Das richtige Verhalten auf dem Berg

Bergwandern: Tipps von den Profis

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Landkreis - Kaum spitzt die Sonne hinter den Wolken hervor, treibt es Wanderer auf die Gipfel. Dabei kann bereits die richtige Vorbereitung über Leben und Tod entscheiden.

Insgesamt rund 1.100 Einsätze verzeichnete die Bergwacht 2013 allein im Chiemgau. Eine Zahl, die sich in den vergangenen sechs Jahren fast verdoppelt hat. Bayernweit waren es 8.360 Einsätze. Viele Unfälle und Notfälle sind dabei vermeidbar. Dieser Meinung sind Marcus Goebel, Bergretter und Sprecher der Bergwacht Chiemgau und Florian Hellberg, Mitarbeiter bei der Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenverein e.V.

"Notfälle bei Menschen werden von uns grundsätzlich in drei Kategorien eingeteilt", erklärt Marcus Goebel von der Bergwacht im Chiemgau. Besonders mittelschwere Verletzungen bilden hier mit knapp 50 Prozent den größten Anteil an den Einsätzen. Schwere und leichte Verletzungen halten sich mit um die 150 Einsätze im vergangenen Jahr eher die Waage, so der Bergretter. Daneben verzeichnet die Bergwacht auch noch sogenannte Sondereinsätze wie Sach- und Tierbergungen. "Jeder Einsatz wird dabei von uns mit derselben Intensität gefahren", erklärt Goebel. Man könne ja schließlich nie ganz genau wissen, welches Verletzungsmuster beim Patienten am Berg gegeben sei.

Wandern - Bitte nur zu zweit

"Wir beobachten dabei einen gefährlichen Trend", fährt Marcus Goebel im Gespräch mit rosenheim24.de fort. "Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Wanderer und Kletterer alleine unterwegs sind," zeigt sich der Bergretter besorgt. Besonders in der Sparte "Leistungssport am Berg" sei diese Beobachtung vermehrt zu machen. Vielen Sportlern, die zum Beispiel für Bergläufe trainieren, fehle ein passender Partner, der konditionell mit ihm oder ihr auf einer Ebene sei. "Solche Menschen gehen selbstverständlich dann auch noch bis zum Anschlag", erklärt Goebel. Am Ende stehe dann die sogenannte "klassische Bergnot". Die Wanderer oder Läufer hätten zwar keine Verletzungen, die Kondition oder die Orientierung würden aber nicht mehr ausreichen, um auf sicherem Weg den Berg zu verlassen, so der Retter aus dem Chiemgau.

"Das Mobiltelefon ist dabei keine Lebensversicherung", ergänzt Marcus Goebel mit Nachdruck. Derselben Meinung ist auch Florian Hellberg von der Sicherheitsforschung des DAV in München. "Die richtige Vorbereitung für die Bergtour fängt jedoch schon viel früher als bei der Auswahl der Ausrüstung an", erklärt der Fachmann. An erster Stelle stehe auf jeden Fall die richtige Tourenplanung. Der Wanderer müsse zuerst ein Gefühl dafür bekommen, in welchem Gelände seine Route liegt und wie lange er dafür auch braucht. "Viele Wanderer, besonders Anfänger, können sich selbst nicht richtig einschätzen", so Hellberg weiter. In den Alpen könne die Überschätzung der eigenen, konditionellen und alpinistischen Fähigkeiten zu schwerwiegenden Folgen führen. Zur Vorbereitung empfiehlt der Sicherheitsforscher die einschlägige Literatur wie Wanderkarten oder sogar topographische Karten, die Maßstäbe und Höhenunterschiede detailgetreu wiedergeben würden.

Wetterentwicklung am Berg teilweise "rasend schnell"

"Ein zweiter wichtiger Faktor bei der Vorbereitung ist die Analyse des Wetters", erklärt Hellberg. Hier rät der Experte des DAV zu einer eher defensiveren Strategie. Ein Wetterumschwung, zum Beispiel die Abkühlung der Umgebung während einer Kaltfront, könne in den Bergen weitaus drastischere Folgen haben als in der Stadt. "Kaltfronten entwickeln sich glücklicherweise meistens erst im Laufe des Tages, hier schützt ein Aufbruch zur Tour in den Morgenstunden," rät Hellberg. Weitaus größere Gefahr für den Kletterer oder Wanderer gehe laut Florian Hellberg jedoch von Gewittern in den Alpen aus.

Wenn man einem Gewitter in den Alpen trotz guter Vorbereitung nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann, rät der Experte in erster Linie dazu, Ruhe zu bewahren. Die Verletzungsgefahr bei einem überhasteten Abstieg auf einer feuchten Stelle auszurutschen, sei mindestens genauso hoch, wie an einer exponierten Stelle vom Blitz getroffen zu werden, so Hellberg. In erster Linie sollen Wanderer auf jeden Fall Gipfel und Grate zügig aber kontrolliert verlassen. Dabei gelte es zu beachten, sich selbst nicht einer zusätzlichen Steinschlaggefahr auszusetzen oder an elektrischen Leitern (Wasserströmen, Drahtseilen, einzelnen Bäumen oder Seilbahnen) zu verweilen. Auch metallene Gegenstände, wie zum Beispiel das Mobiltelefon, sollten am besten in der Mitte des Rucksacks verstaut werden.

Befindet man sich dann direkt im Gewitter, gelte es die Sache im wahrsten Sinn des Wortes "auszusitzen". Hellberg rät dazu, sämtliche Bewegungen einzustellen, sich auf eine isolierende Unterlage wie den Rucksack zu setzen und den Boden dabei mit der kleinstmöglichen Fläche zu berühren. Halsketten oder Ähnliches sollten vorher abgenommen werden. Alle Anwesenden sollten sich dabei möglichst viel Raum zwischen einander lassen, um Seitenblitze oder Bodenströme zu vermeiden.

Bergtour - die richtige Ausrüstung

Aufgrund der teilweise sich schnell veränderten Wetterlage in den Alpen rät Florian Hellberg auf jeden Fall zu angepasster Kleidung. "Schuhe, die über den Knöchel des Wanderers reichen, sind da schon ein Must-have," so der Experte. Doch auch das passende Beinkleid kann im Ernstfall wichtig werden. "Temperaturen, die zum Beginn der Tour noch eine kurze Hose erlaubten, können sich so schnell ändern, dass es ohne lange Hose auch schon mal zu Unterkühlungen kommen kann", so Hellberg. Weiter sollten in jedem gut gepackten Rucksack Handschuhe und eine Mütze, ein Erste-Hilfe Set, das Mobiltelefon und ein passender Wetterschutz auf keinen Fall fehlen. Doch auch die beste Ausrüstung hilft nichts, wenn die Wanderer oder Bergsteiger alleine auf dem Berg unterwegs sind, so Hellberg. Die Erstversorgung des verunglückten Begleiters und auch die Möglichkeit zu Fuß Hilfe zu holen, wenn das Handy keinen Empfang an der Unfallstelle hat, sollten eigentlich alle Zweifel an einer gemeinschaftlichen Bergtour zerstreuen, erklärt Florian Hellberg.

Für Einsteiger aber auch Erfahrene am Berg bietet der DAV unterschiedliche Kurse an. "Die Statistik zeigt, dass mehr Erfahrung auf jeden Fall zu weniger Unfällen führt", erklärt der Sicherheitsforscher. Egal ob Jugendliche, Erwachsene oder Senioren, Florian Hellberg rät ausdrücklich zu diesem "Erfahrungssprung unter Anleitung", der schließlich auch den Rettern wie Marcus Goebel von der Bergwacht den täglichen Dienst ein wenig erleichtern würde.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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