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OVB-Exklusivinterview zu Preisexplosion und Reformbedarf

Sind Krankenhäuser kranke Häuser? Klartext von Klinik-Chef: Mit bestehenden Strukturen nicht zukunftsfähig

e-rezept-nach-diagnose via Video-Schalte: Eine Vision fürs Gesundheitswesen der Zukunft?
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Rezept auf elektronischem Wege: Die Chancen der Digitalisierung nutzen, darin sieht auch der Romed-Klinikverbund seine Chancen.

Steigende Energiekosten und Inflation machen den Krankenhäusern zu schaffen. Ist unser Gesundheitswesen bedroht? Mit Romed-Chef Dr. Jens Deerberg-Wittram sprachen wir im OVB-Exklusivinterview über Preise, die durch die Decke gehen, und über Sanierungsbedarf. Und darüber, was nötig ist, um die Zukunft zu meistern.

Wie sehr setzen Ihnen die Energiekosten zu?

Dr. Jens Deerberg-Wittram: Die haben sich fast verdreifacht. Und so wie auch Privathaushalte merken wir, dass wir wenige Alternativen haben. Wir können nicht kurzfristig Energieträger wechseln, wir merken – das ist das bitterste –, dass wir wenige Möglichkeiten haben, signifikant zu sparen, das haben wir schon ziemlich ausgereizt. Seit etlichen Jahren optimieren wir – wo es geht – den Energieverbrauch und haben auch Ideen, wie die Innkühlung oder Betonkernaktivierung eingeführt. Anders als Privathaushalte können wir nicht die Klimaanlage ausschalten oder im Winter die Heizung zwei Grad runterdrehen. Am Ende kannst du nur hoffen, dass die Kosten ausgeglichen werden.

Romed-Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram

Was die Kostenträger tun könnten, die Krankenkassen also. Was erhalten Sie da für Signale?

Deerberg-Wittram: Das ist eine spannende Diskussion: Ist dieser Ausgleich Auftrag der Kostenträger, oder ist das Aufgabe des Bundes oder des Landes. Im Moment ist die vorherrschende Meinung die, dass diese Steigerungen alle Krankenhäuser in einem solchen Maß betreffen, dass der Bund einspringen sollte, in Form eines Energiekostenzuschusses. Das fordert Bayern ja auch vom Bund. Doch ob oder in welchem Maße das kommt, muss sich zeigen. Man geht eigentlich davon aus, dass die Krankenkassen für die Behandlungskosten aufkommen. Und dazu muss man explodierende Kosten für die Infrastruktur nicht notwendigerweise zählen. Stand der Dinge belasten die Energiekosten das Ergebnis 2022 – optimistisch gerechnet – mit vier bis fünf Millionen Euro.

Patienten versorgen: „Diesen klaren Auftrag haben wir“

Bei Nahrungsmitteln steigen die Preise ebenfalls. Ab wann wird aus all diesen Faktoren eine Bedrohung für das Gesundheitswesen?

Deerberg-Wittram: Ich sehe keine Bedrohung aufgrund von Kostensteigerungen. Egal was da an Steigerungen kommt, bei Nahrungsmitteln, bei medizinischen Sachkosten oder auch bei Energiekosten, wir werden immer unsere Versorgung aufrechterhalten. Diesen klaren Auftrag haben wir. Da gibt es nicht diesen Punkt X des Defizits, an dem wir aufhören. Wenn wir zu wenig Personal haben, kann das unsere Versorgung natürlich einschränken.

Auch die Sanierung des Klinikums wird viel Geld kosten. Lohnt sich da noch renovieren, oder geht’s um einen Neubau?

Deerberg-Wittram: Mit Sanierung im Bestand sind wir in den meisten Bereichen an die Grenze gekommen. Wir müssen eigentlich auf dieser kleinen Spielfläche, die wir hier haben, Zug um Zug Gebäude ersetzen. Und da ist die Herausforderung der laufende Betrieb. Wir würden am liebsten mit dem Funktionsbau beginnen, weil sich dort technische Neuerungen auch am stärksten bemerkbar machen. Ein Funktionsbau, der über 50 Jahre alt ist, stört mich mehr als ein Bettenhaus, das so Jahre alt ist. Und dafür wollten wir kürzlich den bayerischen Gesundheitsminister sensibilisieren.

Minister Holetschek weiß schon, was Romed von ihm will

Wie hat Minister Holetschek darauf reagiert?

Deerberg-Wittram: Der Minister ist ja auch informiert. Es gibt in Bayern 30, 40 Krankenhäuser in der Größenordnung von Rosenheim, die absolut notwendig sind für die Versorgung großer Gebiete. In dieser langen Liste ist Rosenheim, was die Dringlichkeit der Baumaßnahmen betrifft, definitiv ganz weit oben. Das wissen die im Ministerium, deswegen warten die auch, was da von uns kommt. Daran arbeiten wir gerade,

Da wäre dann noch Ihre winzige Notaufnahme, die 30 000 Patienten im Jahr aufnimmt und damit mehr als die im riesigen Klinikum Großhadern. Bräuchte man für eine große, dicht bevölkerte Region wie Rosenheim noch mehr Kliniken mit Notaufnahmen?

Deerberg-Wittram: In unseren drei Kreiskliniken haben wir auch jeweils eine Notaufnahme. Die versorgen ungefähr noch mal die Zahl, die Rosenheim versorgt. Das ist ein phantastischer Bürger-Service, dass man, egal, wo man im Landkreis wohnt, bei relativ kurzen Wegen Zugang zu einer Notaufnahme hat. Das hat aber auch gravierende Nachteile. Es kostet Geld und viel Personal, da wir alle vier Standorte rund um die Uhr im Schichtbetrieb betreiben. Das ist in Zeiten hoher Krankenstände mit Covid nicht einfach. Das Angebot schafft außerdem eine eigene Form von Nachfrage. Wir haben eine Studie gemacht, wie viele Patienten eigentlich bei einem niedergelassenen Arzt richtig wären. Dabei kam raus, dass es ungefähr 22 Prozent sind. Das ist zu viel.

Lösungen zusammen mit den Hausärzten suchen

Wie wollen Sie das steuern?

Deerberg-Wittram: Natürlich sind auch viele der niedergelassenen Ärzte überlastet, da laufen die Wartezimmer über oder es stellt sich die Herausforderung, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Je weniger Pensum die niedergelassenen Ärzte bewältigen, desto stärker ist die Nachfrage an der Notaufnahme. Darüber müssen wir uns im Dialog mit den niedergelassenen Ärzten dringend Gedanken machen, unter der Fragestellung: Was ist eigentlich die realistische Versorgung der Zukunft? Gibt es in zehn, zwanzig Jahren noch so viele Hausärzte und Fachärzte, wo man jederzeit hinlaufen kann? Können die Notaufnahmen in zehn Jahren noch bestehen?

Müssen sie ja wohl, ihre Aufgaben nehmen eher zu.

Deerberg-Wittram: Ich mache mir Gedanken, wie man die Dinge auch anders lösen kann.

Ein Beispiel?

Deerberg-Wittram: Die Klinik München Schwabing, ein kommunales Krankenhaus wie Rosenheim, hat hausärztliche Kassenarztsitze gekauft und ein eigenes hausärztliches Versorgungszentrum aufgebaut. Damit es Menschen, die mit leichten Erkrankungen in die Notaufnahmen kommen, dort versorgen kann. Ob so ein Modell in Rosenheim sein kann, kann nur gemeinsam mit den niedergelassenen Kollegen diskutiert, analysiert und gemeinsam realisiert werden. Und ob wir es leisten können.

Liegt in der Digitalisierung die Rettung für die Krankenhäuser?

Könnte die Digitalisierung helfen?

Deerberg-Wittram: In anderen Städten ist das bereits Trend. Der Mensch, der in London morgens mit Kopfschmerzen, Halsschmerzen und roten Augen aufwacht und sich fragt, ob er damit zur Arbeit gehen soll, kann, bevor er sich in einen überfüllten Warteraum setzt, eine App öffnen, wo qualifizierte Ärzte sich das im Telekonsil anschauen. Und die können aufgrund des allgemeinen Krankheitsgeschehens in dem betreffenden Stadtteil von London sagen, mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das der und der Infekt. Und dann schicken sie auf elektronischem Wege ein Rezept. Das macht man zunehmend auch in Deutschland. Schauen Sie, wir haben viele Patienten in der Notaufnahme, die eigentlich nur zur Nachkontrolle kommen.

Was nun nicht der Sinn der Notaufnahme ist?

Deerberg-Wittram: Richtig, ganz und gar nicht. Wir müssen uns mit Sachen wie diesen Telekonsilen in dieser Region beschäftigen. Ebenso mit künstlicher Intelligenz, die beispielsweise Kamerabilder analysieren, mit einer großen Datenbank abgleichen und für die Diagnose nutzen kann. Damit nimmt man den Patienten auch sehr viel Stress. Im Zuge des Krankenhauszukunftsgesetzes beschäftigen wir uns mit solchen Lösungen, damit wir den Patienten in Zukunft eine in noch höherem Maße verlässliche und präzise, dabei bequemere Versorgung geben, die nicht so wahnsinnig viel Personal benötigt und Infrastruktur blockiert. Mit den bestehenden Strukturen werden wir nicht zukunftsfähig sein.

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