig aus Wasserburg. Leider ignorieren das manche Flanierer, die es wegen des Lockdowns vermehrt in den Wald zieht.

Wasserburg/Maitenbeth – Der Duft von Fichtenharz liegt in der Luft. In der Nähe ist eine Motorsäge zu hören und ein schwerer Harvester, der in einer Rückegasse im Großhaager Forst gerade einen Baum fällt. Der Boden ist kalt und fest und die Bäume stehen nicht im Saft. Ideale Zeiten für den Winterschlag.

Hochbetrieb bei den Staatsforsten

Im Wald herrscht Hochbetrieb – bei den Bayerischen Staatsforsten, die jetzt ihre Arbeitsspitze haben. Und bei den Erholungssuchenden, die durch den Corona-Lockdown das Spazierengehen im Wald für sich entdeckt haben – auch wochentags. So kommen sich Waldarbeiter und Flanierer schon mal in die Quere.

Dr. Heinz Utschig, Forstbetriebsleiter, wirbt um Verständnis und Rücksichtnahme. „Wir wollen ein Miteinander und haben ein Herz für die Erholungssuchenden.“ Durch den Lockdown haben vielen Menschen die heimischen Waldungen als Freizeitkulisse entdeckt.

Erholung trifft auf Motorsäge

Das Problem derzeit im Wald: Die einen wollen Zerstreuung und Freizeitwert, die anderen machen ihre Arbeit: Waldumbau und Holzernte. „Wir werkeln da und erzeugen Lärm, das stört die Menschen, die Ruhe und Zuflucht in der Natur suchen. Für uns ist das aber ein Arbeitsplatz“, erklärt Utschig, der zehn Förster und ein Team aus 35 Waldarbeitern leitet. „Wir produzieren Holz“.

Die Nachfrage sei stark gestiegen, der Holzpreis war vor fünf Jahren noch im Keller. Jetzt sei er gut. „Wir nutzen die Chance und erwirtschaften ordentliche Preise.“ Statt das Holz dem Borkenkäfer zu überlassen.

Nachhaltiger Waldumbau

Fällungen seien für einen nachhaltigen Waldumbau – um wegen des Klimawandels nicht das Nachsehen zu haben – essenziell. Die Gestaltung erfolgt häppchenweise. Wer immer schon Waldspaziergänger war, kennt die Zyklen der Waldarbeit. Die „Neuen“ stellen auch mal die Frage, „wieso schneidet ihr schon wieder die Bäume um“ oder „warum macht ihr so einen Krach“. Kommunikation sei hier gefragt.

Dabei sei die Holzentnahme gering. Werden 50 Festmeter Holz von 400 Kubikmetern, die auf einer Fläche eines Hektars stehen, herausgeschnitten, mache dies zwölf Prozent aus. „Die stehen gebliebenen Bäume werden dicker und so wachsen innerhalb von zehn Jahren 100 Festmeter nach“, erklärt Utschig.

Gearbeitet wird nicht im ganzen Wald kreuz und quer, sondern konzentriert. Derzeit etwa für drei Wochen auf 20 Hektar im Großhaager Forst, der 50-mal so groß ist.

Die kleinteilige naturnahe Waldbewirtschaftung sei eine mitteleuropäische Forstspezialität. Anders in Amerika oder Finnland, wo man per Nutzungsrecht für ein ganzes Tal die Lizenz zum Kahlschlag erwerben kann. „Hier läuft das gefühlvoll. Es ist wie eine Fieselarbeit mit dem Skalpell, nur einzelne Bäume werden entnommen“, erklärt der Chef des Forstamtes. Ausgelichtet wird dort, wo es sinnvoll ist: So entsteht Platz für Verjüngung, die restlichen Bäume können dicker werden. Oder Buchen sowie Tannen werden nachgepflanzt.

Fichte nach un nach ersetzen

Die Fichte wird nach und nach ersetzt – sie verträgt die Klimaerwärmung nicht.

Beim Besuch auf der Baustelle im Wald erklärt Dr. Utschig, die Bayerischen Staatsforsten bewirtschaften etwa 20 000 Hektar Wald, die dem Freistaat gehören. Dazu zählen neben dem Großhaager und dem Ebersberger Forst auch der Mühldorfer Hart, der Altöttinger Forst und kleine Wälder entlang der B12 bis vor die Tore von Passau. Die Fläche des Wasserburger Waldanteils (Altenhohenau, Streitholz, Burgholz und Weinberg) ist mit 2000 Hektar vergleichsweise klein.

Am liebsten regionale Forstunternehmer

Die Forststrecke umfasst rund 130 Kilometer. Mühsam zu bewegen sind die großen Maschinen, die für die Holzernte gebraucht werden. Darum setzt das Forstamt punktuell vor Ort am liebsten regionale Forstunternehmer ein. So wie Alexander Egglmeier aus Pfaffing, der mit seinem Harvester in einer Rückegasse gerade am Werk ist.

Waldarbeit ist heute High-Tech

Utschig und Revierleiter Walter Zwirglmaier statten ihm, gemeinsam mit zwei Referendaren einen Besuch ab. Emanuel Geier und Sebastian Hackl sind angehende Forstwissenschaftler und schauen sich den „Fällgreifer“ der schweren Maschine genau an.

Vier Vorschubwalzen greifen und halten den Baum, bevor ihn die Entastungsmesser und die dahinterliegende Kappsäge zu packen bekommen. Das Ganze läuft computergesteuert; dabei vermisst ein Messrad auch gleich den Stamm. „Früher war Waldarbeit schlicht, inzwischen ist das eine High-Tech-Branche“, sagt Utschig, „es ist eine Kunst, diese große Maschine zu zähmen.“

Betrieb muss zertifiziert sein

Egglmeiers Betrieb ist zertifiziert, sonst könnte er nicht für die Staatsforsten arbeiten. Das verlangt einen behutsamen Umgang mit dem Wald. Die eisernen Bänder um die riesigen Harvester-Reifen gelegt machen dem Boden weniger aus, wenn sie über ein dickes Polster aus Reisig fahren. „Aufdaxen“ heißt das in der Forstsprache.

Rückegassen werden zu Biotopen

„Harvester hatten eine zeitlang einen schlechten Ruf, oft sah es aus, als habe eine Bombe eingeschlagen, die Folgeschäden des Bodendrucks waren zu groß“, weiß Sub-Unternehmer Egglmeier. Die Spaziergänger empfinden frische Rückegassen nicht selten als Störung ihres Waldgenusses. Doch die Schneisen sind bald wieder eingewachsen.

Die Zweige verbleiben in den Fahrrinnen der Rückegasse, das mag die Natur. Über Nährstoffe und Humus freut sich die Erde, über Verstecke kleine Tiere. Im Sommer bilden sich in den Rinnen oft kleine Pfützen – ein Biotop für allerlei Getier, das sich hier pudelwohl fühlt.

Die Regeln im Winterwald

Mitunter begeben sich Lustwandelnde in akute Gefahr, weil sie Sperrbanner im Wald umgehen, warnt Dr. Heinz Utschig. Manche sogar mit Kopfhörern auf den Ohren. „Das ist grob fahrlässig, da setzen die ihr Leben aufs Spiel.“

So könne Totholz abbrechen, oder ein Baum falle anders als gewollt um und erschlage wohlmöglich einen Spaziergänger. Die Waldarbeit ist schon für die Forstarbeiter ein gefährlicher Job. Nach Angaben der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) kommen jährlich im Schnitt 24 Personen bei Arbeiten in Privat- und Kommunalwald ums Leben. Umso mehr sollten sich Erholungssuchende an Regeln halten.

Das bedeutet, auf den Waldwegen zu bleiben und auch, nicht ins Unterholz zu gehen. Dort scheucht man Wildtiere auf, bringt ihren Energiehaushalt durcheinander. Sie fangen an, junge Triebe zu verbeißen, weil sie wegen des Stresses mit einem unnötigen Kräfteverzehr zu kämpfen haben und im Schnee kein Futter finden, erklärt Revierleiter Walter Zwirglmaier. Auch Hundehalter sind aufgerufen, ihren Vierbeiner entweder im Griff zu haben oder anzuleinen.

Die Rückegassen gehören den Waldarbeitern und der Natur; sie sind für Radler und Reiter nicht geeignet. Jene und auch Spaziergänger oder Langläufer sollten immer auf den Waldwegen bleiben.

Geräumt wird seitens des Forstamtes nur dort, wo Waldarbeiter, Förster und Maschinen unterwegs sein müssen. Nicht zuletzt, um eine notärztliche Versorgung zu sichern, falls es zu einem Unfall im Forst kommt. „Ein Sanka muss in 20 Minuten da sein und hat keine Schneeketten“, sagt Utschig.

Die allermeisten Besucher des Waldes seien vernünftig und machen Platz, wenn eine Forstmaschine passieren muss. Leider sehen manche Leute partout nicht ein, dass sie aus dem Weg gehen sollen. „Unsere Angestellten fahren dann geduldig hinter ihnen her“, berichtet der Forstbetriebsleiter. Gerade in den Teambesprechungen sei das zuletzt häufig ein Thema gewesen.

Gedankenlos seien auch jene Menschen, die sich über einen geräumten Waldweg freuen und die Einfahrt zuparken. „Da kommt dann der Holzlaster nicht durch“, so Utschig, der auf Verständnis und Rücksichtnahme seitens der Bevölkerung hofft.

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Umfrage der TU München unter Waldbesuchern

Der Lehrstuhl „Wald- und Umweltpolitik“ der TU München hat im Frühjahr 2020 mithilfe einer Online-Befragung unter Waldbesuchern heraus gefunden, welche Bedeutung der Wald als Erholungsraum für die Menschen während der Pandemie hat. Dazu hängten die Studenten Schilder mit Infos und QR-Code in Wäldern auf. Die Teilnehmenden gaben an, der Wald sei Raum der Distanzierung – um Abstand zu gewinnen, vom eigenen Wohnumfeld etwa. Er biete ihnen Zuflucht, sei Raum von Regeneration, Gesundheit und innerer Ruhe. Während der ersten Covid-Welle, so der Lehrstuhl, gab es einen deutlichen Besucheranstieg von 40 Prozent. Ein Zitat der Studie: „Es ist ein Ort, wo man sich trotzdem aufhalten darf, an dem das Thema nicht die Gedanken beherrscht und wo man noch rundherum Normalität erlebt.“

Die Rückegasse wird vor dem nächsten Befahren „aufgedaxt“.
Wie der „Fällgreifer“ am Harvester funktioniert, das erklärt der Forstunternehmer Alexander Egglmeier aus Pfaffing.
Die Holzpolter warten: Bald kommt der Holzlaster und bringt die Stämme ins Sägewerk. Im Großhaager Forst werden derzeit 1000 Festmeter geerntet.
Der schwere Harvester fährt auf Reisig – was den Boden schont.

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