Prozess wegen tödlichem Unfall in Rosenheim

Angeklagter bekam erst kurz vor dem Unfall den Führerschein wieder

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Die beiden Angeklagten, links: Rechtsanwalt Baron von Koskull, rechts: Rechtsanwalt Stephan Rochlitz
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Rosenheim - War es ein illegales Autorennen? Noch immer herrscht Unklarheit über den Unfallhergang des tödlichen Unfalls auf der Miesbacher Straße im November 2016. Seit Donnerstagvormittag läuft der Prozess gegen zwei junge Männer am Amtsgericht weiter.

UPDATE, 18.27 Uhr: persönliche Verhältnisse der Angeklagten

Zu Ende des Prozeses ging es um die persönlichen Verhältnisse der Angeklagten. Der BMW-Fahrer äußerte sich nicht, der Golf-Fahrer ließ über seinen Anwalt eine Erklärung verlesen und beantwortete Fragen selber. Er ist wegen des Unfalls immer noch krank geschrieben und befindet sich in der Wiedereingliederungsphase. Bis heute sei er in psychologischer Therapie.

Der Vorsitzende Richter verliest im Anschluss die Eintragungen der Angeklagen: Demnach erhielt der BMW-Fahrer einen Monat Fahrverbot und eine Geldstrafe, weil er 2016 innerorts 41 km/h zu schnell gefahren war. Zehn Tage vor dem Unfall hat er seinen Führerschein wieder bekommen. Der zweite Eintrag betitelte den Entzug des Führerscheins in Folge des Unfalls. Der Golf-Fahrer hat einen Eintrag wegen telefonierens am Steuer.

Die Verhandlung wird am 8. Mai fortgesetzt

UPDATE, 15.09 Uhr: Verkehrstechnisches Gutachten

„Ein technisches Gutachten ist nur so gut wie die Grundlagen sind. Wenn wir zu einem Sachverhalt nicht ausreichend Spuren haben, sind wir im hypothetischen Bereich“, sagt der Gutachter vorweg. Von der Staatsanwaltschaft angeordnet war zum Unfallzeitpunkt die Untersuchung der zwei kollidierten Fahrzeuge. „Die beiden BMW waren da noch gar nicht spruchreif“. Laut Gutachter sei der Golf mit 88 bis 94 km/h bei der Kollision unterwegs gewesen, der Nissan Micra mit 54 bis 61 km/h. Etwa vier Sekunden vor dem Zusammenstoß muss der Golf-Fahrer den Nissan wahrgenommen haben. Die Insassen des Nissan müssten erst 1,5 Sekunden vorher erkannt haben, dass der Golf auf ihrer Fahrspur fuhr. „Die Kollision ist für die Fahrerin mit ziemlicher Sicherheit nicht vermeidbar gewesen“, so der Gutachter. 

Wenn BMW und Golf gebremst hätten, wäre der Zusammenstoß aber laut Gutachter wahrscheinlich verhinderbar gewesen. Die Abstände zwischen den beiden BMW lassen sich technisch nicht mehr rekonstruieren. Betrachte man aber gewisse Parameter und Zeugenaussagen, so könne man einen möglichen Abstand von etwa ein bis drei Fahrzeuglängen Abstand annehmen. Alle Angaben seien aber rein hypothetisch und nicht eindeutig nachweisbar.

UPDATE, 12.30 Uhr - Überlebende und Ersthelfer berichten

Ein Ersthelfer habe am Unfallort eine Gruppe von Männern bemerkt, die abseits standen und diskutierten. 'Was hat das denn sollen?' habe einer laut Zeuge gesagt. „Etwa zehn Leute waren anwesend, es haben aber nicht alle geholfen.“ 

Ein weiterer Zeuge sagt aus, dass er kurz vor dem Unfall von drei Fahrzeugen, zwei schwarzen und einem roten in sehr geringem Abstand zueinander überholt worden sei. Sie seien immer wieder nach links ausgeschert und dann wieder rein, er habe den Eindruck gehabt, die wollen überholen. Auch die Tochter des Zeugen, die mit im Auto saß, bestätigt diese Beobachtungen. 

Der bearbeitende Polizeibeamte berichtet, dass in einer WhatsApp-Gruppe der Unfall thematisiert wurde, in der Unterhaltung aber keine Schuld zugewiesen wurde

Nun sagt die Schwester einer der getöteten jungen Frauen aus, die ebenfalls mit im Auto saß. Ihr bleibt während ihrer Aussage immer wieder die Stimme weg, sie bricht in Tränen aus. 19 Knochebrüche, einen Schädelbasisbruch und weitere Verletzungen hat sie durch den Unfall erlitten, das linke Knie sei komplett kaputt. Im Anschluss an die Aussage ihrer Tochter ergreift die Mutter das Wort: „Ich möchte an alle hier appellieren, dass sie die Wahrheit sagen und nicht einfach plötzlich etwas vergessen. Erst dann wird eine Mutter verzeihen können. Ein Gewissen arbeitet. Ich möchte nicht die halbe nicht die viertelte, ich möchte die ganze Wahrheit hören.“

UPDATE, 10.45 Uhr - BMW-Fahrer äußert sich erstmals

Nach vier Verhandlungstagen, in denen er geschwiegen hat, äußert sich der BMW-Fahrer nun über seinen Anwalt zu der Sache. Rechtsanwalt Baron von Koskull verliest eine Einlassung seines Mandanten: Man habe sich zunächst mit Freunden beim Weko in Rosenheim treffen, dann aber wieder zurück zum McDonalds fahren wollen. Auf dem Weg dahin sei sein Mandant dann auf den Golf-Fahrer gestoßen und habe ihn überholt, da dieser langsam gefahren sei. Im Rückspiegel habe er auch seinen Freund mit dem BMW den Golf überholen sehen. 

Auf der Miesbacher Straße habe er dann den Golf wieder bemerkt, als er von diesem überholt wurde. Zu diesem Zeitpunkt sei zwischen ihm und dem vor ihm fahrenden BMW etwa 200 Meter Abstand gewesen. "Ich habe noch überlegt, ob ich jetzt bremsen soll, aber dann habe ich gedacht, wenn ich jetzt bremse, schneide ich ihm den Weg ab. Meiner Meinung nach hatte der Golf genügend Platz zum Einscheren. Ich dachte mir, der wird das schon kapieren, dass er es nicht schafft zu überholen." Nach dem Aufprall habe er sein Auto zum Stehen gebracht und sei zum Unfallort gelaufen. 

Mehrere Zeugen sagen aus:

Die erste Zeugin des Tages ist die Schwester des angeklagten Golf-Fahrers aus Ulm. Die Ersthelferin habe die Schwester des Angeklagten kurz nach dem Unfall angerufen. Sie habe dann das Telefon an ihren Bruder weitergegeben, damit er mit seiner Schwester sprechen konnte. "Die Schweine haben mich nicht reingelassen", habe er immer wieder zu ihr gesagt. Er sei sehr durcheinander gewesen. 

Zweiter Zeuge ist der Staatsanwalt, der am Unfallort war. Als er von der Polizei über den Unfall informiert wurde, sei schon von einem Rennen die Rede gewesen. Beim Eintreffen am Unfallort habe er die BMW-Insassen abseits vom Unfallort stehen sehen. "Merkwürdig erschien mir in dem Fall, dass beide BMW durch die Unfallstelle durchgefahren sind." 

Er habe am Unfallort gehört, dass der Golf-Fahrer schwerverletzt zum Ersthelfer 'Der hat mich nicht einscheren lassen' gesagt habe. „Das ist was, was man sich in einer Situation kurz vor der Ohnmacht nicht ausdenkt“, so der Staatsanwalt. 

Eine Ersthelferin schildert ihre Eindrücke vom Unfallort: "Ich habe dieses Bild im Kopf, dass diese zwei Autos da standen, dann habe ich angehalten und habe den Fahrer von dem Golf aus seinem Fahrzeug steigen sehen und habe ihn dann in mein Auto gebracht. Ich dachte erst an einen Wildunfall, als ich dann aber bemerkte, das ist ein Autounfall, dann habe ich geparkt und bin hingelaufen, zuerst aber zum Golf." Danach sei sie zum Micra gelaufen. "Ich habe dann die Mädchen im Auto gesehen und war erst einmal komplett überfordert."

Der Vorbericht:

Bei einem schweren Unfall in der Miesbacher Straße im November 2016 starben zwei junge Frauen im Alter von 21 und 15 Jahren. Sie waren frontal mit dem Golf eines 25-Jährigen aus Ulm zusammengestoßen, als der einen BMW überholen wollte. Die Lücke zwischen BMW und dem BMW davor sei zu klein gewesen. "Ich wollte nur noch bremsen und versuchen auszuweichen, aber es ist mir nicht gelungen", so der Golffahrer vor Gericht. 

Er und der 24-jährige BMW-Fahrer wurden wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Folgt man der Argumentation der Staatsanwaltschaft, trage auch der BMW-Fahrer eine Mitschuld an den Vorkommnissen: Er habe die Gefahr zwar erkannt, sein Fahrzeug aber nicht abgebremst. Dadurch habe er dem Überholenden nicht die Möglichkeit geboten, sich gefahrlos auf dem rechten Streifen einzuordnen. 

Unfallfahrer sichtlich mitgenommen

Im Oktober 2017 begann dann der Prozess gegen den BMW-Fahrer. Der Golf-Fahrer war zu dem Zeitpunkt nicht verhandlungsfähig. Seit 10. April sitzt nun auch der junge Mann aus Ulm mit auf der Anklagebank. Immer wieder brach er vor Gericht in Tränen aus, bat um Entschuldigung. Er sehe seine Schuld ein und wolle zur Aufklärung des Falles beitragen, ließ er über seinen Anwalt verkünden. 

Zeugen vermuten illegales Autorennen

Im Raum steht immer noch der Vorwurf, ob das Überholmanöver ein illegales Autorennen war, der sich durch einige Zeugenaussagen erhärtete. „Es war als hätten die sich gejagt", sagte eine Zeugin. Ein anderer: "Ich habe mir gedacht, die werden da jetzt ein Rennen fahren."

"Genügend Platz zum einscheren"

Im April sagten auch die beiden Beifahrer der Angeklagten aus. „Ich habe nur bemerkt, dass ein relativ großer Abstand zwischen den beiden Autos gewesen ist.", sagte der Beifahrer des angeklagten BMW-Fahrers aus. „Ich habe gesehen, dass das überholende Auto auf der linken Spur geblieben ist und nicht eingeschert hat, obwohl genug Platz gewesen ist. Dann habe ich das entgegenkommende Auto bemerkt.“

Die Beifahrerin des angeklagten Mannes aus Ulm konnte sich an viel nicht mehr erinnern. „Auf einmal hat er dann ausgeschert und zum Überholen angesetzt. Dann habe ich nur noch Lichter gesehen und bin nach dem Unfall wieder aufgewacht", so die Frau.

Am Donnerstag wird der Prozess um 9 Uhr am Rosenheimer Amtsgericht fortgesetzt. Es steht unter anderem noch das verkehrstechnische Gutachten aus.

Weiterer Prozesstag: 8. Mai 2018, 9 Uhr

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Quelle: rosenheim24.de

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