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Fortschritte beim Jahrhundertprojekt

Es geht voran mit dem Brenner-Basistunnel: Bahn in Region Rosenheim unter Zugzwang?

Jahrhundertprojekt: Arbeiten am Brenner-Basistunnel
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Manchmal mit Fingerspitzengefühl, manchmal mit Rumms: Die Arbeiten am Brenner-Basistunnel schreiten voran.

Es geht voran bei den Italienern und Österreichern. Und bei den Deutschen? Während die Arbeiten am Brenner-Basistunnel rasant voranschreiten, steckt Deutschland beim Brenner-Nordzulauf in der Region Rosenheim noch in der Planungsphase. Ist die Deutsche Bahn unter Zugzwang?

Rosenheim/Innsbruck - Oberhalb von Innsbruck thront die Bergisel-Skisprungschanze, mit ihrer eleganten Silhouette ein Wahrzeichen der Tiroler Hauptstadt. Unweit der Sportstätte schlugen sich vor 200 Jahren Tiroler und Bayern die Köpfe ein; die Tiroler wollten partout nicht Teil des Königreichs Bayern werden.

Wie eine klaffende Wunde: Hangabtrag am Bergisel. In ein paar Jahren soll alles renaturiert sein.

Seit diesem Jahr tut sich am Bergisel wieder Historisches. Ein Projekt, das diesmal vereinigen soll. Nicht nur die wegen der Blockabfertigung zerstrittenen Tirol und Bayern, sondern sogar den Norden und Süden Europas. Die Österreicher graben und bohren am Rande des Bergisel für den Brenner-Basistunnel. Direkt am Rande der Sillschlucht. Mit Stahl, Beton und einem Einsatz von Maschinen in einem Ausmaß, dass man sich gar nicht vorstellen kann, was das hier eigentlich ist: der Eingang ins Naherholungsgebiet der Innsbrucker.

Italiener und Österreicher treiben Projekt voran

Die Großbaustelle südlich von Innsbruck ist einer der Punkte, an denen man besonders deutlich sieht, mit welcher Energie die Österreicher und Italiener das europäische Jahrhundertprojekt vorantreiben. Eine ganze Flanke des Bergisel wurde abgetragen, das Loch im Hang wirkt wie eine klaffende Wunde. Zwei Tunnel werden dort aktuell gebaut, „und zwar in offener Bauweise“, erklärt Andreas Ambrosi, einer der Sprecher des Projekts.

Der Fels, in den die Nordportale durchgeschlagen wurden, sei nicht gerade einfach, sagt Martin Kleinprecht. Er leitet die symbolträchtige Baustelle am Nordportal des Tunnels. Man habe aber die Probleme in den Griff bekommen. Unter anderem mit Stahlankern, die Dutzende Meter tief in den Hang über den Portalen getrieben wurden und den Berg dort stabilisieren. „Wir liegen im Zeitplan“, sagt Kleinprecht. „die Gründungsarbeiten sind abgeschlossen, nun erfolgt der planmäßige Betonbau.“

Willkommen im Labyrinth: Hier trifft der Zugangstunnel Ahrental auf den Erkundungsstollen.

Sind die beiden Tunnelröhren fertiggestellt, soll der Berg wieder draufgeschüttet werden: Fels, Kies und Erde in einer Höhe von über 40 Metern. 2024 soll es soweit sein, dann kann Gras über die Tunnel wachsen. Irgendwann, wenn Züge durch die Tunnel rauschen, werde man kaum mehr erkennen, wie tief der Mensch am Ausläufer des Bergisel in die Landschaft eingegriffen habe, sagt Ambrosi beim Ortstermin an der Sillschlucht. Die Österreicher scheinen sogar stolz zu sein auf die Operation: Eine Aussichtsplattform über den Tunnels markiere künftig den Übergang in den naturbelassenen Teil der Sillschlucht.

Mit 64 Kilometern Weltrekordlänge

Durch die beiden Tunnel werden die Gleise von Innsbruck her ans Bachbett der Sill geführt, die sie auf einer kurzen Brücke überqueren. Auf der anderen Seite der Sillschlucht verschwinden die Gleise für gut 55 Kilometer im Fels. Erst auf der anderen Seite der Grenze, bei Franzensfeste in Südtirol/Italien, gelangen sie wieder ans Tageslicht. Rechnet man die über neun Kilometer der Umfahrung Innsbruck hinzu, in die der Basistunnel einmündet, kommt man auf 64 Kilometer Länge - „Weltrekord“, wie Ambrosi mit etwas stolz in der Stimme mitteilt. Deswegen sei die Tunnel-Baustelle auch schon von Fernseh-Teams aus den USA besucht worden.

Ein gigantisches Projekt, das bei näherem Hinsehen noch größer wird. Denn für jedes Gleis wird es einen Tunnel geben. Hinzu kommen Erkundungsstollen, Querverbindungen und Rettungsstollen, außerdem Nothaltestellen. Insgesamt sind 230 Kilometer aus dem Fels zu brechen. 153 Kilometer sind nun bereits geschafft. Auf der südlichen Seite ist man sogar schon durch: Von Franzensfeste, dem Süd-Portal, bis zur Landesgrenze am Brenner sind die Tunnel gebohrt.

Bereits fertiggestellt ist die Umfahrung Innsbruck. Ihre neun Kilometer machen aus dem Brenner-Basistunnel endgültig ein Weltrekord-Bauwerk

Auf der österreichischen Seite gab es Verzögerungen, ein Bauabschnitt musste neu konzipiert werden. Offen ist jetzt noch der Abschnitt zwischen Pfons und Brenner. Aber auch da gehe es voran, es werde wohl noch heuer der Zuschlag erteilt, teilt Ambrosi mit. In nicht ganz sieben Jahren sollen dann in diesem Bereich insgesamt 25 Kilometer Tunnel ausgebrochen sein. Der neue Zeitplan sieht vor: Fertigstellung des Brenner-Basistunnels bis 2031, dann ein Jahr Testbetrieb; Inbetriebnahme im Jahr darauf.

Im Süden kommt man schnell voran

Im Norden wie im Süden stehen die Portale bereits. Weit über die Hälfte der Tunnelstrecken haben die Bau-Trupps in verschiedenen Abschnitten bereits aus dem Fels gebrochen. Auch oberirdisch sieht man im Vorbeifahren vieles. Die Abraumhalden, die Zementfabriken, die riesigen Baustellen sieht man von der Brenner-Autobahn aus.

Eine der spektakulärsten Aktionen spielte sich auf italienischer Seite ab. Dort verlegten die Planer die Strecke unter der Eisack hindurch. Weil die Bodenverhältnisse dort schwierig sind, eine Verlegung des Flussbetts aber nicht in Frage kam, frosteten die Baumeister den Boden unter dem Fluss, der Eisack, mit Stickstoff.

Auch von anderen Hindernissen lässt man sich nicht aufhalten. In Italien herrscht bei der Eisenbahn sozusagen Linksverkehr. Also werden die Tunnelröhren entsprechend über Kreuz geführt - und das bereits auf Höhe Innsbruck.

Auch beim Südzulauf vermelden die Italiener Fortschritte. Bozen, Trient und Rovereto gilt es zu umfahren. Und am weitesten sind die Planer bei Trient: Die Bauarbeiten wurden bereits ausgeschrieben, schon 2026 soll die Umfahrung fertiggestellt sein.

In Deutschland mahlen die Mühlen langsamer

Und in Deutschland? Plant die Bahn nach wie vor, wie die Strecke für den Brenner-Nordzulauf verlaufen soll. Und muss sich mit vielfachem und verbissenem Widerstand der Anwohner auseinandersetzen. Wie in Rohrdorf. Dort lädt die Bürgerinitiative Bürgerinteressen Rohrdorf (BIB Rohrdorf) Bürger und Politiker aus den Landkreisen Rosenheim und Ebersberg für den 3. Oktober zu einer „Wachrüttel-Demo“ nach Lauterbach ein (Beginn 10 Uhr am Dorfplatz Lauterbach).

Es wird absehbar nicht die letzte Demo sein, die Trassengegner werden Druck auf die Politik aufbauen wollen - zumal sich 2025 der Bundestag mit den Planungen zum Brenner-Nordzulauf befassen wird. Allerdings gehörte die Beteiligung der Öffentlichkeit auch von Beginn an zu den Planungen - sie sei schließlich eine Kernforderungen einer Resolution der Inntalgemeinden aus dem Jahre 2011 gewesen, heißt es auf der offiziellen Homepage der Nordzulaufplaner.

Bahn sieht sich dennoch im Zeitplan

Beim Ortstermin in den Tiefen der Brennerbasistunnel-Baustelle ist auch Deutsche-Bahn-Chefplaner Matthias Neumaier mit dabei. Sein Gesicht spiegelt zumindest Respekt vor der Arbeit der Kollegen wieder. Sieht er sich vom Fortschritt der Kollegen im Süden unter Druck gesetzt? Über seine Züge fliegt ein Lächeln. Er sagt Überraschendes: „Wir liegen im Zeitplan.“

Auch Franz Lindemair vom Netzbereich der Bahn ist mit von der Partie. Auch er sieht die Bahn entgegen allem Anschein auf der Höhe des Geschehens. Die Bahn setze auf Digitale Signaltechnik, erklärt er. Mit Hilfe dieser Technik sollen in der ersten Phase nach der Eröffnung des Brenner-Basistunnels bestehende Kapazitäten voll ausgeschöpft werden. „Mindestens 20 Prozent mehr“ könne man damit auf die Gleise bringen.

Das reiche zunächst aus, sagt Lindemair. Wenn 2040, zehn Jahre nach seiner Fertigstellung, der Brenner-Basistunnel langsam den vollen Effekt auf die Steigerung des Güter-Schienenverkehrs entfalte - dann sollte auch der Brenner-Nordzulauf soweit sein. Damit befindet sich die Bahn tatsächlich im Rahmen ihrer eigenen Vorgaben. Vorausgesetzt, der Bundestag segnet die Planungen ab.

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