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Ortstermin zum Thema Wolf mit Gisela Sengl im BGL

Grüne diskutieren sachlich mit Schafzüchtern zum Thema „sinnvolles Wolfsmanagement“

(v.l.) Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin und regionale Abgeordnete der Grünen- Landtagsfraktion, Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, sein Parteikollege Wolfgang Ehrenlechner und Forstwissenschaftler Dr. Bernhard Zimmer
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Beim Ortstermin am Högl im Berchtesgadener Land trafen sich unter anderem (v.l.) Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin und regionale Abgeordnete der Grünen- Landtagsfraktion, Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, sein Parteikollege Wolfgang Ehrenlechner und Forstwissenschaftler Dr. Bernhard Zimmer.
  • VonHans-Joachim Bittner
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Beim Ortstermin am Högl zum Thema „Wolfsmanagement“ diskutierten Vertreter der Grünen, Schafhalter und der Organisator Dr. Bernhard Zimmer darüber, wie sinnvoll mit den Wölfen in der Region umgegangen werden soll.

Berchtesgadener Land - Sofort war eines klar: Zwei Welten prallten aufeinander. Zwischenzeitlich avancierte die Diskussion zu den Fragen „Welche Möglichkeiten bietet modernes Wildtier-Management in Bayern einerseits für große Beutegreifer wie den Wolf, andererseits für die Weidetierhalter in Bayern?“ und „Welche Anreize kann die Politik schaffen, um deren präventive Schutzmaßnahmen zu unterstützen?“ zwischen Vertretern der Grünen, Schafhaltern und Organisator Dr. Bernhard Zimmer, der beide Seiten vertrat, zum echten Streitgespräch. Es blieb jedoch stets sachlich.

Gleich zu Beginn machte Martin Winkelmair als Vertreter der Schafhaltervereinigung Berchtesgadener Land seinen Standpunkt mittels Maximalforderung unmissverständlich klar: „Kein Wolf“. Das fachte die Runde regelrecht an, stundenlang wäre Gesprächsstoff parat gewesen, um „ausdiskutiert“ zu werden. „Machen wir uns nichts vor“, meinte Dr. Zimmer, „der Wolf ist da“. Das belegen bei Teisendorf entnommene und ausgewertete Kot-Proben. „Zwar wurde noch keiner im Berchtesgadener Land gesichtet, aber er war bereits da. Deshalb werden weitere Wölfe folgen. Das steht fest.“

Zimmers Intention für den Lokaltermin am Högl unweit des vor sieben Jahren eröffneten Bienenwegs war „informieren statt aufhetzen“. Der Forstwissenschaftler: „Ich habe selbst Schafe und verstehe die Problematik.“ Gleichwohl sei die Argumentation schwierig. Im Oktober letzten Jahres begann der Pidinger Grünen-Gemeinderat gleich neben dem Bienen- und Blumengarten am Johannishögl mit der Haltung von mittlerweile selten gewordenen „Alpinen Steinschafen“, das sind reinrassige Nutztiere. Die Herde ist mittlerweile auf zwölf Tiere angewachsen und soll auf 30 bis 40 ausgebaut werden.

„Ich bin Förster mit Jagdschein“, so Zimmer, der damit unterstreichen möchte: „Ich habe tatsächlich für beide Seiten Verständnis“. Das Wohl der Natur und damit gleichermaßen der Tiere steht für ihn ganz oben. Seit er seine Schafe – unter anderem von Biologin Gisela Badura-Lotter aus Marktschellenberg – besitzt, macht er vor Ort die Erfahrung: „Dort, wo Schafe grasen, steigt die Vielfalt. Die Wiesen werden bunter, die Kräuter-Population wird gefördert, weil die Tiere gern dominante Gräser abfressen.“ Zimmer erhofft sich gerade auch in den steileren Lagen eine stete Verbesserung der Artenvielfalt. Würde er hier mähen wie zuvor, mit schwerem Gerät, wären die Flächen um einiges trostloser.

Mehr Pragmatismus, weniger Bürokratie

Allein die Schafe entsprechend zu schützen – nicht nur vorm Wolf, auch vor Hunden – macht Dr. Bernhard Zimmer „fast wahnsinnig“. Er erteilt der „teils völlig irrsinnigen“ Bürokratie, die in diesem Land wütet, eine klare Absage. „Mehr Pragmatismus, weniger Nachweispflicht“, fordert der Grüne. „Warum so wenig Prävention? Warum immer erst nach der Katastrophe handeln?“, fragt er.

„Der Wolf ist gesichert, die Population nicht gefährdet“, weiß Martin Winkelmair, der zudem Vorstandsmitglied der Bayerischen Herdbuchgesellschaft für Schafzucht ist. Im Berchtesgadener Land besitzen die 150 Mitglieder der heimischen Schafhaltervereinigung rund 3000 Tiere – zur Zucht, zum lebend verkaufen, zum Schlachten. Viel geht nach Ost-Europa, dazu wächst der Markt in Österreich und der Schweiz. Er selbst besitzt unter anderem Brillenschafe, und sieht große Probleme auf sich und die regionalen Schafzüchter zurollen: „Weil wir immer in der Beweispflicht sind, sollte ein Schaf gerissen werden.“ Deshalb sei eine zweite Probe auf Eigeninitiative sinnvoll.

Hat sich beispielsweise ein Fuchs an einem bereits gerissenen Schaf satt gefressen, ist der Nachweis, dass der Wolf der Übeltäter war, schwierig. „Der Fuchs reißt ja keine Schafe“, so Zimmer, der Winkelmairs Sorgen absolut nachvollziehen kann.

Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin und regionale Abgeordnete der Grünen-Landtagsfraktion stellte zunächst die grundsätzlichen Fragen, die sich immer wieder im Zusammenleben Tier und Mensch – und in diesem Zusammenhang dessen Interessen – stellen: „Welches Tier darf wo leben? Wie erreichen wir Einklang, in unserer relativ dicht besiedelten Kulturlandschaft?“ Dazu müsse zunächst einmal der Erhaltungszustand ermittelt werden, um schließlich entsprechende Regeln zu generieren. Die Traunsteinerin mit eigenem Bioland-Gemüsehof würde die Sachlage gern umdrehen: „Wir sollten uns neben einem sinnvollen Flächen-Management ganz genau anschauen, wie wir die Schafhaltung besser fördern können?“

Denn momentan ist es so, dass Entschädigungen erst fließen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sprich der Wolf ein Schaf gerissen hat. Soweit wollen es die heimischen Schafzüchter und -halter freilich erst gar nicht kommen lassen. „Das aktuelle Förderregime ist nicht sinnvoll“, so Dr. Zimmer, weil es dieses lediglich in ausgewiesenen Gebieten gibt, in denen der Wolf bereits lebt und Schäden verursachte.

Herbert Tschakert aus Anger, Besitzer von rund 100 Schafen, darunter 54 Muttertieren von fünf im Aussterben befindlicher Rassen auf zirka sieben Hektar, nahm der zuvor intensiv geführten Zaunhöhen-Diskussion ein wenig den Wind aus den Segeln. „Der Wolf lässt sich halt selbst durch einen Zaun möglicherweise nicht aufhalten. Er kann relativ locker über eine zwei Meter hohe Umzäunung springen.“ Nur noch Zäune, vor allem die falschen, seien ohnehin nicht zielführend, meinte Dr. Zimmer, weil „wir dadurch obendrein die Wege zahlreicher Wildtiere, auch kleinerer behindern“.

Frösche, Igel, Hasen hätten allesamt keine rechte „Freude“ mit den Absperrungen, die meistens noch unter Strom gesetzt sind. Ein Dilemma: Denn ohne Strom keine Förderung und auch keine Entschädigung. Zimmer selbst benötigt am Högl 2,5 Kilometer Zaun, im unteren Bereich „frei“ für kleinere Tiere zugänglich, also nicht behindernd. Freilich sollen im Umkehrschluss die Schafe auf dem Gelände gehalten und somit „geschützt“ werden, um nicht in zu engmaschigen Errichtungen hängenzubleiben oder sich gar selbst zu strangulieren. Zimmer ist täglich für seine Tiere da, via persönlichem „Schaf-TV“, wie er seine Installation scherzhaft nennt, wüsste er sofort, würde ein Wolf in diesem Gebiet „durchkommen“.

Herbert Tschakert sieht sein Werk gefährdet, würde der Wolf hier wieder heimisch werden. Für einen entsprechenden Zaun muss er allein in diesem Jahr 2700 Euro aufbringen. „Aber der hält auch nicht ewig.“ Pro Muttertier gibt es in Bayern aktuell 30 Euro im Jahr, bislang erst ab einer Herde von 20 Schafen aufwärts. „Das konnten wir jetzt im Berchtesgadener Land für alle erreichen, also auch die Schafhalter mit weniger Tieren. Diese fördert der Landkreis nun“, so Tschakert in diesem Punkt zufrieden.

Großes Verständnis der Agrarsprecherin

Jedes gerissene Tier ist schlimm“, sagt Gisela Sengl, die großes Verständnis für die Schafzüchter aufbringt. Sie plädiert für schnellere Analysen, eine Art TÜV im Ernstfall. „Nur so bringen sie uns etwas.“ Sogar Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, schaute trotz zahlreicher Termine am gleichen Tag am Högl vorbei. Er hörte sich die Anliegen beider Seiten ganz genau an. „Die Frage ist immer, was ist vertretbar? Das Verhältnis muss stimmen. Der Wolf besitzt seine Daseins-Berechtigung. Darin wird sich so oder so nichts ändern.“ Es müsse also rasch gelernt werden, mit ihm zu leben, so, wie es unter anderem mit dem Biber zum Großteil geschehen ist.

Dr. Bernhard Zimmer möchte den Menschen ganz allgemein die Angst vorm Wolf nehmen: „Er interessiert sich gar nicht für uns. Die Sorge, der Tourismus könnte durch ihn negativ belastet werden, ist unbegründet – jedenfalls sind mir Beispiele dieser Art nicht bekannt.“ Die heimischen Grünen wollen ein sinnvolles Wolfsmanagement umsetzen, dazu gehört Wolfgang Ehrenlechner, Bundestagswahlkandidat für Berchtesgaden, der dem Ortstermin ebenfalls beiwohnte. Als „Beobachterin“ war Biologin Magdalena Wimmer aus Freilassing mit dabei.

Der Wolf ist zurück

Der Wolf ist zurück in Bayern. Das gefällt nicht jedem. Historisch betrachtet ist das jedoch eine normale Entwicklung. Wurde der Wolf im ausgehenden Mittelalter mit der Zunahme der Viehhaltung in ganz Deutschland nahezu ausgerottet, wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder Wölfe nach Deutschland ein. Sie konnten sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands aus östlicher und südlicher Richtung wieder in Bayern ansiedeln.

Der Wolf ist laut Bundesnaturschutzgesetz eine streng geschützte Tierart. Eine Umfrage des Naturschutzbund Deutschland (NABU) und des Landesbund für Vogelschutz (LBV) in diesem Jahr ergab: 73 Prozent der Befragten in Gegenden, in denen der Wolf bereits lebt, begrüßen die Rückkehr der bedrohten Art. Bei Weidetierhaltern überwiegt allerdings die Sorge um Risse ihrer eigenen Tiere, sie stehen dem Wolf eher ablehnend gegenüber. „Geschützte und bedrohte Arten müssen geschützt bleiben, das ist beim Wolf nicht anders als beim Biber“, erklärt der Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen, Ludwig Hartmann.

Das Wolfsmanagement in Bayern kommt seit Jahren nicht voran und verharrt auf dem Prinzip, Nachsorge sei besser als Vorsorge, kritisiert die Öko-Partei. Zwar gebe das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) Ratschläge für präventiven Herdenschutz vor großen Beutegreifern, die finanzielle Unterstützung der Weidetierhalter bleibe jedoch Fehlanzeige. Erst wenn Tiere gerissen wurden, kann die Landwirtschaft Ausgleichszahlungen geltend machen. „Ein falscher Ansatz. Nichtstun schadet unseren Tierhaltern und lässt die Akzeptanz für dieses faszinierende Tier weiter sinken“, so Hartmann. „Wir müssen unsere Weidetierhalter unterstützen und dürfen sie und ihre Tiere nicht allein lassen.“

bit

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