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Irene Durukan und Mario Dieringer klären auf und helfen

Bad Aiblingerin hat ihren Mann durch Suizid verloren: „Wir sollten viel offener darüber reden“

Irene Durukan vom Verein „Mut und Courage“ hat sich jetzt mit dem Initiator Mario Dieringer getroffen.
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Irene Durukan vom Verein „Mut und Courage“ hat sich jetzt mit dem Initiator Mario Dieringer getroffen.

Bad Aibling – Die Bäume sollen an Suizidopfer erinnern: Im Frühjahr soll ein Baum im Rahmen der Aktion „Trees of Memorys“ (Bäume der Erinnerung) in Bad Aibling gepflanzt werden. Irene Durukan, Vorsitzende des Vereins „Mut und Courage“, ist selbst betroffen. Sie hat ihren Mann durch Suizid verloren – und spricht darüber im Interview.

Frau Durukan, Sie setzen sich dafür ein, dass auch ein Baum in Bad Aibling für Suizidopfer gepflanzt wird. Warum ist das so wichtig?

Irene Durukan: Um das Tabu, das mit dem Thema Suizid verbunden ist, aufzubrechen. Wir sollten darüber viel offener sprechen, um Hinterbliebene und Suizidale zu entlasten.

Sollten überall Bäume dieser Art gepflanzt werden?

Durukan:Ja, das wäre schön. Mario Dieringers Vision ist es, Bäume der Erinnerung wie einen Ring um die Erde wachsen zu lassen. Ein in sich geschlossener Weg, der für Liebe, Freundschaft, Mut, Hoffnung und die Unendlichkeit des Lebens steht. Ein ewig sichtbares Symbol, das Menschen auf aller Welt Hoffnung und Mut machen soll, neue Perspektiven zu entdecken, die wieder ins Leben führen.

Der Baum solle nicht auf einem Friedhof gepflanzt werden. Was spricht dagegen?

Durukan:Angehörigen und Freunden fällt es manchmal sehr schwer, den Friedhof aufzusuchen, weil sie den Suizid noch nicht verarbeitet haben. Trauerarbeit braucht seine Zeit. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Baum der Erinnerung. Vielleicht treffen Sie sich am Geburts- oder Todestag am Baum mit Familie und/oder Freunden. Sie erinnern sich, fühlen sich verbunden, reden oder schweigen miteinander, tauschen sich aus. Da ist ein öffentlich zugänglicher Ort, an dem der Baum wachsen kann, besser geeignet. Meine Vision: mit einer Bank, die zum Verweilen einlädt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Durukan: Eine Freundin ist mit der Idee und dem Hinweis auf den „Trees of memory“ an mich herangetreten. Als Hinterbliebene eines Suizids fand ich diese Idee sehr ansprechend. Jeder trauert anders, das soll und darf so sein. Der Suizidale hinterlässt seinen Schmerz, der erst einmal bei dir bleibt und dein Leben beeinflusst. Der Tod, dem wir alle einmal entgegentreten werden, ruft dir jedoch laut zu – Lebe! Ich habe Frieden damit geschlossen, dass ich einmal gehen werde, und habe Vorkehrungen mit meinen Kindern getroffen. Jeder Baum ist für mich ein Symbol für den Mut, sich auf das Leben einzulassen. Auch wenn es ein „anderes“ Leben sein wird.

Wie ist es Ihnen damals ergangen?

Durukan: Tränen, großer Schmerz, das Gefühl, als ob man sich selbst zusieht und ferngesteuert ist. Das Funktionieren. Abends dann das Zusammenbrechen und Weinen, Schlaflosigkeit, Vermissen. In einem Moment eine Palette vieler Gefühle auf einmal zu erleben. Suche nach Antworten, die nicht kommen. Schuldgefühle. Dieses schmerzhafte „Nie wieder“. Die Sprachlosigkeit – mein Mann war ja von einer Stunde auf die andere nicht mehr da. Die Liebe, die da ist und kein Gegenüber mehr findet. In dieser Phase sind Ratschläge und Phrasen nicht hilfreich. Eine Freundin sagte einmal treffend: „Ratschläge sind auch Schläge.“ Einfach zu wissen, es sind Menschen an deiner Seite, ein ehrliches Gespräch, eine Umarmung, gemeinsam zu Schweigen und ganz alltägliche Dinge zu tun. Spazieren zu gehen und zu wissen, da sind Familie oder Freunde, die ich jederzeit anrufen kann, das alles hat mir geholfen.

An wen haben Sie sich gewandt?

Durukan: Meine Hilfe war die Arbeit mit einer Trauertherapeutin. Dem folgten weitere Psychotherapie und der Besuch einer Trauergruppe. Ich wollte wissen, wie andere Betroffene damit umgehen. Ich habe auch ein Medium besucht. Meine Gedanken und Gefühle habe ich aufgeschrieben. Ich habe mit vielen unterschiedlichen Ansätzen gearbeitet. Manches hat geholfen und manches nicht. Grundsätzlich habe ich immer offen darüber gesprochen und versucht, die Situation zu reflektieren.

Gibt es genug Anlaufstellen für Hinterbliebene?

Durukan:Meiner Meinung nach zu wenig. Natürlich gibt es beispielsweise die Telefonseelsorge oder Angebote von der Caritas und der Diakonie. Bei Trees of Memory gefällt mir, dass Menschen helfen, die selbst in ähnlichen Situationen waren. Sich also in die Lage der Betroffenen versetzen können.

Wie ist Ihr Umfeld mit Ihnen nach dem Suizid umgegangen?

Durukan: In der dunkelsten Stunde meines Lebens durfte ich das Licht der Liebe erfahren, von meiner Herkunftsfamilie, engen Freunden und Menschen, von denen ich es nicht erwartet habe. Ich war nicht alleine. Ich wurde begleitet, geliebt und aufgefangen. Es stärkt dich, wenn du nicht alleine bist. Letztendlich liegt es aber in deiner eigenen Verantwortung, wie es weitergeht und welches Leben wir führen werden. Da mein Mann in Bad Aibling bekannt war, gab es auch viel Tratsch, böse Gerüchte und herzlose Besserwisserei sowie Unterstellungen. Wenn du am Boden liegst, zeigt sich der Charakter eines Menschen. Manche helfen, und andere treten auf dich ein.

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Wie bitte?

Durukan:Es gab zum Beispiel Menschen, die die Straßenseite wechselten oder den Kontakt zu mir abbrachen. Manche auch deshalb, weil sie nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten. Ich hätte verstanden, wenn man offen zu mir gesagt hätte: Ich weiß, was passiert ist, aber ich weiß gerade nicht, wie ich mit dir umgehen soll. Manchmal sollte man sich nur kurz in die Lage versetzen, wie es einem selbst in solchen Situationen gehen könnte.

Platz gesucht

Nun wird ein öffentlicher Ort für eine Baumpflanzung im April 2022 in Bad Aibling oder weiteren Landkreis Rosenheim gesucht, der frei zugänglich ist. Wer mit einem möglichen Pflanzungsort unterstützen will, wird gebeten, den Verein Mut & Courage Bad Aibling unter info@muttutgut.org zu kontaktieren.

Der Initiator von „Trees of Memory“

Der Wahlberliner Mario Dieringer, der in Wolfratshausen geboren wurde, hat das Projekt „Trees of Memory“ 2016 ins Leben gerufen. Sechs Monate zuvor hatte sein Lebensgefährte Selbstmord begangen. Seit gut drei Jahren ist er weltweit unterwegs, um sein Projekt bekanntzumachen. Er möchte dadurch auf die stetig steigenden Suizidzahlen aufmerksam machen.

Er sieht sich als Botschafter für das Leben und die erfolgreichen Möglichkeiten, Depressionen und Suizidalität zu behandeln. Mittels Aufklärungsarbeit hilft er Angehörigen, sich von Schuldvorwürfen zu befreien und das Umfeld für die emotionale Not von Hinterbliebenen zu sensibilisieren. Seit März 2018 ist Dieringer rund 5000 Kilometer durch Deutschland gelaufen. Heuer war er auch im Landkreis Rosenheim.

Auf seinem Weg hat er bisher 30 Bäume der Erinnerung gepflanzt. Weitere Infos zu dem Projekt gibt Dieringer per E-Mail info@treesofmemory.com oder unter Telefon 0176/58880435.

Hinweis der Redaktion: Hilfe bei existenziellen Lebenskrisen

Generell berichten wir nicht rund ums Thema Suizid, damit mögliche Nachahmer nicht ermutigt werden. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800/1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180/6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.

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