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Hautnah dabei - Teil 2 der Reportage

Feuerwehrmann dokumentiert Einsatznacht in Schönau: „Verzweiflung war den Anwohnern ins Gesicht geschrieben“

Feuerwehreinsätze am 18. Juli in Schönau am Königssee
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Schwimmende Möbel, bis zur Decke überflutete Keller, verschlammte Einfahrten und vieles mehr erwarteten die Einsatzkräfte in Schönau am Königssee.

Am 17. Juli wurde das Berchtesgadener Land von heftigem Starkregen heimgesucht, die Feuerwehren waren auch am Sonntag noch im Dauereinsatz. Teilweise wurden Wehren aus über 70 Kilometer Entfernung alarmiert - wie beispielsweise die Freiwillige Feuerwehr Chieming, die in Schönau am Königssee gegen die Wassermassen kämpfte. OVB24-Volontär Sebastian Aicher ist selbst ehrenamtlich bei den Chieminger Floriansjüngern aktiv und berichtet in einer zweiteiligen Reportage über seine Eindrücke des Einsatzes.

Schönau am Königssee/Chieming - Die ehrenamtlichen Helfer der Freiwilligen Feuerwehr Chieming wurden am späten Samstagabend (17. Juli) zur Unterstützung der Einsatzkräfte im Berchtesgadener Land alarmiert. Im ersten Teil der Reportage (Plus-Artikel) ging es um die Fragen und Gedanken, die die Floriansjünger auf dem Weg ins rund 70 Kilometer entfernte Schönau am Königssee beschäftigten. Doch wie ging es nach der Ankunft weiter und bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen?

Treffpunkt in Schönau war das dortige Feuerwehrhaus, wo unsere Führungskräfte ein kurzes Briefing erhielten und entsprechende Arbeitsaufträge zugeteilt bekamen. Gemeinsam mit den Kameraden aus Surberg sollten wir zu Beginn der langen Einsatznacht den Keller eines Wohnhauses auspumpen. An der Adresse angekommen stellten wir allerdings fest, dass der Wasserstand derart niedrig war, dass ein Eingreifen unsererseits mit den großen Pumpen keinen Sinn gemacht hätte. Also ging es erst einmal unverrichteter Dinge wieder zurück zur Sammelstelle.

Landwirte versuchten mit Güllefässen dem Wasser Herr zu werden

Bei der Fahrt durch den Ort wurde uns immer mehr bewusst, wie zerstörerisch die Wassermassen hier wohl gewesen sein mussten. Es war zwar stockfinstere Nacht, aber überall waren die Blaulichter der Hilfs- und Rettungskräfte sowie gelbe Warnleuchten der eingesetzten Bagger, Radlader und Kies-Laster zu sehen. Auch Landwirte mit Traktoren und angehängten Güllefässern waren unterwegs, um dem Wasser irgendwie Herr zu werden.

Gefrierschrank „schwimmt“ durch überfluteten Keller

Erneut am Feuerwehrhaus angekommen dauerte es nicht lang, ehe wir gemeinsam mit den Surberger Kollegen einen weiteren Einsatz zugeteilt bekamen. Diesmal ging es an das andere Ende von Schönau, wo ebenfalls ein Keller darauf wartete, ausgepumpt zu werden. Hier war der Wasserstand dann auch etwas höher, jedoch reichte ein Fahrzeug locker aus, um den Bewohnern zu helfen, weshalb die Einsatzkräfte aus Surberg tätig wurden. Für uns Chieminger ging es dann nur wenige Meter entfernt in der gleichen Straße zur Sache, auch hier stand ein Keller unter Wasser. Die Anwohnerin berichtete außerdem von einem „schwimmenden Gefrierschrank“. Nach einer ersten Erkundung wurde schnell klar, dass wir hier mit unserer Tauchpumpe viel ausrichten könnten. Also raus aus dem Auto - Pumpe, Schläuche, Kabel holen und los geht‘s!

Schon nach kurzer Zeit plätscherte das Wasser dann im Garten aus einem Schlauch und der Wasserstand im Keller begann langsam zu sinken. Für uns Einsatzkräfte ist immer auch das persönliche Gespräch mit den Betroffenen wichtig und so kamen wir mit der Hausbesitzerin ins Plaudern. Seit dem späten Nachmittag habe es geschüttet, erst gegen Mitternacht habe sich der Regen etwas beruhigt, berichtete sie. „Von der Straße oberhalb kamen Unmengen an Kies runter, die dann die Gullys verstopft haben“, schilderte die Dame. „Wir hatten zwar vor einigen Jahren schonmal ein Hochwasser, aber sowas wie heute habe ich noch nicht erlebt“, hieß es weiter.

Auf die Frage, wo wir denn herkommen würden, zeigte sich die Betroffene sichtlich erstaunt. Dass sogar die Feuerwehr aus dem rund 70 Kilometer entfernten Chieming hier im Einsatz ist, konnte sie erst gar nicht recht glauben. Trotz des hohen Schadens in ihrem Keller war die Frau allerdings ruhig und gefasst. Ob wir denn eventuell einen Kaffee möchten, während die Pumpen ihre Arbeit verrichten, fragte sie. Bei so einem Angebot sagen wir natürlich nicht nein. Wir mussten ohnehin erst einmal abwarten, während die Pumpen weiter das Wasser aus dem Keller förderten. Außerdem war es auch schon kurz vor drei Uhr morgens und uns war bewusst, dass uns noch eine lange Nacht bevorstehen würde.

Kaffee und Gebäck für die Einsatzkräfte

Kurze Zeit später brachte die Frau dann Kaffee samt Gebäck und nach einer kurzen Stärkung war auch das Wasser im Keller fast vollständig verschwunden. Wir haben also unsere Gerätschaften wieder eingepackt und kurz noch die schweren Elektrogeräte im Untergeschoss wieder etwas zurecht gerückt. Gefrierschrank und Trockner wurden durch das Wasser mitten in den Raum hinter eine Tür gedrückt, also stellten wir die Teile so hin, dass sie die weiteren Aufräumarbeiten durch die Hausbesitzer nicht mehr behindern. Nach einem kurzen Dank für die spontane „Bewirtung“ verabschiedeten wir uns schließlich von der Dame und fuhren zurück zum Schönauer Gerätehaus, um unseren nächsten Auftrag entgegen zu nehmen.

Erneut war es ein vollgelaufener Keller, doch an der Adresse angekommen teilte uns der Anwohner direkt mit, dass er sich inzwischen bereits selbst helfen konnte und mit einer kleineren Gartenpumpe sowie Eimern schon erste Erfolge verzeichnen konnte. Es würde im Ort noch Leute geben, die unsere Hilfe dringender gebrauchen könnten, meinte er und so machten wir uns schon wieder auf den Rückweg zum Feuerwehrhaus. Dort angekommen - es war inzwischen bereits etwa 4 Uhr morgens - konnten wir dann etwas Aufruhr auf dem Hof sehen. Zahlreiche Menschen tummelten sich rund um das Feuerwehrhaus, teilweise hatten sie ihre Haustiere auf dem Arm und waren noch in Schlafklamotten gekleidet. Schnell wurde uns klar, dass wohl irgendwo einige Häuser evakuiert wurden.

„Verzweiflung stand den Menschen ins Gesicht geschrieben“

Wieder kamen wir mit den Leuten ins Gespräch, diesmal mit einer Familie, die samt Hund unter einem kleinen Vordach Schutz vor dem Regen suchte. Sie wären gerade von Einsatzkräften aus ihrem Haus geholt worden, berichtete der Vater. Der Hang hinter ihrem Haus drohe wohl abzurutschen und so mussten sie umgehend ihre vier Wände verlassen. Blickte man sich um, sah man viele Menschen auf Bänken oder auf dem Boden sitzen, die Verzweiflung war ihnen teilweise ins Gesicht geschrieben. Sie wussten ja nicht, was passieren würde und ob ein Hangrutsch eventuell ihr Zuhause mit ihrem kompletten Hab und Gut zerstören könnte.

Keller bis zur Decke unter Wasser

Wir mussten aber schon wieder los, ein weiterer Keller war leer zu pumpen. Hier zeigte sich uns diesmal ein etwas heftigeres Bild als noch an der vorherigen Einsatzstelle. Der Hof vor dem Haus war fünf bis zehn Zentimetern hoch mit Schlamm bedeckt, ein Blick in das Untergeschoss offenbarte dann das wahre Ausmaß. Gut zwei Meter hoch stand hier das Wasser, zirka 15 Zentimeter fehlten noch bis zur Decke. Außerdem staute sich das Wasser auf dem Nachbargrundstück schon etwa kniehoch, da es etwas tiefer gelegen war und die Gullys durch den Schlamm kein Wasser mehr aufnehmen konnten. Offenbar hatten die Nachbarn einen Teich mit einigen Fischen auf ihrem Grundstück, denn in dem überfluteten Garten schwammen noch vereinzelt Goldfische.

Strom gab es natürlich im kompletten Haus keinen mehr, also packten wir unser Notstromaggregat aus, bauten unsere Beleuchtung auf und fingen mit einer großen Tauch- sowie einer schweren Schmutzwasserpumpe an, das Wasser aus dem Keller zu fördern. Gleichzeitig kümmerten wir uns draußen im Hof mit Schaufeln darum, den Schlamm aus der Einfahrt zu bekommen und einen Abfluss des Wassers im Kanalsystem zu gewährleisten. Inzwischen fing es auch wieder stark an zu regnen, immerhin wurde es schon langsam hell, was uns die Arbeit wenigstens etwas erleichterte.

„Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“

Nebenbei entfernten wir gemeinsam mit dem Hausbesitzer ein elektrisches Rollo, das den Zugang zum Garten versperrte. Auch dort staute sich bereits Wasser, außerdem waren Unmengen an feinem Sand und Schlamm von der Rückseite an das Haus gespült worden. Unterstützt von seiner Frau rückte der Eigentümer dann mit Schubkarren und Schaufeln dem Schlamm zu Leibe. Zu Beginn noch mit Schuhen unterwegs, sah man den Hausbesitzer irgendwann nur noch barfuß. „Ob ich jetzt den Schlamm in den Schuhen hab oder gleich barfuß laufe, ist auch schon egal“, so der Mann locker. Derweil pumpten wir weiter fleißig Wasser. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ sagt man oft, in diesem Fall traf es voll zu, denn der Wasserstand sank nur sehr langsam. Je weniger Wasser es allerdings wurde, umso mehr Möbel wurden in Richtung Kellertreppe gespült. Schränke, Stühle und Vitrinen kamen uns hier entgegen.

An der Wand links lässt sich erahnen, wie hoch das Wasser im Keller war. Die Pumpe lief zum Zeitpunkt des Fotos bereits rund anderthalb Stunden.

Inzwischen war es 5.30 Uhr und unsere Pumpen liefen weiter auf Anschlag. Immer wieder mussten wir sie versetzen, die Ansaugkörbe von Unrat befreien und draußen den Hof sowie die Kanaldeckel vor weiterem Schlamm schützen. Die große Schmutzwasserpumpe schreckt übrigens auch vor kleineren Gegenständen nicht zurück, weshalb auch ein Teelicht sowie Reste einer Glühbirne durch den Schlauch geschossen kamen. Für unsere Truppe gab es dann auch endlich Zeit, sich mal kurz ein wenig auszuruhen - immerhin hatten wir Kräfte dabei, die nun schon seit geschlagenen 24 Stunden auf den Beinen waren.

Endlich Zeit, den Liebsten zu Hause Bescheid zu geben

Endlich hatten wir auch die Möglichkeit, unseren Liebsten zuhause eine Nachricht zu schreiben und die Lage kurz zu schildern. Natürlich waren unsere Freunde und Familien froh zu hören, dass es uns soweit gut geht, gleichzeitig waren sie jedoch erschüttert von den dramatischen Zuständen vor Ort. Auch einen kleinen Blick ins Internet konnten wir in dieser Zeit werfen, schließlich interessierte uns alle, wie es denn in den Ortschaften rund um unser Einsatzgebiet und in unserem Heimatlandkreis Traunstein aussehen würde. Erste Bilder aus Bischofswiesen (Plus-Artikel) ließen uns nochmals aufhorchen, dort wurden Bahngleise unterspült, teilweise gingen regelrechte Muren ab und machten Straßen unpassierbar, auch dort war zu dieser Zeit ein Großaufgebot an Einsatzkräften vor Ort. Zudem wurde genau in diesem Moment bekannt, dass für die Region rund um Berchtesgaden erneut teils starke Regenfälle vorhergesagt wurden.

Die Stunden vergingen, bis der Keller endlich größtenteils frei von Wasser war. Den Boden konnte man jedoch bei bestem Willen noch nicht einmal erahnen. Eine rund 15 Zentimeter dicke Schlammschicht blieb in den Räumen zurück. Eine Holztür zeigte zudem die volle Gewalt des Wassers. Die Tür war offenbar verschlossen, als einer der Kellerräume volllief. Irgendwann wurde der Druck durch die Wassermassen hinter der Tür so stark, dass diese einfach komplett aus dem Türrahmen gerissen wurde. Überall waren außerdem Möbel, Flaschen und persönliche Gegenstände der Bewohner verteilt im Schlamm, es war ein grauenhaftes Bild angesichts des entstandenen Schadens.

„Wir sahen aus wie Sau“

Am späten Vormittag konnten wir dann allerdings hier damit beginnen, langsam unsere Einsatzmittel wieder abzubauen. Unser Equipment war teilweise mit einer regelrechten „Schlamm-Kruste“ bedeckt, aber auch wir „sahen aus wie Sau“, wie man bei uns in Bayern so schön sagt. Unsere Stiefel, Hosen und Jacken hatten ebenfalls schon die Farbe des Schlamms angenommen. Mit dem sauberen Wasser aus dem Tank unseres Löschfahrzeuges reinigten wir noch vor Ort grob unsere Pumpen, Kabel und Schläuche, ehe wir sie wieder in unsere Fahrzeuge verfrachteten. Auch uns selbst spritzten wir noch ab, sodass wir wenigstens halbwegs sauber wieder zurück zur Sammelstelle am Feuerwehrhaus fahren konnten. Da unsere Kleidung eh schon durch den andauernden Regen völlig durchnässt war und teilweise auch das Wasser schon in unseren Stiefeln stand, kam es auf die paar Wassertropfen jetzt auch nicht mehr an.

Ausmaß der Schäden erst bei Tageslicht richtig sichtbar

Bei der ersten Fahrt bei Tageslicht durch Schönau bekamen wir dann zum ersten Mal das riesige Ausmaß der Schäden so richtig zu Gesicht. Straßen waren teilweise voll mit Geröll, Kies, Sand und Schlamm. Gärten und Hauseinfahrten standen stellenweise noch immer unter Wasser, überall sah man Schläuche liegen, der Klang von laufenden Motoren und Pumpen bestimmte die Geräuschkulisse. Zahlreiche Einsatzkräfte waren nach wie vor damit beschäftigt, den Betroffenen zu helfen und deren Hab und Gut zu schützen. Lastwagen und Traktoren brachten Schutt und Schlamm aus den einzelnen Straßen. Während meiner aktiven Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr habe ich schon viel gesehen, aber eine derartige Zerstörung wie in Teilen Schönaus habe ich bislang noch nicht im Einsatzdienst hautnah miterlebt.

Erneut am Feuerwehrhaus angekommen bekamen wir dann mitgeteilt, dass sich unser Einsatz hier nach knapp zwölf Stunden dem Ende neigt. Inzwischen waren weitere Feuerwehrkräfte zur Ablösung eingetroffen, außerdem war auch ein Großaufgebot des Technischen Hilfswerks (THW) vor Ort. Im Gerätehaus konnten wir uns noch eine kleine Brotzeit sowie Getränke holen, aber auch unsere Fahrzeuge waren durstig. Nach einem kleinen Tankstopp am Königssee machten wir uns schließlich wieder auf die Heimreise.

Endlich in Chieming angekommen säuberten wir direkt noch unser Equipment und stellten die Einsatzbereitschaft wieder her - aus gutem Grund, denn schon am Abend ging der nächste Alarm bei uns ein. Diesmal wurden wir zur Unterstützung der örtlichen Einsatzkräfte in Inzell alarmiert.

Der größte Dank gilt unseren Familien

Abschließend sind wir natürlich froh, dass wir alle wieder gesund von unseren Einsätzen zurückkehren konnten. Wie das Beispiel des verunfallten THW-Fahrzeuges zeigt, ist dies bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich stellvertretend für die gesamte Feuerwehr Chieming bei den Einsatzkräften im Berchtesgadener Land sowie auch bei den mitgereisten Feuerwehren aus dem Kreis Traunstein für die herausragende Zusammenarbeit bedanken. Gleichzeitig gilt unser größter Dank an dieser Stelle unseren Familien, die aufgrund derartiger Einsätze an Wochenenden teilweise längere Zeit auf uns verzichten müssen.

aic

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