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Kronzeuge des Klimawandels

„Es gibt keine Möglichkeit, dies zu verhindern” - Glaziologe über die besiegelte Zukunft des Blaueisgletschers

Glaziologe Wilfried Hagg. Das Bild entstand am Südlichen Schneeferner, jenem ehemaligen Gletscher, der nun keiner mehr ist.
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Glaziologe Wilfried Hagg. Das Bild entstand am Südlichen Schneeferner, jenem ehemaligen Gletscher, der nun keiner mehr ist. Links der Blaueisgletscher vor fünf Jahren.

Berchtesgadener Land/Ramsau - Seit Montag (3. Oktober) gibt es nur noch vier Gletscher in Deutschland, nachdem der Südliche Schneeferner nun seinen Status als solcher verlor. Ähnliches droht dem Blaueisgletscher, wie der Münchner Glaziologe Prof. Dr. Wilfried Hagg sagt: “Dem Blaueis bleiben nur noch wenige Jahre. Es gibt keine Möglichkeit, dies zu verhindern.”

BGLand24.de: Die EU hatte in diesem Sommer die größte Dürre seit 500 Jahren ausgerufen. Der globale Klimawandel bedroht auch den nördlichsten Gletscher der Alpen, den Blaueisgletscher in Ramsau. Wie ist es um ihn aktuell bestellt? 

Prof. Dr. Wilfried Hagg: Dem Blaueis geht es recht schlecht. Seit 1980 ist es auf ein Fünftel seiner damaligen Fläche geschrumpft. Das Eisvolumen betrug im Jahr 2018 noch 280000 Kubikmeter. Das klingt zwar nach viel, bedeutet aber nur noch eine mittlere Dicke von 5,3 Metern.

Wie regelmäßig wird der Blaueisgletscher aktuell „überwacht“? 

Früher wurde die Eisoberfläche alle zehn Jahre vermessen, inzwischen haben sich die Intervalle in etwa halbiert. Die letzte Vermessung stammt aus dem Jahr 2018, nächsten Herbst wäre es also wieder einmal Zeit für eine Bestandsaufnahme. Es kamen bisher verschiedene Messmethoden zum Einsatz: Solche, bei denen man den Gletscher betreten muss und wo dann etwa mit einem Laser-Tachymeter vermessen wird, und solche, bei denen aus Luft- oder Drohnenaufnahmen digitale Geländemodelle berechnet werden.

Für den massiven Rückgang des Eises gibt es verschiedene Gründe. 

Es waren in erster Linie der Anstieg der Sommertemperaturen und die Verlängerung der Schmelzperiode. Dieser Sommer war in manchen Regionen der Alpen nicht außergewöhnlich heiß. Die extremen Schmelzraten hängen hier mit dem frühen Schneefreiwerden der Gletscher zusammen. Es ist also nicht unbedingt intensiver geschmolzen, aber eben deutlich länger. Dies trifft zum Beispiel auch auf die Zugspitze zu, für die Berchtesgadener Alpen kenne ich hierzu aber keine Daten.

Können Sie zum Watzmanngletscher auch einen Status quo nennen? Wie hat sich dieser im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Der Watzmanngletscher zeichnet sich seit jeher durch sehr starke Fluktuationen aus. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde er sogar schon einmal als nicht mehr existent erklärt, zehn Jahre später tauchte er aber im Gletscherinventar wieder auf. In den 19060er- und 1970er-Jahren hat er, wie die anderen Gletscher auch, wieder an Masse gewonnen und seit 1980 sind die Massenverluste in jedem Jahrzehnt stärker als im vorigen.

Für Klimaexperten müssen es schwierige Zeiten sein, um einen Blick in die Zukunft zu wagen. Gibt es verlässliche Zukunftsprognosen für die Alpenregionen?

Wir gehen davon aus, dass wir bei der Erwärmung, auf die wir uns momentan zubewegen, bis zu 90 Prozent der Gletscherfläche am Ende des Jahrhunderts verlieren können. Diese Prognosen beinhalten naturgemäß große Unsicherheiten, aber ich zweifle nicht daran, dass zumindest die Größenordnung stimmt.

Wie zeigt sich die momentane Situation bei anderen Gletschern der Alpen?  

Man hört Berichte über extreme Schmelzen aus allen Teilen der Alpen. Am Vernagtferner im Ötztal, der auch von Münchner Glaziologen erforscht wird, war die Schneedecke Anfang Juli bereits so stark geschrumpft wie normalerweise Mitte bis Ende August.

Wie lange geben Sie dem Blaueisgletscher noch Zeit zu überleben? 

Dem Blaueis bleiben wohl nur noch sehr wenige Jahre. Und leider gibt es keine Möglichkeit, dies zu verhindern.

Die Bedeutung von Gletschern

Drei Faktoren sind für die Entstehung von Gletschern notwendig: Wasser, Kälte und Zeit. Im Winter fällt Schnee und bleibt auf dem Boden liegen. Wenn die Sommersonne den Schnee nicht vollständig tauen lässt, setzt sich im nächsten Winter eine neue Schicht auf die bereits bestehende. Durch Druck entweicht Luft und die Schneekristalle werden zu Eis. Wenn sich der Vorgang über Jahre wiederholt, wird die Masse größer. Der Druck erhöht sich in der Folge weiterhin und das Eis beginnt sich zu bewegen und zu fließen, vergleichbar mit einem sehr langsamen Fluss.

Gletscher sind zudem wichtige Klimaindikatoren und Wasserspeicher. Mit Hilfe von Gletschern lässt sich der Klimawandel auch in Höhenlagen oder in solchen Regionen belegen, in denen es keine Messungen gibt. Gletscher verteilen zudem hohe Niederschlagsmengen aus dem Hochgebirge. Da sie in trockenen Perioden stark schmelzen, sorgen sie unter anderem für ausgeglichene Flusspegel. In anderen Regionen sind sie Teil der Sicherung der Wasserversorgung.

Prof. Dr. Wilfried Hagg

Wilfried Hagg (50) hat an den Universitäten Augsburg und der LMU Geographie und Physische Geographie studiert. Seine Promotion absolvierte er an der Fakultät für Geowissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Dissertation zum Thema „Auswirkungen von Gletscherschwund auf die Wasserspende hochalpiner Gebiete, Vergleich Alpen - Zentralasien“. Im Jahr 2012 habilitierte er.

Seitdem lehrt er unter anderem an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München und forscht er vor allem darüber, welche Konsequenzen der Gletscherschwund auf den regionalen Wasserhaushalt hat. Obwohl der regionale Schwerpunkt eigentlich in Zentralasien liegt, beschäftigt er sich momentan mit einer Methode, die Massenveränderungen eines Gletschers auf Island anhand eines Aschebands eines Vulkanausbruch zu ermitteln, der mehr als 100 Jahre zurückliegt.

kp

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