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Beinahe-Katastrophe vor EM-Spiel Deutschland - Frankreich

Rosenheimer Greenpeace-Aktivist bei EM in München: Scharfschützen waren zum Schuss bereit

Gerade verliest der Stadionsprecher die Aufstellung Deutschlands vor dem EM-Spiel gegen Frankreich. Da fliegt ein gelber Fallschirm in die Münchener Arena ein. Der Greenpeace-Aktivist am Fallschirm arbeitet in Rosenheim. Und er schwebte nicht nur am Fallschirm, sondern auch in erheblicher Gefahr.

München – Man kann sich den Wahnsinn im Internet anschauen, im Fernsehen war davon am Dienstagabend nichts zu sehen. Der Stadionsprecher liest gerade auf Englisch die Mannschaftsaufstellung vor, „number six Joshua Kimmich, eight Toni Kroos“, alle Spieler stehen schon auf dem Platz. Da rauscht ein Motorschirmflieger nur knapp über die Köpfe der Besucher in den ersten Reihen der Allianz Arena.

Fallschirm-Flieger praktiziert in Rosenheim als Chirurg

Zwei Zuschauer erwischt er, bevor er kurz darauf mit Gleitschirm und Propeller auf dem Rücken auf dem Feld notlandet. Der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger geht zu dem 38-jährigen Piloten, der nach unseren Informationen in Rosenheim als Chirurg praktiziert. Rüdiger tätschelt ihn an der linken Schulter und erkundigt sich, ob alles okay ist.

Ein Greenpeace-Aktivist landet mit einem Fallschirm auf dem Feld der Arena in München kurz Anpfiff der Partie Deutschland - Frankreich. Der Mann arbeitet in Rosenheim.

Aber okay ist in diesem Moment nichts. Der Pilot, ein Greenpeace-Aktivist, ist womöglich nur mit viel Glück mit dem Leben davon gekommen – und das hat nichts mit seinen Flugkünsten zu tun.

Innenminister bestätigt: Scharfschützen waren zum Schuss bereit

„Man hat aufgrund der Beschriftung ,Greenpeace‘ davon abgesehen, dass Scharfschützen hier eingegriffen haben“, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) der Bild-Zeitung: „Wenn die Polizei zu einer anderen Einschätzung gekommen wäre, dass es sich um einen Terror-Anschlag handeln könnte, dann hätte der Flieger die Aktion möglicherweise mit seinem Leben bezahlen müssen.“

Der Greenpeace-Aktivist auf dem Spielfeld in München vor dem Spiel Deutschland - Frankreich. Bei seiner Bruchlandung verletzte er zwei Menschen.

Während Fußballdeutschland das 0:1 gegen Frankreich einigermaßen gut verdaut, sorgt dieser Moment kurz vor Anpfiff der ersten deutschen EM-Partie auch einen Tag danach für Aufregung. Der Pilot hatte keine volle Kontrolle über sein Fluggerät – einige Zuschauer, das zeigen die Handyvideos, die es gibt, sind nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

„Kick out Oil“ – Protest gegen EM-Sponsor VW

Eigentlich will der Greenpeace-Aktivist am Dienstagabend um Punkt 21 Uhr einen gelben Latexball mit dem Aufdruck „Kick out Oil“ (Schmeißt das Öl raus) in die Allianz Arena werfen – ohne selbst auf dem Feld zu landen. Im Anflug streift sein Gleitschirm aber die Kabel der über dem Spielfeld aufgehängten Kamera.

Er kommt ins Trudeln. Kurz nach der Aktion twittert die Umweltschutzorganisation lapidar: „Dieser Protest hatte nie die Absicht das Spiel zu stören oder Menschen zu verletzten. Wir hoffen, dass es allen gut geht und niemand ernsthaft verletzt wurde. Greenpeace Aktionen sind immer friedlich und gewaltfrei. Leider ist bei dieser Aktion nicht alles nach Plan gelaufen.“

Über den Hintergrund der Greenpeace-Aktion spricht am Tag danach keiner mehr

Wahrscheinlich ist die Protestaktion in München eines der größten Eigentore, das sich Greenpeace in seiner bisherigen Geschichte geleistet hat – sogar aus dem politisch freundschaftlich gesinnten Lager hagelt es scharfe Kritik. „Wichtiges Thema, aber krass idiotische und unverantwortliche Aktion“, schreibt der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz bei Twitter.

Der Greenpeace-Protest ist ursprünglich gegen den EM-Sponsor Volkswagen gerichtet, der laut den Klimaaktivisten, bittschön den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren stoppen soll. Aber darüber spricht einen Tag später keiner mehr. „Der Hinweis, es sei nicht alles nach Plan gelaufen, klingt bei so einer Aktion ja fast zynisch“, sagt CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt unserer Zeitung. „Greenpeace muss jetzt darlegen, ob im Umfeld der Fußball-EM weitere Aktionen geplant sind oder waren, wer die Urheber dieser Ideen sind und wie Greenpeace selber dafür sorgt, dass es zu keiner weiteren Gefährdung der Öffentlichkeit und der handelnden Personen kommt.“

CSU-Generalsekretär spricht von „Ökoextremismus“

CDU-Politiker Friedrich Merz geht sogar noch einen Schritt weiter, weil es natürlich auch ein einschussbereiter Elfmeter ist, den der politische Gegner hier liegen lässt. „Nach dem Vorfall von gestern mit einer ernsthaften Gefährdung der Stadionbesucher wird es Zeit, die Gemeinnützigkeit von Greenpeace zu überprüfen“, schreibt Merz. CSU-Generalsekretär Markus Blume erhebt die gleiche Forderung und präsentiert auf Twitter ein Bildchen des Vorfalls samt gesamtpolitischer Interpretationshilfe. „Ökoextremismus ist kein Kavaliersdelikt“, heißt es dort. 

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kündigt umgehend Konsequenzen für den Piloten an, der gestern direkt nach seiner Landung festgenommen wurde. „Das wird genau behandelt, das sind klare Verstöße“, sagt der CSU-Politiker im BR.

Pilot der Greenpeace-Aktion wieder auf freiem Fuß

Die Münchner Polizei äußert sich am Mittwochmittag zum Vorfall. Einer der Verletzten, ein 42-jähriger Ukrainer, der für den Veranstalter vor Ort gearbeitet hatte, befinde sich demnach immer noch in ärztlicher Behandlung. Laut Polizei erlitt der Mann Verletzungen an Kopf und Hals, müsse aber nicht intensivmedizinisch betreut werden. Bei dem anderen Opfer handelt es sich um einen 36-jährigen Franzosen, der ebenfalls beruflich im Stadion zu tun hatte. Er erlitt eine Kopfverletzung und wurde inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen.

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Der Pilot ist unverletzt, befindet sich laut Polizei wieder auf freiem Fuß, muss sich nun aber wegen diverser Straftaten verantworten. Gegen ihn wird wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr, wegen eines Verstoßes gegen das Luftverkehrsgesetz und wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Polizei überprüft vor weiteren Deutschland-Spielen das Sicherheitskonzept

Für die weiteren EM-Spiele in München, am Samstag spielt Deutschland gegen Portugal, wollen Polizei und Bundeswehr das bestehende Sicherheitskonzept noch einmal neu bewerten. Der Einsatz von Hubschraubern, heißt es, sei dabei nicht ausgeschlossen. 

Auch die Umweltorganisation, die schon immer für ihre aufsehenerregenden Kampagnen bekannt ist, meldet sich gestern noch mal zu Wort. „Wir bitten die beiden Personen, die während der Greenpeace-Aktion gestern verletzt wurden, aufrichtig um Entschuldigung“, sagt ein Sprecher. „Der Pilot wollte einen Ballon ins Stadion schweben lassen, musste dann aber dort notlanden, da die Hand-Gassteuerung des Gleitschirms versagt hat. Dadurch dass es keinen Schub mehr gab, hat der Schirm plötzlich an Höhe verloren.“ Man sei gerade dabei, das aufzuklären. Und, sagt der Greenpeace-Sprecher, „wir stehen dafür natürlich auch gerade“.

Rubriklistenbild: © Christian Charisius / dpa

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