Aufruhr bei den Angehörigen in den Zuschauerbänken 

"Kein unbeschriebenes Blatt" - Illegaler Rennfahrer aus Kolbermoor verurteilt 

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Verteidiger Harald Baron von Koskull neben dem Angeklagten (li.)
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Rosenheim - Der fürchterliche Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim, bei dem zwei junge Frauen vom Samerberg starben, ist nun über ein Jahr her. Ein Kolbermoorer wurde verurteilt, musste sich aber am Montag wieder vor Gericht verantworten, da er an einem erneuten Rennen beteiligt gewesen sein soll. Nun fiel das Urteil: 

Update, 12.08 Uhr: Urteil und Plädoyers - Tumult in den Zuschauerbänken

Die Vorsitzende Richterin Julia Haager verkündete das Urteil: Der Angeklagte werde zu einer Strafe von 150 Tagessätzen à 45 Euro verurteilt. Der Führerschein bleibe entzogen. Eine Sperre für das Wiedererlangen werde für zwei Jahre und sechs Monate verhängt. 

In den Augen der Richterin sei der 24-Jährige „verkehrsrechtlich gesehen kein unbeschriebenes Blatt“. Der Angeklagte benötige „noch sehr viel Zeit zum Nachdenken, wie man sich als Verkehrsteilnehmer richtig verhält.“ 

Für Haager seien die Indizien, dass es sich um ein illegales Rennen gehandelt habe, eindeutig gewesen. Diese Meinung stufe sie auch auf die gewissenhaften und detailreichen Aussagen der beiden Polizeibeamten. Außerdem stellt sie in Frage, warum der zweite Beteiligte bei der Kontrolle die Flucht ergriffen habe, wenn es sich um kein illegales Rennen gehandelt haben soll. Die beiden BMW-Fahrer hätten die jeweiligen Geschwindigkeiten und das Beschleunigungspotential der Fahrzeuge testen wollen, der zweite BMW habe sich an der roten Ampel am Brückenberg „wie in einer Art Startlinie daneben platzieren wollen“. Das Rennen sei mitnichten – wie es der Verteidiger in seinem vorausgegangenen Plädoyer betonte – am Scheitelpunkt Brückenberg zu Ende gewesen. „Das Ganze hatte Wettbewerbscharakter.“

Damit blieb die Vorsitzende Richterin unter dem von Staatsanwalt Salomon geforderten Strafmaß von 180 Tagessätzen à 100 Euro Euro und einer Führerscheinsperre über drei Jahre und neun Monate. Für Salomon sei der Sachverhalt des illegalen Autorennens bestätigt, man könne sich auf die Polizeiaussagen stützen, die zudem nichts mit dem Beamten zu tun hätten, der damals am tödlichen Unfall in der Miesbacherstraße beteiligt gewesen sei. „Der Angeklagte zeigt eine absolute Belehrungssresistenz, ich bin fest davon überzeugt, dass der von ihm geleugnete Satz gefallen ist. Es ist absolut unsinnig zu sagen, er kauft sich einen nicht minder auffälligen Lambo weil er mit dem BMW immer kontrolliert werde. In seiner selbstkonstruierten Opferrolle fühlt er sich hier besonders wohl.

Verteidiger Baron von Koskull forderte indes Freispruch für seinen Mandanten. Rechtsmittel gegen das Urteil wolle er aber nicht einlegen.

Angehörige gehen nach Urteilsspruch aufeinander los:

Kurz nachdem das Urteil fiel, brach Tumult in den Besucherreihen aus: Die Mutter eines Mädchens, das bei dem Unfall in der Miesbacher Straße tödlich verunglückte, ging verbal auf die Mutter des Angeklagten los, die sich zuvor bei Staatsanwalt Salomon lautstark über dessen Ausführungen im Rahmen des Plädoyers beschwerte. 

Offenbar hatten beide unterschiedliche Ansichten ob des Urteils – für die Angehörigen des Mädchens wohl zu niedrig, für die Familie des 24-Jährigen wohl zu hoch. Sätze wie "Muss denn erst wieder etwas passieren? Kann man mit solchen Rennen nicht einfach aufhören?" standen im Raum. Die Vorsitzende Richterin musste die Zuschauer mithilfe des Wachmanns des Saales verweisen.

Update, 11.40 Uhr - Polizeibeamte äußern sich

Die Zeugenaussagen von zwei Polizeibeamten decken sich inhaltlich, was den Tatabend am 4. April 2018 angeht. Der erste Beamte erklärt, er habe zwei BMW erkannt, die „mit quietschenden Reifen stark beschleunigt auf den Brückenberg“ zugefahren seien. „Für mich war das klar ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer es als Erster gerade noch durch die einseitig befahrbare Baustelle schaffen würde.“ 

Der zweite Beamte sagt aus, er habe „trotz geschlossener Fenster“ die Reifen quietschen hören. „Wir sind hinterher weil beide stark beschleunigt haben, der blaue BMW hat noch mehr beschleunigt. Es bestand für uns der Verdacht auf ein Kraftfahrzeugrennen. Ich bin mit 80 bis 90 km/h hinterher gefahren ohne wirklich näher zu kommen.“ 

Als die Beamten den Angeklagten angehalten hätten und ausgestiegen seien, sei das zweite Auto „mit aufheulendem Motor“ Richtung Hallenbad davongefahren. Bei dem BMW, mit dem der Angeklagte gefahren sei, habe man in einer anschließenden Überprüfung „erhebliche Mängel am Auto“ festgestellt. Laut dem Beamten habe der Gutachter sich nicht getraut dieses Auto Test zu fahren.

Beide Beamten konnten sich an die Worte des Angeklagten am Telefon erinnern und gaben unabhängig voneinander das Zitat wieder: „Jetzt haben sie mir schon wieder den Führerschein genommen, aber das ist mir egal, ich gebe ihn jetzt freiwillig drei bis vier Jahre ab und dann hole ich mir einen Lambo und dann penetriere ich sie richtig.“

Update, 11 Uhr - Angeklagter bestreitet Vorwürfe

Entgegen der Anklageschrift, die Staatsanwalt Jan Salomon verlas, habe es sich um kein illegales Autorennen mit quietschenden Reifen quer durch die Rosenheimer Innenstadt gehandelt. Der Angeklagte habe am 4. April 2018 gegen 0.20 Uhr nach Hause in Richtung Kolbermoor fahren wollen. Dabei sei ihm eine Streife aufgefallen, die Kontrollen durchgeführt hätte

Weil er laut eigener Aussage „in letzter Zeit sehr schlechte Erfahrungen mit Polizeikontrollen und teils beleidigenden Beamten“ gemacht habe, habe er einer Kontrolle an diesem Abend entgehen wollen. Des Weiteren habe der 24-Jährige über eine Handynachricht den Hinweis erhalten, dass der gleiche Beamte, der auch beim Unfall an der Miesbacher Straße beteiligt gewesen sei, nun wieder an Kontrollen an jenem Abend dabei sei. 

Um der Begegnung mit genau diesem Beamten zu entgehen, habe er sich spontan dazu entschieden, statt nach Kolbermoor in die Innenstadt zu fahren, in Richtung Brückenberg. Hinter ihm sei ein zweites Auto, ein silberner BMW, gefahren. Weder zu Fahrer noch Halter des zweiten Wagens wolle sich der Angeklagte äußern, obgleich er wisse, um wen es sich handele. Verteidiger Baron von Koskull habe ihm geraten, dazu keine Aussage zu treffen. 

Er selbst sei mit einem in Tiefe, Breite und Lautstärke technisch verändertem BMW eines Freundes in dunkelblau gefahren. Der Angeklagte sei mit etwa 40 bis 50 km/h an der einseitig gesperrten Baustelle, an der 30 km/h erlaubt waren zu dem Zeitpunkt, vorbeigefahren. Er habe sich mit dem anderen Fahrer kein Rennen geliefert und versicherte: „Bei meinem Auto quietschten die Reifen 100 Pro nicht, bei dem anderen BMW kann ich es nicht genau sagen.“

„Ich sah die Streife plötzlich im Rückspiegel und als das ‚Stopp-Signal‘ aufleuchtete, hielt ich auf der Höhe Flötzinger-Areal/Hallenbad an.“ Der zweite BMW sei jedoch weitergefahren und so einer Kontrolle entgangen. Der Angeklagte sei dann kontrolliert worden und die Beamten hätten ihm den Führerschein entzogen, nachdem man seine Personalien aufgenommen hätte. 

Außerdem sei er der Teilnahme eines illegalen Autorennens beschuldigt worden. Daraufhin habe er seine Mutter angerufen und am Telefon gesagt, „dass sie mir schon wieder den Führerschein weggenommen haben, ich ihn jetzt freiwillig für drei bis vier Jahre abgeben werde und mir danach einen Lambo kaufen. 

Den Zusatz mit der Aussage „und dann penetriere ich sie alle so richtig“, habe er allerdings nie in den Mund genommen. „Ich meide eigentlich den Raum Rosenheim und fahre ungern mit BMW‘s, weil ich darin jedes Mal kontrolliert werde. Allgemein erwischt es bei Kontrollen immer mich, selbst wenn ich nur Beifahrer in einem unscheinbaren nicht getunten Auto bin – ich glaube, 20 Mal reichen nicht aus für die letzten zwei Jahre“, sagt der 24-Jährige. Und bei den Kontrollen allein bleibe es ja nicht, „ich werde immer wieder beleidigt und höre Sätze wie ‚Ja, was wollen Sie denn schon wieder auf der Straße…?‘“. 

Als nächstes werden polizeiliche Zeugen zu dem Vorfall am 4. April 2018 gehört.

Update, 10.25 Uhr - "Das habe ich nie gesagt"

Den Satz am Telefon, dass er alle pentrieren wolle, habe er während der Kontrolle nie gesagt – das betonte der Verteidiger Harald Baron von Koskull gleich zu Beginn der Verhandlung am Rosenheimer Amtsgericht. In den Augen des Verteidigers sei der gesamte Prozess gegen seinen 24-jährigen Mandaten nur deshalb zustande gekommen, weil dieser bereits beim ersten Prozess, dem tödlichen Unfall in der Miesbacher Straße, ins Visier der Justiz geraten sei.

Merkwürdig sei indes, dass die Ermittlungen gegen den zweiten mutmaßlichen Rennfahrer von dem Abend des 4. Aprils 2018 nicht fortgeführt würden. „Hier soll erneut nur mein Mandant belangt werden“, betont von Koskull.

Auch der 24-jährige Angeklagte versicherte vor Gericht: „Den Zusatz, ich penetriere alle - das habe ich nie gesagt. Ich habe lediglich gesagt, dass ich mir einen Lambo kaufen möchte, aber mehr nicht.“

Im weiteren Verlauf des Prozesses wolle sich der Angeklagte umfassend zu dem Abend des 4. Aprils 2018 und den Tatvorwürfen äußern.

Erstmeldung

Das Amtsgericht Rosenheim hatte einen 24-Jährigen Kolbermoorer im Mai wegen fahrlässiger Tötung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt. Sein Anwalt und auch die Staatsanwaltschaft legten Berufung ein. Der Berufungsprozess wird voraussichtlich im Februar oder März 2019 am Traunsteiner Landgericht verhandelt werden.

Der 24-Jährige hatte nach Auffassung des Amtsgerichtes einen überholenden Wagen nicht einscheren lassen, obwohl Gegenverkehr in Sicht gewesen war. Das überholende Fahrzeug, das ein 25-Jähriger aus Ulm steuerte, krachte daraufhin frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen, in dem drei junge Frauen saßen. Die 21-Jährige Fahrerin sowie eine 15-Jährige vom Samerberg starben, die damals 19-Jährige Schwester überlebte schwer verletzt. Der Ulmer kam im ersten Prozess mit einer Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung davon.

Kolbermoorer wieder vor Gericht

Nun muss sich der verurteilte Kolbermoorer am Montag erneut vor dem Rosenheimer Amtsgericht verantworten. Er soll sich mit Freunden nach dem Unfall wieder ein Straßenrennen geliefert haben

Für seinen Verteidiger Harald Baron von Koskull „ein Irrsinn“ und ein Vorwurf, der völlig aus der Luft gegriffen ist, wie das OVB berichtet. Er wirft der Polizei vor, seinen Mandanten seit dem Tod der beiden Mädchen „auf dem Kieker“ zu haben. Was er mit drastischen Worten unterstreicht: „Polizisten sind Jäger. Die müssen halt das Wild erlegen“, sagt der Anwalt, der in Hinblick auf den Berufungsprozess mit einem Freispruch für seinen Mandanten rechnet gegenüber der Zeitung.

Während der Verhandlung im Prozess um den Unfall auf der Miesbacher Straße war das neue Ermittlungsverfahren gegen den Kolbermoorer auch schon Thema. Er soll am 4. April 2018 in Rosenheim ein illegales Rennen gefahren sein, sagte ein Polizeibeamter aus. Der Polizeihauptmeister habe gegen Mitternacht beobachten können, dass zwei BMW mit quietschenden Reifen ein Rennen über den Brückenberg stadteinwärts gefahren sind. „Mir war sofort klar, dass das ein Rennen ist. Ich habe sie dann mit dem Dienstfahrzeug verfolgt.“

In der Innenstadt habe man den Kolbermoorer dann schließlich stoppen und mit auf die Wache nehmen können. Er habe nach seiner Belehrung sofort gesagt, dass er dazu nichts sagen und nichts unterschreiben werde. Er habe mehrfach betont dass alles lächerlich sei, was die Polizei hier mache. Wie der Beamte damals weiter aussagte, soll der Kolbermoorer am Telefon gesagt haben: „Jetzt haben sie mir schon wieder den Führerschein genommen, aber das ist mir egal, ich gebe ihn jetzt freiwillig 3-4 Jahre ab und dann hole ich mir einen Lambo und dann penetriere ich sie richtig.“ 

Polizei geht gegen Auto-Poser-Szene vor

In Rosenheim gibt es eine Szene, die mehrfach mit Raserei und getunten Autos auffiel. Mit einer eigenen Ermittlungsgruppe erhöhte die Polizeiinspektion Rosenheim den Druck auf die sogenannte Auto-Poser-Szene. Auf bekannten "Raserstrecken" rückten die Beamten von November 2017 bis November 2018 zu 313 Lasermessungen aus. Dies habe zu 576 Beanstandungen und 39 Fahrverboten geführt, teilte die Polizei mit. Einen traurigen Rekord stellte ein 20-jähriger Österreicher auf, der mit Tempo 130 im Stadtgebiet unterwegs war.

Das Amtsgericht Rosenheim wird sich auch nochmal mit dem Unfall auf der Miesbacher Straße beschäftigen müssen. Laut Informationen der Deutschen Presse Agentur (dpa) muss sich dann ein dritter Autofahrer verantworten, der ebenfalls den überholenden Wagen am Einscheren gehindert haben soll. Er kannte den vorausfahrenden 24-Jährigen, der dann vor dem Landgericht erscheinen muss. Offen blieb in dem ersten Prozess bis zuletzt, ob sich die Fahrzeuge auf der Miesbacher Straße ein Rennen geliefert haben.

Quelle: rosenheim24.de

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