Mitgliederrückgang, Finanzen, Ehrenamt

So leiden Sportvereine unter der Corona-Pandemie: „Aktuelle Zeit eine Katastrophe“

Heiko Hiller, Geschäftsführer SV Wacker Burghausen, in einer leeren Halle. Dieter Wüst, Kreisvorsitzender des Bayerischen Landesportverband.
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Leere Hallen locken keine neuen Mitglieder an und kosten aber Geld. Nur eines von vielen Problemen, mit denen sich Heiko Hiller (links), Geschäftsführer SV Wacker Burghausen, herumplagen muss. Dieter Wüst (rechts), Kreisvorsitzender des Bayerischen Landesportverband, macht sich deshalb große Sorgen um die Sportvereine.

Kaum ein Bereich bleibt während der Corona-Pandemie unverschont. Doch mit rund 44.000 Mitglieder in 69 Sportvereinen im Landkreis Altötting betreffen die derzeitigen Sorgen der Verantwortlichen einen Großteil der Bevölkerung. Heiko Hiller, Geschäftsführer SV Wacker Burghausen, und Dieter Wüst, Kreisvorsitzender des Bayerischen Landesportverband (BLSV), wollen endlich eine Perspektive für den Breitensport. 

Landkreis Altötting – „Die aktuelle Zeit ist einfach eine Katastrophe“, berichtet Dieter Wüst, BLSV-Kreisvorsitzender für den Landkreis Altötting, gegenüber innsalzach24.de. Dabei hebt er besonders drei große Sorgen hervor, mit denen die Sportvereine während der Corona-Pandemie zu kämpfen haben: die rückläufigen Mitgliederzahlen, finanzielle Probleme und das Ehrenamt.

Sportvereine in der Corona-Krise: Viele Probleme, keine Lösung

Der gesundheitliche Aspekt spiele offenbar gar keine Rolle. Bewegung, Fitness und Gesundheit seien derzeit besonders bei den Jugendlichen ein Problem. Auch die soziale Komponente bricht weg. Sport bedeutet ja nicht nur Training, sondern auch Geselligkeit und Kameradschaft.

Besonders das Getue um den Profisport nerve den Kreisvorsitzenden. Dort würde es nur um den finanziellen Aspekt gehen. „Die fliegen durch ganz Europa und die heimischen Vereine dürfen nicht mal Übungsstunden für Kinder abhalten. Das passt nicht zusammen“, so Wüst.

SV Wacker Geschäftsführer: „Bewegungsförderung für Kinder wichtiger als neue Frisur“

Bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 müsse die Möglichkeit des Breitensports wieder eröffnet werden wie im Frühsommer, so die Forderung von Wüst. „Wir haben im letzten Jahr im Sportkreis Altötting keinen einzigen Corona-Fall durch den Sport gehabt“, schildert Wüst. Die Vereine im Landkreis hätten sehr gut darauf geachtet und können das.

Dies bestätigt auch Heiko Hiller, Geschäftsführer SV Wacker Burghausen. Aber natürlich sagt jede Branche berechtigterweise, dass ihre Hygienekonzepte greifen – egal ob Gastro, Einzelhandel oder Friseure. Die Politik müsste aber priorisieren. „Besonders Bewegungsförderung für Kinder müsste an oberster Stelle stehen. Dies ist wichtiger als Essen und Einkaufen zu gehen oder eine neue Frisur“, stellt Hiller gegenüber innsalzach24.de dar.

Studie: Jedes dritte Kind mit physischen Auffälligkeiten

Eine Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf mach dabei Sorgen. Demnach zeige jedes dritte Kind physische Auffälligkeiten. In der zweiten Lockdown-Phase würden zudem zehn Mal mehr Kinder keinen Sport mehr machen als noch beim ersten Lockdown. Hinzu kommen schlechtere Ernährung und mehr Zeit vor dem Laptop/Tablet aufgrund des Distanzunterrichtes.

„Natürlich ist es ein Risiko, wenn mehr Kontakte zugelassen werden. Aber bevor alles verboten wird, müssten wir gezielt einzelne Gruppen fördern, die es dringend benötigen“, fordert der SV Wacker Geschäftsführer. Risikopatienten würden ja auch geschützt werden. Und die Jugend müsste auch geschützt werden, nämlich vor Langzeitschäden.

„Ich habe selbst zwei Kinder in der Grundschule. Sie hatten seit September keinen Sportunterricht. Das wird sich auch bis Sommer nicht ändern“, glaubt Hiller. In dieser sensiblen Entwicklungsphase hätten die Kinder ein Jahr keine gezielte Bewegungsförderung. Das könne man nicht einfach wieder aufholen.

Große Vereine leider finanziell mehr

Doch auch finanziell kommen die Sportvereine in Bredouille. Eigene Sportstätten müssten bewirtschaftet werden. „Diese Kosten kann man im Lockdown nicht auf Null fahren. So müssen Gebäude beheizt werden, auch wenn diese nicht genutzt werden. Dazu gehören auch Instandhaltungsmaßnahmen“, erklärt Hiller.

Heiko Hiller, Geschäftsführer beim SV Wacker Burghausen, fordert von der Politik eine Priorisierung für den Sport.

Größere Vereine haben aber auch eigenes Personal angestellt, beispielsweise Putzkräfte, Hausmeister, Platzwarte, Sportlehrer und Verwaltungspersonal – im Falle des SV Wacker Burghausen sind das 22 Personen. Zwar könne Kurzarbeit etwas helfen, jedoch sei dies nicht das Mittel um mittelfristig durch den Lockdown zu kommen.

Weniger Mitglieder = weniger Einnahmen

Hinzu kommen weniger Einnahmen durch einen Mitgliederrückgang. „Wir bieten sehr viele Dienstleistungen in den Bereichen Fitness, Rehabilitation und klassische Gesundheitsangebote an. Wenn diese nicht erbracht werden, kündigen natürlich viele Leute“, so der Geschäftsführer. 2020 hat der SV Wacker 50 Prozent mehr Austritte im Vergleich zu den Vorjahren. Gleichzeitig wurden 50 Prozent weniger Neueintritte verzeichnet.

Ohne ein Sportangebot sei dies jedoch keine Überraschung. Das Online-Training einzelner Abteilung sei natürlich ein gutes Angebot, aber damit kann der SV Wacker keine nennenswerten Neuzugänge erreichen. „Das war auch nicht unser Ansatz. Das Angebot richtet sich an die Mitglieder, die uns die Treue gehalten haben. Dies ist ein guter Ersatz, aber einfach nicht das Gleiche“, so Hiller.

Perspektive wichtig

Auf diese Probleme haben zuletzt 14 Großvereine, darunter auch der SV Wacker Burghausen, in einem Positionspapier hingewiesen und mehr finanzielle Unterstützung sowie ein baldige Erlaubnis für den Breitensport gefordert. „Wir drängen nicht, dass alle Hallen ab 1. März wieder offen haben. Wir sind ja auch keine Träumer. Aber eine Perspektive für den Sport im Freien ist wichtig“, so Hiller. Dabei wolle man wieder Vereinssport anbieten, damit auch soziale Kontakte wieder gepflegt werden können. Diese liegen seit über drei Monaten brach.

Wüst steht übrigens voll hinter diesem Positionspapier: „Wir müssen mit allen Mitteln Druck auf die Politik ausüben. Die Bedeutung von Bewegung, Sport, Gesundheit und auch Sozialverhalten würde derzeit nicht erkannt werden.“ Sportvereine leben zudem von ehrenamtlichen Personen. Die Motivation würde bei einem so großen Zeitraum sinken, sich ehrenamtlichen zu engagieren. „Vielleicht hören hier manche für immer auf“, so die Befürchtung von Wüst. Damit wäre die Katastrophe wohl noch schlimmer als gedacht.

jz

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