Bahn will neue Gleise bauen

So reagiert man in Samerberg auf den Brenner-Nordzulauf: „Fühlen uns hinters Licht geführt“

Aus den Augen, aus dem Sinn? Die Gemeinde Samerberg soll, wie man in dieser Visualisierung der Deutschen Bahn erkennt, für den Brenner-Nordzulauf untertunnelt werden. Die Gemüter beruhigt das aber nicht.
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Aus den Augen, aus dem Sinn? Die Gemeinde Samerberg soll, wie man in dieser Visualisierung der Deutschen Bahn erkennt, für den Brenner-Nordzulauf untertunnelt werden. Die Gemüter beruhigt das aber nicht.

Es war Dienstag, der 13. April: Da stellte die Bahn ihre Vorzugstrasse für den Brenner-Nordzulauf vor. In den betroffenen Gemeinden wird seitdem darüber diskutiert. Zum Beispiel in Samerberg. Und wohl nicht nur dort fragt man sich: Geht da noch was?

Samerberg – Ein erster Hinweis, dass die Bahn ihre Vorschlagstrasse für den Brenner-Nordzulauf in nächster Zukunft bekannt geben würde, war im Terminkalender der Gemeinde Samerberg aufgetaucht. Dort wie auch in anderen Gemeinden der Region Rosenheim gibt der Bürgermeister den Gemeinderäten regelmäßig Wasserstandsmeldungen zu den laufenden Verfahren in dem „Jahrhundertprojekt“ der Bahn. Routine also.

In der Tagesordnung der jüngsten Gemeinderatssitzung war dem Bericht über die Vorzugstrasse der Bahn jedoch ein eigener Tagesordnungspunkt eingeräumt worden. Eine Auffälligkeit, die darauf schließen ließ, dass es demnächst ernst werden könnte. Auch oder gerade für die Gemeinde Samerberg.

Eine Sitzung, die Samerbergs Gemeinderat aufwühlte

Es kam genau so. Die violette Trasse wurde genannt, Samerberg liegt direkt drüber. Und was sagt der Gemeinderat zur Bahn-Entscheidung? Am Tag nach der besagten Sitzung, am gestrigen Mittwoch also, sitzt der zweite Bürgermeister Christoph Heibler (CSU) am Fenster und blickt hinüber nach Steinkirchen, wo sich die Gemeinde noch ein bisserl malerischer darstellt als an anderen Flecken.

„So schön“, sagt Heibler und lacht leise, für einen Augenblick wirkt er abgelenkt. Andererseits geht es ja genau darum: um die Schönheit und darum, dass Heibler sie bedroht sieht, von Gleisen und Tunnels unter dem Samerberg. Was wird übrig bleiben von diesem Gesamtkunstwerk, das früher die Maler und jetzt die Wanderer lockte und Erholungssuchende aus weitem Umkreis anzieht?

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Was wird sein, wenn die Bahn Anfang der 2030er-Jahre die Bagger und Bohrmaschinen anrücken lässt, um Millionen von Kubikmetern Erdreich und Stein aus Flur und Bergen zu fräsen? Ja, wie ist das eigentlich mit dem Tourismus? Wer soll denn dann noch kommen, „außer den Schaulustigen?“ Das fragt sich Christoph Heibler.

Er berichtet von der Sitzung des Gemeinderats am Abend zuvor. Bürgermeister Georg Huber war verhindert, Heibler als sein Stellvertreter fasst die Regungen im Gremium so zusammen: „Es herrscht tiefe Betroffenheit über die Auswahl der violetten Trasse.“

Verärgert über die Informationspolitik der Bahn

Und die Kollegen hätten sich verärgert gezeigt, irritiert über die Informationspolitik der Bahn. „Die Bahn hat da Nachholbedarf“, sagt Heibler, bevor er Fahrt aufnimmt wie ein D-Zug nach dem Verlassen des Bahnhofsbereichs. „Das ist beschämend, wie die mit den Leuten umgehen, die Bahn hat Unmut erzeugt und Vertrauen untergraben.“

Der Animationsfilm der Deutschen Bahn mit der virtuellen Fahrt über die Trasse ist ihm ein Dorn im Auge, der besonders, mit dieser computergenerierten Familie, Frau, Mann, Tochter, Sohn, die gestikulierend von einer Brücke auf die schöne neue Verkehrswelt blicken. Die bunten Bilder machen ihn beinahe sprachlos: „Da fühlen wir uns verarscht und hinters Licht geführt.“ Dass sich Simon Hager (Bürger für Samerberg) mit der Frage gemeldet habe, ob bei der Bodenuntersuchung auch eigene Geologen dabei seien, spreche doch Bände: „Bei den Menschen hier spürt man nur noch Misstrauen.“

Der Fluch des soliden Untergrunds

Es gibt zwei Gründe vor allem, warum diese Linie ausgewählt wurde und nicht etwa die olive Trasse. Erstens besteht der Boden westlich des Inns zu weiten Teilen auf schwierig zu bebauendem Seeton.

Zweitens gibt es mit dem Schwenk rüber aufs östliche Inn-Ufer die Möglichkeit, möglichst viele Kilometer neu gebaute Schiene unter die Erde beziehungsweise in den Fels zu verlegen. So kann man viele Menschen besänftigen. Es funktioniert derzeit vor allem bei denen, die nicht an der Trasse wohnen.

Die Quelle Weickersing, wird sie noch sprudeln?

800 Meter hoch liegt Steinkirchen, schätzt Heibler. Gut 300 Meter darunter dürfte nach seiner Rechnung der Tunnel den Höhenzug durchbohren. Viel Fels und Erdreich.

Nicht genug für Heibler und die Gemeinderäte im Rathaus am Dorfplatz von Törwang. „Was wird aus der Geologie von Samerberg“, fragt Heibler, „was aus unserem Wasser?“ Das Einzugsgebiet der Quelle Weickersing sei sehr nah dran an der Trasse.

Folgenloser Protest? Samerberg will’s dem Goliath wenigstens zeigen

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte bei der Präsentation der Trasse in der vergangenen Woche allerdings geäußert: Es sei nicht die Frage ob, sondern nur wie gebaut werde.

Heibler schwant, dass es schwer werden könnte mit der Verhinderung. Aber unversucht lassen will man auch nichts. Die Gemeinde Samerberg könne allein nichts ausrichten gegen diesen Goliath, sagt er.

Aber was, wenn viele Davids sich zusammentun? „Wir sind im Schulterschluss mit Stephanskirchen, Rohrdorf, Nußdorf und auch Riedering“, sagt der zweite Bürgermeister. Im Gemeinderat herrsche einhellig die Meinung, dass man sich mit den Nachbarn und Schicksalsgenossen enger abstimmen solle.

Viele Menschen sehen den Bedarf für neue Gleise nicht

Denn wie gesagt, es gibt noch was zu klären. Dass man die Trasse brauche, sei umstritten. „Die Notwendigkeit sehen wir nicht nachgewiesen“, betont der zweite Bürgermeister. Wenn man den Bedarf schon nachweisen könne, dann gehöre es zu einer vernünftigen Politik, „dass man das den Leuten erklärt“.

2024 sind die Vorplanungen abgeschlossen. Dann weiß die Bahn nach den Worten von Projektleiter Mathias Neumaier, wo genau die Trasse wie gebaut wird. Wenn die Planer dann noch die Kosten ausgerechnet habe, ob sie eher bei 6 oder bei 7 Milliarden Euro liegen, soll der Bundestag entscheiden. 2025 wäre das. Christoph Heibler löst die Gedanken von Steinkirchen. „Dann ist bald wieder Wahl“, sagt er. „Schau mer mal.“

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