Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Fälle im Erzbistum München und Freising vertuscht?

Missbrauch in der katholischen Kirche: Gutachten belastet Papst Benedikt schwer

Emeritierter Papst Benedikt XVI.
+
Das vom Erzbistum München in Auftrag gegebene Gutachten über sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche wurde am Donnerstag vorgestellt.

München - Es wird ernst im Erzbistum München: Am Donnerstag (20. Januar) ist ein lange unter Verschluss gehaltenes Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch vorgestellt worden. Im Mittelpunkt der Debatte: ein Papst.

Update, 12.09 Uhr - Gutachten belastet Papst Benedikt schwer

Das vom Erzbistum München in Auftrag gegebene Gutachten über sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche wurde am Donnerstag vorgestellt. Darin wird neben mehreren Priestern, Diakonen und Kardinälen auch der emeritierte Papst Benedikt XVI schwer belastet.

Ihm wird vorgeworfen, als damaliger Münchner Erzbischof in vier Fällen nichts gegen des Missbrauchs beschuldigte Kleriker unternommen zu haben. Das sagte der Jurist Martin Pusch am Donnerstag bei der Vorstellung des Gutachtens in München. In allen Fällen habe Benedikt - damals Kardinal Joseph Ratzinger - ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen.

Erstmeldung, 6.11 Uhr - Wie viel wusste Papst Benedikt XVI.?

Seit nun mehr als zwei Jahren stellen sich Kritiker und Betroffene die Frage, was in dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Westphal-Bericht steht. Über diesen Zeitraum hinweg liegt der Bericht über sexuellen Missbrauch in München und Freising nun schon gut verschlossen bei der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). IM Jahr 2010 hatte München als deutschlandweit erste Diözese den externen Bericht über sexuellen Missbrauch und körperliche Gewalt erstellen lassen. Er wurde aber nie veröffentlicht. Über die Gründe wurde jahrelang spekuliert.

Papst Benedikt XVI: Ratzinger war Erzbischof in München

Am Donnerstag (20. Januar) soll nun Licht ins Dunkel gebracht werden. Die Kanzlei WSW wird dann ein neues Gutachten vorstellen, das auf den Ergebnissen des ersten fußen und dessen Prüfung bis in die obersten Spitzen der Kirche reichen soll. Im Bistum München ist dieser Umstand besonders brisant, da einer der Vorgänger des amtierenden Erzbischofs, Kardinal Reinhard Marx von 1977 bis 1982 niemand anderer war als Kardinal Joseph Ratzinger, der heute emeritierte Papst Benedikt, selbst.

Seit nun schon geraumer Zeit werfen Kritiker diesem Fehlverhalten vor. Konkret geht es um den Umgang mit dem Priester H. aus Nordrhein-Westfalen. Der Mann soll mehrmals Jungen missbraucht haben. Er wurde während der Amtszeit Ratzingers aus NRW nach Bayern versetzt. Dort wurde er rückfällig.

Missbrauch in der katholischen Kirche: Täter damals verurteilt

In dem erwarteten Gutachten, so wird ausgegangen, wird der Fall des Priesters H. eine wichtige Rolle einnehmen. Das Amtsgericht Ebersberg verurteilte den in Grafing bei München tätigen damaligen Kaplan H. im Juni 1986 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 4000 Mark. Die Bewährungszeit wurde auf fünf Jahre festgesetzt.

H. wurde angewiesen, sich in eine Psychotherapie zu begeben - und die Kirche machte ihn nur knapp 60 Kilometer entfernt in Garching an der Alz zum Pfarrer. Bislang haben sich vier mutmaßliche Betroffene gemeldet, die angeben, in Garching von Priester H. missbraucht worden zu sein.

Ehemaliger Erzbischof formuliert Entschuldigung

Als der Fall 2010 bekannt wurde, formulierte Marx‘ Vorgänger im Amt des Münchner Erzbischofs, Kardinal Friedrich Wetter, eine Entschuldigung: „Ich habe die Fähigkeit eines Menschen zu persönlicher Umkehr überschätzt, und ich habe die Schwierigkeiten einer therapeutischen Behandlung von pädophil Veranlagten unterschätzt. Mir ist jetzt schmerzlich bewusst, dass ich damals eine andere Entscheidung hätte treffen müssen.“

Bekannt ist, dass es ein kircheninternes Dekret zum Fall H. aus dem Jahr 2016 gibt, aus dem in den vergangenen Jahren mehrere Medien zitierten. Zuletzt berichtete die „Zeit“, dass darin auch Ratzinger explizit genannt werde: Obwohl er von der Vorgeschichte des mutmaßlichen Missbrauchspriesters Kenntnis gehabt habe, habe er ihn in seinem Bistum aufgenommen und eingesetzt.

Papst Benedikt XVI. soll sich „nicht vor der damaligen Verantwortung drücken“

„Statt kirchenrechtlich widersprüchlicher und damit wenig glaubwürdiger Dementi sollte Joseph Ratzinger beziehungsweise sein Sekretär Erzbischof Georg Gänswein sich nicht vor der damaligen Verantwortung drücken“, fordert Christian Weisner, Sprecher der Reformbewegung „Wir sind Kirche“. Er sieht „katastrophale Langzeitfolgen für das Ansehen der Kirche“ und „ein trauriges Muster der üblichen Vertuschungen“.

Passend dazu sagt am Dienstag, zwei Tage vor der Vorstellung des Gutachtens, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße als Zeuge in einem Missbrauchsprozess am Landgericht Köln aus.

Heße war 2010 als Personalchef des Erzbistums Köln mit dem Fall eines Priesters befasst, der jetzt wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht steht. Bei der Befragung Heßes könnte es auch darum gehen, ob die Kirchenführung weitere Missbrauchstaten des Mannes hätte verhindern können.

Privatsekretär von Benedikt XVI. weist Vorwürfe zurück

Ratzingers Privatsekretär Georg Gänswein hatte die Vorwürfe gegen seinen Chef jüngst der «Zeit» gegenüber entschieden zurückgewiesen: „Die Behauptung, er (Benedikt) hätte Kenntnis von der Vorgeschichte zum Zeitpunkt der Entscheidung über die Aufnahme des Priesters H. gehabt, ist falsch“, sagte er. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. „begrüßt die Aufarbeitung in München sowie die Veröffentlichung des Gutachtens“, sagte Gänswein der „Bild“. Der frühere Erzbischof des Bistums München und Freising habe mit einer umfangreichen Stellungnahme zur Aufarbeitung beigetragen.

Kirchenkritiker Weisner hofft, „dass das zweite Münchner Missbrauchsgutachten auch ethische Kriterien miteinbezieht und konkrete Vorschläge macht, um weitere Missbräuche und Vertuschungen bestmöglich auszuschließen“. Er betonte: „Verantwortung kann nicht verjähren.“

fgr/dpa

Kommentare