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„Lasst es uns versuchen“ – Wie Inklusion in der Berufswelt funktionieren kann

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Von: Nicolas Bettinger

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Ein Jugendlicher mit Down-Syndrom arbeitet in einer Holzwerkstatt.
Ein Jugendlicher mit Down-Syndrom arbeitet in einer Holzwerkstatt. © picture alliance / Daniel Karman

Die Diakonie Rosenheim begrüßte in Bad Aibling rund 40 Gäste zu einer Gesprächsrunde mit dem Thema “Teilhabe durch Arbeit - Chancen für ein selbstbestimmtes Leben durch betriebliche Inklusion“. Wie das funktionieren kann und was Arbeitgeber wissen sollten.

Bad Aibling – Auch wenn der Begriff „Inklusion“ immer wieder zu hören ist, so richtig umgesetzt wird er in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens noch längst nicht. „Er hat 400 Bewerbungen geschrieben“, sagt Klaus Voss und erzählt dabei von einem jungen Mann mit Behinderung, der es auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen will. Voss, Geschäftsleitungsmitglied der Diakonie Rosenheim, begrüßte in Bad Aibling rund 40 Gäste zu einer Gesprächsrunde mit dem Thema „Teilhabe durch Arbeit - Chancen für ein selbstbestimmtes Leben durch betriebliche Inklusion“.

Bei der Veranstaltung von Diakonie und dem Evangelisch-Lutherischen Dekanat kamen Gäste aus Wirtschaft, Handwerk, sozialen Trägern, Öffentlichem Dienst, Kirche sowie Menschen mit einer Beeinträchtigung zu Wort. Letztere wurden bereits vom „Anderen Leistungsanbieter“ der „Sozialen Dienste Oberbayern“ erfolgreich auf einen Arbeitsplatz des ersten Arbeitsmarkts vermittelt.

Mit Downsyndrom in der Gärtnerei

„Bei uns arbeitet beispielsweise eine junge Frau mit Downsyndrom“, erklärte eine Gärtnerin aus Bad Endorf. Weitere Arbeitgeber, etwa eine Druckerei aus München, berichteten über ihre Erfahrungen mit Mitarbeitern, die über eine Beeinträchtigung verfügen. „Auf uns kam damals die Diakonie zu und seit dem haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagte Robert Wimmer von der Druckerei Prantl.

Ziel der Veranstalter war es, dass sich Arbeitgeber der Region über ihre bisherigen Erfahrungen mit Mitarbeitenden aus der Maßnahme des „Anderen Leistungsanbieters“ austauschen können. „So sollen Berührungsängste abgebaut und ein realistisches Bild von Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung vermittelt werden“, erläutert Michael Jahn, Bereichsleiter bei der Diakonie Rosenheim für die Maßnahme.

Doch was ist diese Maßnahme eigentlich und was hat ein Arbeitgeber davon, Menschen mit Beeinträchtigung einzustellen? Laut Jahn sind Inklusion und Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Beeinträchtigung gesetzlich verbriefte Rechte. „Andere Leistungsanbieter“ stellten hierfür bundesweit seit Anfang 2018 für diese Menschen eine Alternative zur Werkstatt dar.

„Am Ende steht im Idealfall ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis“

„Am Ende steht im Idealfall ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis“, sagt Jahn. Man verstehe sich als Vermittler zwischen den Arbeitgebern und den arbeitssuchenden Menschen mit Beeinträchtigung.

Die Arbeit reiche von Beratung über die Suche nach einem passenden Arbeits- oder Ausbildungsplatz, bis hin zur weiteren Betreuung. Die Maßnahme „Anderer Leistungsanbieter“ gliedert sich dabei in verschiedene Abschnitte, dem Eingangs-Verfahren, dem Berufs-Bildungsbereich und letztlich dem angestrebten Arbeits-Bereich. Insgesamt kann es mehrere Jahre dauern, bis ein „normales“ Arbeitsverhältnis steht.

„Und wie funktioniert die Finanzierung?“, wollte ein Arbeitgeber während der Gesprächsrunde wissen. Laut Jahn fallen für den Arbeitgeber in den ersten 27 Monaten keine Kosten an. Die Bezahlung werde in dieser Zeit von der Arbeitsagentur oder von der Rentenversicherung übernommen. So gehe der Arbeitgeber auch kein Risiko ein und könne die Maßnahme testen. „Lasst es uns versuchen, es funktioniert“, betonte Jahn.

Positive Erfahrungen in Beispiel-Betrieben

Bestätigen konnte dies beispielsweise Marco Maus, Leiter des Rosenheimer Kindergartens Klabautermann. Für seine integrative Einrichtung sei es ohnehin nichts Neues gewesen, mit Menschen mit Beeinträchtigung zusammenzuarbeiten. „Nicole hat sich bei uns super eingefunden“, erzählt Maus über eine junge Frau, die über die Maßnahme zu ihm gekommen sei. Sie kümmere sich etwa um das Frühstück der Kinder, schneide Obst oder räume die Spülmaschine aus. „Sie ist eine sehr kompetente Mitarbeiterin für uns“, sagt Maus. Ohnehin äußerten sich die anwesenden Arbeitgeber positiv. Die Mitarbeiter aus der Maßnahme seien äußerst zuverlässig, loyal und sorgten zudem innerhalb der Belegschaft für ein angenehmes Betriebsklima. Klar sei jedoch auch, dass es nicht überall funktioniere.

In Bad Aibling diskutieren Experten und Arbeitgeber über Inklusion.
In Bad Aibling diskutieren Experten und Arbeitgeber über Inklusion. © Bettinger

Die Idee, die hinter der Maßnahme steckt, sei laut Sebastian Kurz, Geschäftsbereichsleiter bei der Diakonie Rosenheim, ein Arbeitsgebiet zu finden, das individuell auf die Fähigkeiten des Menschen ausgerichtet ist. Dem Arbeitgeber könne dies insofern helfen, indem der Mitarbeiter Fachkräften diverse Hilfstätigkeiten abnimmt. „Deshalb gehen wir auf die Suche und schauen, wie so eine Beschäftigung bei welchem Arbeitgeber aussehen könnte“, so Kurz. Denn die bisher beteiligten Unternehmen seien noch nicht mehr als „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Klaus Voss schob hinterher: „Ich glaube arbeitsmarktpolitisch, gerade hinsichtlich des Fachkräftemangels, können wir es uns aber gar nicht mehr leisten, diese Menschen auszuschließen.“

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