Offene Briefe nach AfD-Protesten gegen Merkel

"Hass und Parolen spalten das Land und führen zu keiner Lösung!"

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Rosenheim - Am Dienstagnachmittag sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel in Rosenheim. AfD-Anhänger protestierten nach einer Gegenveranstaltung der Partei vor dem K&L lautstark. Die SPD hingegen durfte am Tag der Kundgebung nicht einmal einen Infostand aufbauen.

Deswegen sind die Sozialdemokraten sauer. Wie die Partei in einer Pressemitteilung erklärte, hätte die Stadt die eigentlich bereits erteilte Genehmigung für einen Infostand der Partei am Ludwigsplatz Ende vergangener Woche kurzfristig zurückgezogen, weil dort der Platz für Presse und Polizeifahrzeuge freigehalten werden müsse. Letztlich hätte dort dann aber fast niemand geparkt.

Laut der Stadt liegt der Grund für die Tatsache, dass die AfD ihre Veranstaltung abhalten durfte, die SPD jedoch nicht, im "grundrechtlich geschützten Versammlungsrecht". Dort wird eine sog. "Gegenkundgebung" (AfD) höher bewertet als eine Info-Veranstaltung nach dem Bayerischen Straßen- und Wegerecht (SPD).

KOMMENTAR:

"Eine besorgniserregende Abwärtsspirale!"

Zudem hat sich SPD-Bundestagskandidat Abzugar Erdogan mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt. Dieser liegt rosenheim24.de vor. Darin geht Erdogan auf die Ereignisse vom Dienstagnachmittag ein. Er sei "schockiert und fassungslos" über die offenbar große Unterstützung für die AfD in der Region. Laut einer eigenen Pressemitteilung sieht die AfD Rosenheim ihren Kandidaten Andreas Winhart im Wahlkreis Rosenheim auf Rang zwei bei den Direktkandidaten - vor der SPD! Erdogan richtete in seinem Brief einen Appell an die Bürgerinnen und Bürger: "Gehen Sie bitte wählen und machen Sie ihr Kreuz bei einer wirklich demokratischen Partei!"

Der offene Brief von Abuzar Erdogan im Wortlaut:

Liebe Rosenheimerinnen, liebe Rosenheimer, 

als einer, der sein ganzes Leben in Rosenheim verbracht hat, hier zur Schule gegangen ist, seinen gesamten Freundeskreis in Rosenheim hat, sich hier wohl und beheimatet fühlt, war ich am Dienstag schockiert und fassungslos, dass die Unterstützung für eine offen menschenverachtende Partei in meiner eigenen Heimat Rosenheim so hoch ist wie kaum woanders in Deutschland. 

Der AfD-Kandidat schreckt nicht davor zurück, eine Hähnchenschenkelpfanne in Hakenkreuz-Form mit "Mahlzeit" zu kommentieren. Diese Partei schreckt nicht davor zurück, eine Politikerin nach Rosenheim einzuladen, für die es legitim zu sein scheint, auf Frauen und Kinder zu schießen. Offen bekannt ist auch, dass zwischen der Rosenheimer AfD und der Identitären-Bewegung, einer offen rassistischen Gruppierung, ein reger Austausch besteht. 

Aus Berichten, Zeitungsnachrichten und Erzählungen aus meinem Umfeld wusste ich, dass Rosenheim schon Probleme mit hohen Ergebnissen für rechte/rechtsextreme Parteien hatte. Ehrlich gesagt war ich allerdings der Auffassung, dass diese Zeiten vorbei sind. Ich erlebe die Menschen in meiner Heimat als bodenständig, aufgeschlossen, weltoffen, gastfreundlich und vor allem tolerant und friedlich. Deshalb möchte ich hiermit an alle Wahlberechtigte, insbesondere an Nichtwähler und Denk-Zettelwähler appellieren: 

Es ist völlig normal, dass man keine 100-prozentige Zustimmung mit den Inhalten einer einzigen Partei haben kann. Auch ich bin nicht immer mit meiner Partei auf Linie. Aber dennoch können wir stolz darauf sein, dass wir in einem Land leben, in dem die bisher etablierten Parteien alles getan haben, um unsere Grundrechte, die Rechtsstaatlichkeit und unsere Freiheit zu schützen. 

Deshalb: gehen Sie bitte wählen und machen Sie Ihr Kreuz bei einer wirklich demokratischen Partei! Treten wir gemeinsam dafür ein, dass Rosenheim als eine Region wahrgenommen wird, in der rechte Gesinnung keinen starken Nährboden hat.

Abuzar Erdogan (SPD)

Fotos vom Merkel-Besuch und AfD-Gegenveranstaltung:

Bilder von dem Besuch der Kanzlerin Merkel in Rosenheim

AfD-Demonstranten gegen Merkel in Rosenheim

UPDATE, 8.30 Uhr:

Nur kurze Zeit nach Erdogan haben sich auch die Bundestagskandidaten Michael Linnerer (FDP) und Korbinian Gall (Grüne) zu Wort gemeldet und ebenfalls entsprechende Mitteilungen veröffentlicht.

Offener Brief von Michael Linnerer im Wortlaut:

Liebe Bürgerinnen und Bürger in unserer Heimat Rosenheim, 

seit vielen Jahren wissen wir, dass in unserer wunderschönen Heimat Rosenheim – mitten unter uns – einige Unzufriedene wohnen, die einer rechten oder linken extremen Gesinnung verfallen und sogar teilweise mit einem extremen Gewaltpotential ausgestattet sind. 

In meiner Kindheit fischte die Rechte-Szene sehr stark bei Jugendlichen. Beispielsweise engagierten sich Gemeinden aus meinem Nachbarlandkreis erfolgreich gegen diese unheilvollen Einflüsse, indem „Street-Worker“ gezielt eingesetzt wurden. Auch in der Region Rosenheim versuchte man, diesen Tendenzen mit gezielter Aufklärungsarbeit und „Street-Workern“ in den Schulen zu begegnen. 

Heute steht Rosenheim immer wieder im Blickfeld der überregionalen und internationalen Presse durch Waffenfunde bei Republikanern, durch eine überdurchschnittliche Anzahl an sogenannten Reichsbürgern oder durch dem Verfassungsschutz bekannte Rosenheimer Holocaust-Leugner, wie Hr. Redeker, der in „Erziehungs-Camps“ in Ostdeutschland involviert ist. Diese Liste könnte weitergeführt werden bis zu den polemisierenden, populistischen Auftritten der AfD mit ihrem lokalen Bundestagskandidaten. 

Mir ist es mit meinem offenen Brief äußerst wichtig, die große Mehrheit der Bürger in unserer Heimat Rosenheim anzusprechen, die keine Gegenstände auf Polizisten werfen sondern Ihnen Tee reichen, die keine Rechtsradikalen-Parolen brüllen sondern sich besonnen zu aktuellen Problemen äußern, die nicht gedankenlos schreiend und pfeifend in der Fußgängerzone stehen sondern selbstbewusst und verständlich Ihren Ansichten Ausdruck geben. Nicht jeder von Ihnen hat ein sorgenfreies, einfaches Leben. Oftmals werden wir leider auch von unserem Staat bei der Lösung unserer Probleme und Sorgen alleine gelassen. Die meisten von Ihnen wollen über Ihre Probleme mit der Politik reden und rational mit demokratischen Mitteln Lösungen suchen. 

Fast täglich rufen mich insbesondere Rentner, Alleinerziehende oder Hartz 4-Empfänger an und schildern mir Ihr Leid und wir reden darüber was die Politik ändern muss, damit Ihnen geholfen wird. Viele geben mir am Ende der Gespräche recht, dass nicht die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion, eine andere Hautfarbe oder die sexuellen Orientierung eines Menschen Gründe für eine fehlende Chancengleichheit in unserem Land sein dürfen. Insbesondere die Schaffung einer guten Bildung mit gleichen Chancen für alle und eine Besinnung auf die Umsetzung der Ziele unserer erprobten, aber nicht immer genug beachteten sozialen Marktwirtschaft helfen langfristig und nachhaltig unser Leben zu unserer Zufriedenheit zu gestalten. 

Die meisten von uns schaffen es nicht, ihre Ansichten in Tageszeitungen oder in Fernsehsendungen zu vertreten. Aber diese schweigende Mehrheit repräsentiert unsere Heimat, unsere Gesellschaft hier in der Region Rosenheim. Die große Mehrheit unserer Bürger im Landkreis und in der Stadt Rosenheim sind fleißige, freundliche, aufgeschlossene und weltoffene Bürgerinnen und Bürger und für die möchte ich stellvertretend folgendes Statement abgeben: 

Wir Rosenheimer distanzieren uns vom Extremismus jeglicher Form, egal aus welcher politischen Richtung – wir verabscheuen das menschenverachtende und radikale Verhalten dieser Gruppen!

Michael Linnerer (FDP)

Offener Brief von Korbinian Gall im Wortlaut:

Liebe Rosenheimerinnen und Rosenheimer, 

wir leben hier in einer wunderschönen Gegend im Herzen Europas, mit intakter Natur und florierender Wirtschaft. Da scheint die Welt noch in Ordnung. Wer aber vorgestern (Anm. der Red.: am Dienstag) in Rosenheim war, der hat gemerkt: diese Gesellschaft, in der wir leben, ist in Gefahr. 

Hass, Fremdenfeindlichkeit und die Bedrohung von rechts schaden unserer Gegend und stehen allem entgegen, wofür die Region im Dreieck zwischen München, Salzburg und Innsbruck steht. In anderen Teilen des Landes und in Europa kann man die Folgen bereits beobachten. Unternehmen wandern ab, die Tourismusbranche schwindet, weil sich Urlauber nicht mehr wohl fühlen, und die, die bedroht werden, verlassen immer häufiger die Gegend, in der sie leben. 

Ich will nicht, dass Rosenheim als Hochburg der Rechtsradikalen Bekanntheit erlangt und weiß, dass es dem Großteil der Rosenheimerinnen und Rosenheimern genauso geht. Noch viel wichtiger ist mir aber, dass wir im Landkreis gemeinsam den Menschen, die die AfD mit ihren Parolen angreift, weiterhin einen Ort bieten, in dem sie sicher und glücklich leben können. 

Die AfD fährt eine Strategie, die auf Provokation, Eskalation und Destabilisation ausgelegt ist. Hass und Parolen spalten das Land und führen in keinem Bereich zu einer Lösung. Wir brauchen wieder mehr Freiheit, Herzlichkeit und Mitmenschlichkeit. Das ist es nämlich, was unsere Region so stark gemacht hat. 

Deshalb habe ich mich gemeinsam mit meinen Mitbewerbern von der SPD und FDP entschlossen, einen offenen Brief zu verfassen und zu einer demokratischen Stimmabgabe bei der Bundestagswahl aufzurufen. Jede nicht abgegebene Stimme führt zu einem höheren Stimmenanteil für die AfD. Diese Partei hat ihre rechte Fratze gezeigt und ich will, dass wir alle bei der Bundestagswahl zeigen, dass das bei uns keinen Platz hat. Mehr Prozente für diese rechte Partei führen auch dazu, dass mehr Steuergeld in hetzerische Stimmungsmache fließt. Und weil jede Stimme zählt, meine Bitte an Sie: Gehen Sie zur Wahl und setzen Sie Ihr Kreuz bei einer demokratischen Partei! 

Ich stehe klar gegen rechte Hetze und bitte auch Sie aufzustehen und mit uns für einen Landkreis zu streiten, in dem Minderheiten ihren Platz haben, in dem Religion frei ausgeübt werden darf, in dem jemand, der vor Krieg flieht, willkommen ist und dafür, dass niemand Angst vor rechten Übergriffen haben muss.

Korbinian Gall (Grüne)

Quelle: rosenheim24.de

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