1. chiemgau24-de
  2. Bayern
  3. Landkreis Rosenheim

Kein Schulabschluss: So groß ist das Problem in Rosenheim - und das sind Lösungen

Erstellt:

Von: Jennifer Beuerlein

Kommentare

Schüler im Klassenraum
Auch an den Mittelschulen in Rosenheim verlassen Jugendliche die Schule ohne Abschluss. (Symbolbild) © Philipp von Ditfurth/ dpa

Jahr für Jahr verlassen zehntausende Jungs und Mädels die Schule ohne einen Abschluss. Etwa 6000 haben laut Bertelsmann-Stiftung 2021 die Schule in Bayern abgebrochen. Wie es an den Mittelschulen in Rosenheim aussieht und welche Chancen die Schulabgänger ohne Abschluss haben.

Rosenheim – Kein Schulabschluss, keine berufliche Zukunft? Die Sorgen betroffener Eltern sind groß und sie sind nicht unbegründet. Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt, dass mehr als 47.500 Heranwachsende 2021 die Schule ohne Abschluss verlassen haben. Laut des Papiers steht Bayern mit etwa 6000 betroffenen Schülern noch vergleichsweise gut da. Trotzdem verlässt auch in der Region eine beträchtliche Zahl von Teenagern die Schule ohne Abschluss.

„Die Zahlen im Landkreis Rosenheim bewegen sich in den Mittelschulen relativ konstant in den letzten Jahren um die vier Prozent und in der Stadt Rosenheim zwischen vier und sieben Prozent“, erklärt das Schulräte-Team des Schulamts Rosenheim um Angelika Elsner, Herbert Unterreiner, Markus Kinzelmann und Wolfgang Baumann.

In harten Zahlen sind das in der Stadt etwa 20 und im Landkreis 35. Die Ungleichheit zwischen dem Landkreis und der Stadt Rosenheim erklärt sich damit, dass auch Schülerinnen und Schüler der sogenannten Deutschklassen - die oftmals erst ein Jahr in Deutschland leben - miterfasst wurden. „Durch den größeren Anteil an Deutschklassen ist der prozentuale Anteil in der Stadt Rosenheim höher“, berichtet das Schulräte-Team.

Die Quote in Rosenheim ist eher gering und dennoch zu hoch.
Die Quote in Rosenheim ist eher gering und dennoch zu hoch. © Klinger

„Niemand darf hinten bleiben“

Vorzeitige Schulabbrüche seien im Bereich der Mittelschule sehr selten vorzufinden, da bis ins neunte Schuljahr Schulpflicht besteht. Nur in wenigen Ausnahmefällen brechen Jugendliche auch bei erfüllter Schulpflicht nach der siebten und achten Jahrgangsstufe die Schule ohne Abschluss ab. „Die bestehende Schulpflicht, engagierte Klassenlehrkräfte und breite Unterstützungssysteme an und im Umfeld der Mittelschulen sorgen dafür, dass nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss die Mittelschule verlassen“, berichtet das Schulräte-Team.

Für die kleine Gruppe von Jugendlichen, die auch nach dem zweiten Versuch die Schule ohne Abschluss beenden, stehen verpflichtende Anschlussoptionen offen. Verpflichtend ist für sie der Besuch einer Berufsschule, wo sie ihren Abschluss nachträglich erwerben können.

Eine Möglichkeit, die auch den Schülern aus Deutschklassen zusteht, deren Sprachkenntnisse nicht für einen Abschluss ausreichend waren. „Schülerinnen und Schüler ohne Deutschkenntnisse, die sehr spät in das bayerische Schulsystem einsteigen, haben oft nur wenige Monate oder ein oder zwei Jahre, bevor sie die Mittelschule verlassen“, erklärt das Schulräte-Team. Diese begrenzte Zeit ist nicht für alle Jugendlichen ausreichend, um ihren Abschluss zu machen. Gerade deshalb werden weitere Möglichkeiten für einen Abschluss angeboten: „An den Berufsschulen werden diese Jugendlichen in speziellen Klassen auf die berufliche Orientierung und den nachträglichen Erwerb des Mittelschulabschlusses gezielt vorbereitet.“

„Niemand darf hinten bleiben”

Ein Anliegen, das auch für die Agentur für Arbeit in Rosenheim wichtig ist. Die Maxime der Berufsberatung lautet: „Niemand darf hinten bleiben.” Es gebe zwar nicht viele junge Menschen, die ohne einen Schulabschluss diese Institution aufsuchen würden. Doch für diejenigen, auf die das zutrifft, gibt es einen verpflichtenden Prozess, den sie durchlaufen müssen.

„Sie werden automatisch zur Berufsvorbereitung an einer Berufsschule angemeldet. Während des Berufsvorbereitungsjahres werden sie durch die Berufsschule auf eine Ausbildung vorbereitet und sowohl von der Schulsozialarbeit als auch von der Berufsberatung begleitet“, erklären der Vorsitzende der Geschäftsführung von der Agentur für Arbeit, Michael Schankweiler und der Geschäftsführer Operativ, Michael Vontra. Während dieses Jahres besteht für die Jugendlichen die Möglichkeit, ihren Mittelschulabschluss nachzuholen.

Kein Schulabschluss: Schüler müssen motiviert werden

Damit es dazu jedoch gar nicht kommen muss, sollte früh an der Motivation der Schüler gearbeitet werden. „Der Unterricht der Mittelschule orientiert sich als eine zentrale Säule an der Praxis und bietet den Jugendlichen eine ausgeprägte Berufsorientierung“, erklärt das Schulräte-Team. „Berufsorientierte Maßnahmen an der Mittelschule fördern bereits sehr früh die Bereitschaft für das Ablegen eines Abschlusses, um den Einstieg in einen Beruf zu finden, der Freude macht.“

Im Lehrplan der Mittelschule ist bereits ein hoher Praxisanteil verankert, um den Schülern einen Einblick in die verschiedenen Berufe zu geben. So können junge Menschen in Berufe aus Feldern wie Technik, Ernährung, Soziales, Wirtschaft oder Kommunikation in regelmäßigen Praktikas hereinschnuppern. Zudem werden vom Arbeitsamt und dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus gemeinsam finanzierte Berufsorientierungsbegleiter und Jugendsozialarbeiter an den Schulen als Unterstützer gestellt. Neben diesen unterstützenden Maßnahmen sei auch der Einfluss des Elternhauses ein wesentlicher Faktor. 

Auch leistungsschwache Schüler profitieren von verschiedenen Hilfsangeboten. „Es sind teilweise Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Mittelschulen, die nach individuellen Lernzielen unterrichtet werden und deren Ziel im Wesentlichen die soziale Teilhabe, weniger ein Schulabschluss ist“, erklärt das Schulräte-Team. Für einen Abschluss gibt es, soweit personell möglich, individuellen Fördermaßnahmen. Dazu zählen zum einen die Deutschförderstunden oder die Differenzierung im Unterricht, „wenn Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernzieldifferent unterrichtet werden“ müssen. Zusätzliche Unterstützung gibt es zudem durch Förderlehrkräfte und multiprofessionelle Teamarbeiten, wie der schulpsychologischen Beratung, den Lehrkräften oder den Jugendsozialarbeitern an Schulen. 

Schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Wie wichtig es ist, diese ganze Palette von Hilfen auch anzunehmen, unterstreicht die Agentur für Arbeit. „Ohne Schulabschluss ist die Aufnahme einer Ausbildung kaum möglich.“ Daher gehen alle Bemühungen der Beteiligten dahin, jedem Schüler „einen Schulabschluss zu ermöglichen“.

Ob durch ein Berufsvorbereitungsjahr an der Berufsschule oder durch Berufsvorbereitungsmaßnahmen der Agentur für Arbeit, die jungen Menschen sollen sichere Perspektiven erhalten. „Ausschlaggebend ist eine Beratung bei der Berufsberatung, hier können die Weichen gestellt und die Hilfen in die Wege geleitet werden. „Aber unser Angebot basiert auf Freiwilligkeit und nicht immer lassen sich junge Menschen ohne Schulabschluss motivieren einen Weg zu beschreiten, der einen Berufsabschluss ermöglicht“, betonen Schankweiler und Vontra.

„Aus den Arbeitsmarktzahlen vom Februar 2023 geht hervor, dass 87 der 553 jungen Menschen in der Region, die zu diesem Zeitpunkt arbeitslos waren, über keinen Schulabschluss verfügten.“ Diese Zahl ist gemessen am Gesamtproblem nicht übermäßig hoch. Das bedeutet auch: Jugendlichen wird eine sichere Perspektive geboten - aber sie müssen die Hilfe auch annehmen.

Auch interessant

Kommentare