Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Direktor spricht von absolutem Glücksfall

Wenn der Hausmeister plötzlich Mathelehrer ist: Ungewöhnliche Fügung an Aiblinger Gymnasium

Nelia Morocova und Eduard Litt Unterricht Bad Aibling Gymnasium Brückenklasse Ukraine
+
Nelia Morozova aus der Ukraine und Eduard Litt aus Kasachstan unterrichten seit September die ukrainischen Flüchtlinge in der Brückenklasse am Bad Aiblinger Gymnasium.

Das Gymnasium Bad Aibling hat etwas, was viele andere Schulen nicht haben: Zwei Lehrer für die ukrainischen Flüchtlinge der „Brückenklasse“, die sich nicht nur perfekt mit den Schülern verständigen können, und die für Direktor Michael Beer noch aus weiteren Gründen „absolutes Gold wert sind“.

Bad Aibling – Seit neun Jahren arbeitet Eduard Litt am Bad Aiblinger Gymnasium als Hausmeister. Derzeit hat er allerdings noch einen „Zweitjob“: Für vier Stunden in der Woche steht er als Mathematiklehrer an der Tafel des Raumes, der zu Schuljahresbeginn für die neue Brückenklasse eingerichtet wurde. Geleitet wird sie von Nelia Morozova, die Ende Februar aus der Ukraine nach Deutschland kam.

„Die beiden sind ein absoluter Glücksfall“, schwärmt Direktor Michael Beer. Denn Litt stammt aus Kasachstan, hat in Russland Pädagogik studiert, Computerunterricht gegeben sowie als Mathematik- und Physiklehrer gearbeitet und kann sich sehr gut mit den 18 Schülern, die kein oder kaum Deutsch sprechen oder verstehen, verständigen.

Analpabeten und Durchstarter in einer Klasse

So auch Nelia Morozova. „Sie hat in der Ukraine als Deutschlehrerin gearbeitet und dort Schüler von der ersten bis zur elften Klasse unterrichtet – besser könnte es gar nicht passen “, so Michael Beer. Denn einfach ist die Aufgabe für die Schulen hierzulande beileibe nicht: Schüler unterschiedlichsten Alters kommen mit völlig verschiedenen Voraussetzungen in die Klasse – von Analphabeten bis zu jenen, die nach Einschätzung der Pädagogen sogar die Chance haben, eines Tages in eine Regelklasse zu wechseln.

Wo die Schwierigkeiten in der Praxis liegen

„Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hatten wir auch an den Schulen eine historische Situation, als es darum ging, die Flüchtlingskinder unterzubringen. Dazu wurden zunächst Willkommensgruppen gebildet. Seit September sind nun Schüler aus der Ukraine zwischen sechs und 16 Jahren in Deutschland schulpflichtig. Hier wird aber nicht nach Begabung und Schulart differenziert. Ab sechs Jahren kommen sie in die Grundschulen, die Zehn- bis 16-Jährigen auf die weiterführenden und die Älteren auf die Berufsschulen – im ersten Jahr fast ausschließlich, um Deutsch zu lernen. Geld gibt es dazu von der Regierung, aber die Lehrer müssen wir selber suchen.“

Auch dabei sind für Beer die Dienste von Nelia Morozova enorm wichtig. Bevor er sie „engagierte“, hatte die 34-Jährige seit März bereits an der St. Georg-Schule Schüler betreut. „Als ihr Vertrag auslief, habe ich sie gleich ,angeheuert‘“, so der Schulleiter. Fast zeitgleich entstand – zunächst eher im Spaß – die Idee, den kasachischen Hausmeister Eduard Litt für den Stunden Mathematikunterricht zu gewinnen. Auch das klappte. Nun versuche man mit vereinten Kräften, für die Schüler das Bestmögliche aus der Situation herauszuholen.

Bislang blieben diese unter sich. Zu groß seien die Sprachbarrieren, um mit den deutschsprachigen Altersgenossen zu kommunizieren. „Aber es gibt andererseits auch keine Konflikte“, ist Beer froh. Die ersten Worte Deutsch beherrschen die Flüchtlinge mittlerweile: Guten Tag, Servus, Danke höre man in der Klasse. „Aber das häufigste Wort ist ,heimgehen‘.“ So seien zwei der 18 Schüler im Moment wieder in der Ukraine: „Sie stammen aus einem Teil des Landes, in dem derzeit keine Kämpfe stattfinden. Wir können nur hoffen, dass sie gesund wiederkommen. Wir bieten ihnen Integrations- und Sprachhilfe an.“

Auch Eduard Litt trägt seinen Teil dazu bei. Er sagt: „Wir haben diese Kinder, und wir haben die Aufgabe, sie für die Integration vorzubereiten. Ich bin ein Mensch, der gerne hilft.“ Und so arbeitet er plötzlich wieder in seinem ursprünglichen Beruf. „Wir sind als Wolgadeutsche 1999 hierhergekommen“, erklärt er. In Sachsen-Anhalt ließ er sein Lehrerexamen anerkennen, arbeitet aber zunächst als Automechaniker. Als er nach Bad Aibling kam und von der Hausmeisterstelle hörte, hat er sich gemeldet: „Ich wollte wieder gerne etwas mit Schule machen und habe das als eine Chance empfunden. Ich möchte nicht nur Hausmeister sein, sondern auch die Lehrer unterstützen,“ sagt er in perfektem Deutsch.

Eine Unterstützung, die Beer als „unbezahlbar“ bezeichnet: „Ohne ihn würde es hier nicht funktionieren. Er macht wirklich alles, vom Tonerwechsel bis zum Beheben von IT-Problemen. Und bei den Schülern hat er ein echtes Standing.“ Das komme ihm auch zugute, wenn er bei etwaigen Streitigkeiten mit Bestimmtheit sagt: „Wer zuerst zuschlägt, hat verloren“ oder den sechs Schülern, die aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen, erklärt, „wie es in Deutschland läuft“, gerade was Respekt und Werte angeht.

„Wer zuerst zuschlägt, hat verloren“

Mathelehrer Eduard Litt

Ob er sich vorstellen kann, seine Stunden als Lehrer aufzustocken? Er bezweifle, dass das möglich ist, sagt er und tauscht einen verschwörerischen Blick mit Beer aus. Und der sagt voller Respekt: „Lehrer gibt es viele, aber nur einen Hausmeister wie ihn. Er ist unersetzlich für die Schule.“ Die gleiche Wertschätzung ist spürbar, wenn Beer von und mit Nelia Morozova spricht.

Die Liebe zur deutschen Sprache hat sie von ihrer Mutter geerbt, erzählt sie. „Oma und Opa waren einfach Leute, sie hatten zwei Kühe und ein Gurkenfeld und meine Mutti sollte zuhause mitarbeiten. Aber sie wollte etwas Schönes. Sie war die erste in unserer Familie, die studierte. Sie arbeitet in der Ukraine immer noch als Deutschlehrerin.“ Für Nelia Morozova war es schwer, die Heimat, ihren Mann, die Familie zu verlassen. „Doch ich muss an meinen Sohn denken.“ Vier Jahre alt ist der Bub und mittlerweile auch in einem Kindergarten. „Als wir hier ankamen, hat uns eine einheimische Familie aufgenommen und sehr geholfen. Wunderbare Menschen. Über sie habe ich mittlerweile auch eine Wohnung gefunden. Jetzt suche ich noch nach einem Minijob.“

Gemeinsam zu St. Martin und Wandertag

Der Einsatz der beiden neuen Lehrkräfte beschränkt sich aber nicht nur auf die Theorie. So hatten sie mit den Flüchtlingen beispielsweise Laternen gebastelt und einen St. Martinszug veranstaltet. Und auch einen gemeinsamen Wandertag veranstaltet, bei dem es zum Kennenlernen durch die Stadt ging. Bezeichnend auch die Bilder, die nach dem Lesen des Märchens von der goldenen Gans entstanden sind.

„Was würdet Ihr Euch wünschen, wenn Ihr eine goldene Gans hättet?“, lautete hierzu die Fragestellung. „Ich möchte Papa sehen“, „In die Ukraine kommen“, „Katze, Oma und Opa sehen“, „Ich will Auto, ich will Computer, ich will kein Krieg – no war“, „Ich will Goldene Gans, ich will Goldene Ei“, „Nach Hause“ steht neben den Zeichnungen der jeweiligen Gänse. Doch wie sehr die Auswirkungen der schrecklichen Ereignisse manche Jugendlichen prägen zeigt das Beispiel eines zwölfjährigen Buben, der laut Morozova nur Panzer und Gewehre malt und davon träumt, eines Tages gegen Russland zu kämpfen.

Kommentare