Autor von „Toni Goldwascher“

„Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer“: Josef Einwangers neuer Roman ist bereits verfilmt

Der Schriftsteller Josef Einwanger erzählt begeistert von seinen Büchern und aus seinem Leben.
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Der Schriftsteller Josef Einwanger erzählt begeistert von seinen Büchern und aus seinem Leben.

Das kleine Haus duckt sich hinter einen großen Bauernhof, öffnet sich aber mit einem Panoramafenster weit gegen den Brünnstein: Dort lebt seit dreizehn Jahren der Schriftsteller Josef Einwanger (86).

Kiefersfelden – Weithin bekannt geworden ist er durch den Roman „Toni Goldwascher“, der 1993 erschienen und 2007 erfolgreich verfilmt worden ist. Es ist eine Tom-Saywer-Geschichte, die am Inn in der Nachkriegszeit spielt. Toni ist vaterlos – wie fast alle jungen Helden in den Romanen von Josef Einwanger, der selber von sich sagt: „Ich bin ein Kind ohne Vater.“

Ein Roman nicht nur für Jugendliche

Sein neuester und achter Roman heißt „Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer“. Auch hier ist der zehnjährige Felix wieder vaterlos – zunächst. Mit seiner Mutter flüchtet Felix vor den feindlichen Bomben während des Krieges aufs Land bei Simbach am Inn. Dort gerät er immer wieder mit dem Sohn des fanatischen Orts-Nazis in Streit, auch weil er sich mit dem Flüchtlingsjungen Tofan angefreundet hat.

Zarte Liebe zu Freundin Marta

Zuhause zieht Felix sich immer in sein verzaubertes „Glaszimmer“ zurück. Mit seiner Freundin Marta kann er über alles sprechen, es entwickelt sich eine ganz zarte Liebe. Als die Amerikaner kommen, ändert sich alles im Dorf. Freundschaft, aufkommende Liebe,

Josef Einwanger: „Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer“, BVK Buch Verlag Kempen GmbH. 8 Euro. ISBN 978-3-96520-126-2.

Tod, Politik und Historie verknüpft Einwanger zu einem sehr handlungsreichen, geschichtsträchtigen und spannenden Roman, der konsequent in der Kind-Perspektive geschrieben ist. Er ist stilistisch sehr verknappt: „Ich habe das Tempo des Films übernehmen wollen“, erklärt Einwanger.

Mit Verfilmung im ZDF unzufrieden

Mit der Verfilmung, die noch nicht im ZDF ausgestrahlt worden ist, ist er unzufrieden: „Der Film ist die Zerstörung meiner Geschichte.“ Was empört ihn genau? Er sei historisch unstimmig, zentrale Szenen seien nicht verfilmt worden, so die Szene, in der Felix mit Hilfe eines Spiegels das Hitlerbild zu einer Fratze verzerrt.

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Auch die Szene mit dem Rattennest zu Beginn wurde gestrichen. Und Felix‘ Freund Tofan komme kaum vor – obwohl dies alles wirklich passiert sei. Zu diesem Buch gibt es auch ein lesebegleitendes Literaturprojekt für die Schule.

Ein Lebenvoller Umwege

Doch auch das Leben von Josef Einwanger ist voller Um- und Abwege. Geboren ist er in Bachham in Niederbayern, den Vater hat er nicht erlebt, seine Mutter, die ihn mit ihrer Liebe sehr unterstützt hat, „war eine kleine Philosophin“. Er ist in Kirchdorf am Inn in die Grundschule gegangen, dann aber – auf Anraten des Dorfkaplans – aufs Gymnasium im Klosterinternat von Fürstenzell.

„Mit zehn Jahren war meine Kindheit zu Ende“, betont Einwanger: „Diese sechseinhalb Jahre im Internat haben mich sehr geprägt, ich habe Latein gelernt und Geige gespielt – ich bin dann aber buchstäblich ausgebrochen, geflohen!“

Bücher bringen Leben in neue Bahn

Geflohen in die Wirtschaft: Er machte in Simbach am Inn eine Lehre als Industriekaufmann. Mit neunzehn Jahren ging er zu seinem Chef und sagte: „Ich kündige, ich habe ein Buch gelesen und erkannt, dass ich ein falsches Leben führe!“ Das Buch war „Die Blendung“ von Elias Canetti, dazu kam „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche.

„Diese zwei Bücher haben mein Leben auf eine ganz andere Spur gesetzt. Ich habe das alles ganz ernst genommen“, erklärt Einwanger. Zuerst wollte ein Antiquar ihm die Geschäftsführung anvertrauen und ihn sogar adoptieren, das hat ihn aber überfordert. Deshalb ging er nach München und verkaufte dreizehn Jahre lang in einer Firma Baustoffe.

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Und wieder war er unzufrieden: Er hat in drei Jahren, neben Beruf und Familie mit drei Kindern davon ein schwerstkrankes, im Abendgymnasium das „Begabtenabitur“ gemacht. „Da ist mein Selbstbewusstsein gewachsen“, bekennt Einwanger. Ein Volkshochschuldozent hat ihm dann zu einem Pädagogikstudium verholfen: „Lehrer ist wichtig, Beruf kann jeder!“, war dessen Begründung für seine Hilfe.

„Das war ein Paukenschlag“

Das kranke Kind brauchte Landluft, also war Einwangers erste Stelle als Lehrer auf dem Land, in Altötting: „Das war ein Unglück für mich“, erinnert er sich. Dort hat er sein erstes Buch geschrieben: „Geschriebene Küsse kommen nicht an“. Warum hat er zu schreiben begonnen? „Ich musste mich wehren“, erklärt Einwanger, „ich bin im Internat so gedemütigt worden, ich wollte zeigen, dass ich auf der Welt bin. Ich bin ja ein mich entblößender Mensch, meine Bücher sind eigentlich alle Psychogramme“.

Dieses Buch sei ein Aufreger gewesen, weil es alles so offen geschildert hat. Drei renommierte Verlage hätten sich um das Buch gerissen, auf der Frankfurter Buchmesse wurde es vorgestellt: „Mein erstes Buch war ein Paukenschlag.“ Vom Schreiben habe er damals allerdings nichts gewusst, wie der Roman aus der Schreibmaschine kam, hat er ihn an die Verlage geschickt.

Ein bayerischer Schulroman

Dann kam „Öding“ – ein Roman über Altötting und wieder ein Aufreger: „Darauf habe ich Altötting verlassen müssen.“ Es ist die Geschichte eines Lehrers in einer bayerischen Kleinstadt, der in der quälenden Enge seines Alltags voller Verordnungen einen Kampf gegen Vorurteile und Lieblosigkeit ficht, gegen eine Schule, in der nicht unterrichtet, sondern gerichtet und verbogen wird.

Schließlich wurde Einwanger sehr krank, litt unter starker Migräne, folgte dem Rat eines Arztes und hörte, 49-jährig, als Lehrer auf. Bereut hat er es nie. Konnte er das finanziell durchstehen? „Ich habe ja da schon Lesungen gehabt, unvorstellbar viele Lesungen“. Auch zu Literaturpreisen wurde er eingeladen, sogar zum Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt, von Martin Gregor-Dellin empfohlen, von Joachim Kaiser gelobt – Preise hat er nicht bekommen.

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„Damals habe ich zu den auffallenden Autoren gehört“, sagt Einwanger schmunzelnd und bekennt: „Die Schulräte waren froh, dass ich weg war, ich war ja ein solcher Rebell! Ich hatte etwas gegen die Falschheit der Menschen.“

Auf der Suche nach der „Blumentopfinsel“

„Daumenkino“ erschien 1984, „ein verrücktes und schreckliches Buch“, sagt Einwanger dazu: Der Organist Pankraz meint, sein Kopf sei ein Gewölbe wie das Kirchen- und das Himmelsgewölbe. Er kann schließlich Gott und das Leben nicht mehr ertragen und sprengt schließlich mit dem Zug des „Tutti“-Registers an der Orgel sich und alles in die Luft.

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Das Kinderbuch „Inselspuk“ wurde durch einen häufigen Besuch in Irland inspiriert, wo sein Sohn ein Heim für behinderte Kinder gegründet hatte. Der elfjährige Kinder-Held will zusammen mit einem Buben, der ihn eigentlich immer quält, die „Blumentopfinsel“ entdecken. „Der Inhalt ist die Entdeckung des Mädchens“, sagt Einwanger dazu. Das Kinderbuch „Der Zauberpfennig“ ist für die Zweitklässler geschrieben.

Zwei fertige Romane und zwei Drehbücher hat Josef Einwanger noch liegen, die auf Veröffentlichung warten. Gefragt, ob er nicht auch als Schriftsteller in Rente gehen wolle, antwortet er: „Ich kann nicht aufhören zu schreiben.“

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