Geständnis am ersten Verhandlungstag

Prozessauftakt zu Anschlagsserie von Waldkraiburg: Angeklagter gibt sich mehrfach reumütig

Bewacht von vier Justizbeamten nimmt der Angeklagte im Prozess um die Anschlagsserie von Waldkraiburg im Gerichtssaal am OLG München Platz.
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Bewacht von vier Justizbeamten nimmt der Angeklagte (links) im Prozess um die Anschlagsserie von Waldkraiburg im Gerichtssaal am OLG München Platz.

Zurückhaltend, geständig reumütig: So präsentierte sich am 2. März ein Islamist vor dem Oberlandesgericht München. Im Frühjahr 2020 hatte der Muharrem D. (26) die Bürger von Waldkraiburg mit Brandanschlägen in Angst und Schrecken versetzt. Zu Prozessauftakt zeichnete er von sich ein labiles Bild.

Waldkraiburg/München – Völlig unauffällig betrat der schmächtige junge Mann, gekleidet in einen viel zu großen schwarzen Anzug, den Sitzungssaal. Sein Blick ging geradeaus, etwas unsicher suchte er nach seinem Platz – dort hatte viele Jahre zuvor schon die Rechtsextremistin Beate Zschäpe im NSU-Prozess gesessen. Als ihm das Blitzlichtgewitter zu viel wurde, ließ er sich von seinen Verteidigern Christian Gerber und Matthias Bohn eine Anklageschrift reichen, die er sich vor das Gesicht hielt. Dann ging es los.

Geständnis und Entschuldigung zu Prozessbeginn

Die Bundesanwaltschaft warf dem gelernten Verkäufer schwerwiegende Straftaten vor. Versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung, versuchte Brandstiftung, Verstoß gegen das Waffengesetz sowie die Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Muharrem D., ein Deutscher mit kurdischer Abstammung, wollte das türkische Generalkonsulat in München und mit einer Bombe die DITIB-Zentralmoschee in Köln angreifen.

„Es tut mir völlig Leid. Ich weiß, dass ich schuld bin, ich bereue die Taten und entschuldige mich bei den Angehörigen“, sagte der junge Mann zu Beginn seiner Aussage. Bei seinen Attacken hat es keine Todesopfer gegeben. Aber die psychischen Verletzungen bei den Opfern des Brandanschlags waren enorm. „Alles kommt wieder hoch“, sagte Franz Xaver Freimuth (25), Elektro-Unternehmer aus Haag in Oberbayern, in einer Prozesspause.

Unbändiger Hass auf Türken

23 Jahre hatte er in Waldkraiburg gelebt – bis zu jenem großen Knall in der Nacht vom 26. auf den 27. April 2020, der ihn und seine Freundin Lena Spielhofer aus dem Schlaf gerissen hatte. Beide nahmen ein lautes, klirrendes Geräusch wahr, wie das Ausleeren eines vollen Glascontainers. Im nächsten Moment detonierte der Brandsatz des Angeklagten, gebaut aus Grillanzündern, Spiritus und zwei Gaskartuschen. Kurz darauf schlugen die Flammen aus dem Obst- und Gemüseladen eines türkischstämmigen Mitbürgers.

Meterhoch schlagen die Flammen beim Brand am Sartrouville-Platz in Waldkraiburg nach einem Anschlag auf ein türkisches Lebensmittelgeschäft. Angeklagt für die Tat ist nun ein 26-jähriger Waldkraiburger.

Der Angeklagte erinnerte sich noch gut an die Situation. „Der Früchteladen war fehl am Platz, er gehörte in die Türkei“, schilderte er seine damalige Gesinnung, die geprägt war von unbändigem Hass auf die Türken. Seine Eltern hatten längst mit ihm gebrochen.

Opfer erleiden leichte Rauchvergiftungen

Doch nicht nur ein Gemüseladen befand sich in dem Waldkraiburger Gebäudekomplex, sondern auch die gesamte Existenz von Franz Xaver Freimuth. Auch wenn nichts in seiner Wohnung zerstört wurde, weil er im dritten Stock wohnte und rechtzeitig die Fenster schloss, Freimuth kehrte nicht mehr zurück, sondern zog nach Haag in Oberbayern.

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Auch die anderen Mitbewohner durchlebten eine fürchterliche Nacht. Freimuth und seine Freundin läuteten auf Anraten der Polizei alle Mitbewohner aus den Betten und flohen dann über Keller und Tiefgarage ins Freie. Dabei erlitten sie und ein Mitbewohner eine leichte Rauchvergiftung und wurden ins Krankenhaus gebracht.

Muharrem D. zeichnet seinen Weg in die Radikalisierung nach

Die eingetroffene Feuerwehr brachte mehrere Personen mit Atemschutzhauben über das verrauchte Treppenhaus aus dem Gebäude. Eine 49-Jährige wurde per Drehleiter gerettet. Ein Rollstuhlfahrer musste mit Feuerwehrmännern bis 4:30 Uhr in seiner Wohnung im dritten Stockwerk ausharren.

Warum der junge Mann in die Radikalisierung abgedriftet war, konnte selbst er nur mutmaßen. Seine Psyche sei geschwächt, behauptete er vor Gericht. Und: immer wieder sprach er vom Tunnelblick. Als Achtjähriger sei er erstmals mit Drogen in Kontakt gekommen. Als 16-Jähriger schaute er sich Videos an, die sich um die „Grausamkeit von Türken“ drehten.

Mit Rohrbomben und Sprengstoff verhaftet

Im Internet lernte er das Bombenbauen. Als er am 8. Mai 2020 festgenommen wurde, führte er im Gepäck zehn Rohrbomben und 23 Kilo Blitz-Knall-Satz. In seinem Auto fand die Polizei 13 weitere Rohrbomben, die er allesamt 2017 im Haus seiner Eltern in Garching an der Alz gebaut hatte, während die im Heimaturlaub weilten.

Was wäre denn passiert, wenn er nicht festgenommen worden wäre, fragte der Vorsitzende Richter Jochen Bösl den Angeklagten. „Dann könnte vieles passiert sein“, erwiderte der 26-Jährige. Nach und vor dem Brandanschlag von Waldkraiburg hatte er in den Geschäftsräumen deutscher Staatsbürger mit türkischer Abstammung übel riechende Flüssigkeit auf Buttersäurebasis ausgeschüttet. Angeblich hatte er an die Menschen keine Gedanken verschwendet, sondern nur die Gebäude im Sinn gehabt. Erst im Gefängnis habe er einen klaren Kopf bekommen: „Die Welt ist bunt, es geht nicht nur ums Schlachten“. Der Prozess dauert an.

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