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Passen Hochhäuser ins Stadtbild?

„Auf Höhe setzen“: Stadtheimatpfleger Helmut Cybulska bewertet die Rosenheimer Baupolitik

Stadtheimatpfleger Helmut Cybulska bewertet die städtebauliche Politik der Stadt Rosenheim.
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Stadtheimatpfleger Helmut Cybulska bewertet die städtebauliche Politik der Stadt Rosenheim.

Rosenheim – Der ehemalige Filmpalast in der Samerstraße, das Gebäude an der Münchener Straße 12 oder das Vorhaben in der Wittelsbacher Straße: Die Stadt hat große Pläne für die Zukunft. Ein Gespräch mit Stadtheimatpfleger Helmut Cybulska über Hochhäuser und klimagerechtes Bauen.

Das Rosenheimer Forum wirft der Stadt vor, keine sinnvolle Entwicklungsstrategie zu verfolgen und eher an wirtschaftlichen Interessen als an einer sinnvollen Städteplanung orientiert zu sein. Ihre Meinung?

Helmut Cybulska: „Dieser Vorwurf ist in meinen Augen unbegründet: Bereits 2012 hat der Stadtrat mit dem Entwicklungskonzept „Hohe Häuser im Stadtgebiet Rosenheim“ die Höhenentwicklung der Bebauungsstruktur innerhalb der erweiterten Innenstadt analysieren lassen. In der Auswertung wurden Kriterien der Standortwahl und der Gestaltung sowie der Qualitätssicherung bei der Planung formuliert.

Bei den vom Forum kritisierten Bauvorhaben an der Samerstraße oder an der Münchener Straße sehe ich keine Widersprüche zu den Entwicklungsempfehlungen der Studie „Hohe Häuser“. Dieser Leitfaden kann auch weiterhin in der Rosenheimer Baupolitik bei den Entscheidungsfindungen maßgeblich sein, ist damit auch ein Baustein der städtebaulichen Entwicklungsstrategie.“

Ich denke, die Frage ist auch, ob die geplanten Vorhaben in das Stadtbild passen.

Cybulska: „Die Vorhaben verändern das Stadtbild, ich sehe aber Veränderung nicht grundsätzlich kritisch. Folgende Aspekte sind im Planungs- und Entscheidungsprozess unter anderem zu prüfen: Werden erhaltenswerte Strukturen zerstört? Bereichert das Vorhaben das Quartier? Sind Beeinträchtigungen der Nachbarschaft ausgeschlossen?

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Beim Bauvorhaben an der Samerstraße bewerte ich die künftige Veränderung positiv. Das Projekt in der Wittelsbacherstraße ist in den Grundzügen der Planung als sinnvolle Nachverdichtung und Aufwertung des Quartiers ebenfalls sehr positiv angelegt, beinhaltet aber auch einen kritischen Aspekt: Die vorgeschlagene Höhe des „Hochpunktes“, der auf dem schlüssig geplanten „Sockelbau“ errichtet werden soll.“

Wie lässt sich das Ihrer Meinung nach lösen?

Cybulska: „Ich schlage eine Begrenzung auf die Höhe des Landratsamtsgebäudes vor, um eine unangemessene Konkurrenz zum bisher städtebaulich prägenden Turm der Christkönigkirche auszuschließen. Sowohl die Nahwirkung im Quartier als auch die Fernwirkung in der Stadtsilhouette führen zu dieser kritischen Bewertung der geplanten Höhenentwicklung.“

Kritik vom Forum, aber auch vom Landesamt für Denkmalpflege gab es auch für das Vorhaben an der Roßacker-Kapelle, wo Lagertanks gebaut werden sollen.

Cybulska: „Das Ensemble Am Roßacker wird zum einen geprägt durch die Kapelle, von einem der Rosenheimer Bierbrauer gestiftet, und durch den kontinuierlichen Ausbau mit Gasthäusern, Wirtsgärten und Brauereianlagen. Mit den ehemaligen Bauernhäusern des 19. Jahrhunderts mit ihren Hausgärten und Hofräumen, die sich dem Ensemble zuordnen, ist der ehemals dörflich geprägte Charakter des Gebiets noch spürbar. Nach meiner persönlichen Einschätzung wird auf der einen Seite mit den geplanten freistehenden Lagertanks die Geschichte des Brauereistandortes lebendig fortgeschrieben. Die Entwicklung, die 1875 in diesem Bereich begann, erhält einen mutigen, modernen Akzent in einer gestalterisch anspruchsvollen Ausführung.“

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Das sieht das Landesamt für Denkmalpflege scheinbar anders.

Cybulska: „Ich kann die Kritik des Landesamtes für Denkmalpflege nachvollziehen, welches in der vorliegenden Planung eine schwerwiegende Beeinträchtigung des genannten dörflichen Charakters und der platzprägenden Wirkung der Roßackerkapelle selbst sieht. Ich hatte daher eine Umplanung empfohlen, die mit einer geänderten Positionierung der Tanks die Möglichkeit eröffnet, den Kapellen-Vorplatz durch ein den Tanks vorgelagertes Gebäude räumlich zu fassen. Mit einer dem Ensemble gerecht werdenden Kubatur und Fassadengestaltung dieses Gebäudes könnte voraussichtlich eine denkmalverträgliche Lösung erarbeitet werden.“

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Besteht Grund zur Sorge, dass ein Großteil der Stadtgeschichte irgendwann komplett überbaut wird?

Cybulska: „Stadtgeschichte lebendig erhalten ist ein wesentliches Stadtentwicklungsziel. Auch hier waren sich und sind sich Verwaltung und Stadtrat ihrer Verantwortung bei der Planung und den notwendigen Entscheidungen bewusst. Die Hauptaufgabe der Stadtheimatpflege ist, zum Erhalt und zur Vermittlung der historischen Dimensionen der Stadt beizutragen. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gemeinsam mit den privaten und öffentlichen Gebäudeeigentümern gelingt, Stadtgeschichte zu erhalten und verantwortungsbewusst weiterzuentwickeln.“

Was macht in Ihren Augen eine gesunde Stadtentwicklung aus?

Cybulska: „Die umfassende Beantwortung dieser Frage erfordert komplexe Betrachtungen, die relevanten Themen kann ich nur stichwortartig anführen: Umwelt- und Klimaschutz, soziales Umfeld und gesellschaftlicher Zusammenhalt, wirtschaftliche Stabilität, Wohnen und Wohnumfeld, Natur- und Landschaftsraum, Mobilität, Stadtbild und Identifikation, Aufenthalts- und Erholungsqualitäten, objektive Sicherheit und subjektives Sicherheitsempfinden – die Aufzählung ist nicht abschließend. Eine plakative Antwort lautet: Uns gelingt dann eine gesunde Stadtentwicklung, wenn auch unsere Nachfolge-Generationen die Stadt als lebenswert empfinden, in all ihren Funktionen, in allen Lebensphasen, von der Kindheit bis ins hohe Alter.“

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Das Thema Nachverdichtung ist in aller Munde. Ist die sogenannte Hochhauspolitik der Schlüssel zum Erfolg?

Cybulska: „Für Rosenheim halte ich die Empfehlungen der bereits genannten Studie „Hohe Häuser“ für zielführend: In der historischen Altstadt, in den Denkmalensembles, den kleinteilig strukturierten Wohngebieten und den dörflich geprägten Stadtteilen würden Hochhäuser unverträgliche Maßstabssprünge bedeuten.“

Wo also würde der Bau von Hochhäusern Sinn ergeben?

Cybulska: „Hochhäuser in Rosenheim können zum Beispiel in Konversionsflächen, in Bereichen die eine Umstrukturierung erfahren, infrage kommen. Sie können auch Stadteingangssituationen betonen. Das Bahnareal Nord folgt bereits dieser Einschätzung.“

Passen Hochhäuser überhaupt zum Rosenheimer Stadtbild?

Cybulska: „Die städtebaulichen Analysen der innerstädtischen Baustruktur haben zu der Einschätzung geführt, dass Gebäude bis 27 Meter Höhe nur einen unwesentlichen Einfluss auf die Stadtsilhouette haben. Ich halte es daher für legitim, im Kernbereich der Innenstadt – die historische Altstadt und die Denkmal-Ensembles ausgenommen – bei Neubauplanungen diese mögliche Höhenentwicklung unter den örtlichen Gegebenheiten offen zu prüfen. Beeinträchtigungen der Nachbarschaft durch Verschattung sind zum Beispiel natürlich immer zu berücksichtigen.“

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Und was, wenn die Gebäude höher als 27 Meter werden sollen?

Cybulska: „Bei Gebäuden größerer Höhe, die einen deutlichen oder sogar prägenden Einfluss auf die Stadtsilhouette haben, muss die Verträglichkeit unter einer Vielzahl von Gesichtspunkten am potenziellen Standort individuell geprüft werden. Hier folge ich auch wieder der Empfehlung der Studie, dass zur Wahrung des Stadtbildes nur eine maßvolle Weiterentwicklung beziehungsweise Ergänzung der Stadtsilhouette angestrebt werden sollte. Gebäudehöhen über 30 Meter sollten damit nur in besonderen ausgewählten städtebaulichen Situationen realisiert werden.“

Auf eine klimagerechte Bauweise wird seit einigen Jahren viel Wert gelegt.

Cybulska: „Traditionelle Bauweisen wurden stark von den regionalen klimatischen Bedingungen geprägt. Die technologischen Entwicklungen haben uns im Bauwesen großzügige Möglichkeiten eröffnet, die mit hohem energetischen und technischen Aufwand realisiert werden. Ich persönlich bin überzeugt, dass sich unser Bauwesen nur dann wirklich nachhaltig weiterentwickelt, wenn wir uns wieder stärker auf die Bedingungen des örtlichen Klimas und die regional vorhandenen Ressourcen reagieren. Hier liegen im gesamten Bausektor noch große Herausforderungen, in Rosenheim ebenso wie in allen anderen Städten.“

Gibt es in Rosenheim ausreichend Grün?

Cybulska: „Ein gesundes Stadtklima werden wir auf Dauer in Rosenheim nur sichern, wenn wir so viel bestehende Grünstrukturen wie möglich erhalten und jede Möglichkeit einer sinnvollen Ergänzung nutzen: Das können Baumpflanzungen sein, Hecken und Sträucher, oder begrünte Fassaden und Dächer – wir sind hier noch nicht am Ziel!“

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