Interview mit dem bayerischen Jagdpräsidenten Jürgen Vocke

"Wald ohne Wild - eine armselige Baumplantage"

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Der Bayerische Jagdpräsident Professor Dr. Jürgen Vocke beim Gespräch über den richtigen Umgang mit dem Wald. Vocke hält sich häufig in Ruhpolding auf, wo sein Vorgänger Dr. Gerhard Frank lebt. 

Ruhpolding - Wildverbiss und der Zustand des Waldes sind ständige Themen. Wegen der neu entbrannten Diskussion über den "richtigen" ökologischen Umbau des Waldes führte unsere Mitarbeiterin Christiane Giesen nun ein Gespräch mit dem Bayerischen Jagdpräsidenten Professor Dr. Jürgen Vocke.

Das Interview im Wortlaut:


Seit Jahrzehnten gibt es in vielen Jagdrevieren erbitterte Meinungsverschiedenheiten zwischen Jägern und Staatsforsten über den Wildverbiss in den Wäldern und die deshalb geforderten Abschusszahlen. Gerade im Chiemgau und seinen waldreichen Gegenden lieferten sich viele Betroffene, aber auch Beobachter in den letzten Monaten heftige Diskussionen über die steigende Zahl der Wildunfälle und wie damit umzugehen sei. Auch bei der alljährlichen Versammlung der Forstberechtigten im Chiemgau im Hotel Zur Post sind Wildverbiss und der Zustand des Waldes ständiges Thema. Wegen der aktuell auch in der „großen Politik“ neu entbrannten Diskussion über den „richtigen“ ökologischen Umbau des Waldes in Bayern im Rahmen des Klimawandels führte unsere Mitarbeiterin Christiane Giesen ein Gespräch mit dem Bayerischen Jagdpräsidenten Professor Dr. Jürgen Vocke. 

Frage: 800 Millionen Fördergelder vom Bund fordern derzeit die Agrarminister für einen groß angelegten Umbau der Wälder. Grund ist, dass in Zeiten des Klimawandels stabile Mischwälder dem Waldsterben, hervorgerufen von Dürre, Stürmen und Borkenkäfer, Einhalt gebieten soll. Sehr umstritten ist dabei die Anzahl des Wildes wegen der immer wieder beklagten hohen Verbissschäden. 


Vocke: Ich kann nur hoffen, dass dieser Waldumbau gelingt. Denn der Wald ist nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch als Schutzwald, Erholungs- und Erlebnisraum für die Menschen ungeheuer wichtig. Es sollten aber nicht einseitig nur neue Bäume gepflanzt werden, sondern auch konkrete Schutzmaßnahmen für die aufwachsenden Bäume ergriffen werden. Zu einem gesunden Wald gehört das Wild untrennbar dazu. Ein Waldumbau auf Kosten von Reh, Gams, Hirsch, Raufußhühnern etc. wäre unsinnig, unnatürlich und gegen jede Ökologie. 

Frage: Viele Förster sagen, dass vor allem zu dichte Rehbestände das Haupthindernis bei der Umwandlung naturferner, labiler Nadelwälder in stabile Mischwälder sind. Im forstlichen Gutachten zur Situation der Waldverjüngung Bayerns von 2018 zeigen nur drei Prozent der jungen Fichten Leittriebverbiss, aber 13 Prozent der Tannen, 13 Prozent der Buchen und 26 Prozent der Eichen. Gerade die Eiche, die den Wald stabilisiert, kann sich laut des Gutachtens wegen gravierender Verbissschäden oft nicht verjüngen. 

Vocke: Solange es Wild im Wald gibt, wird es natürlich immer auch Wildverbiss geben, weil sich das Wild als „Urbewohner des Waldes“ rein pflanzlich ernährt. Vor 25 Jahren waren die Verbissschäden weit höher, teilweise um über 50 Prozent bei Tanne und Eiche. Die Situation hat sich also erheblich verbessert. Man darf das Wild nicht rundweg als Schädlinge ansehen und brutal einfach „so viel wie möglich eliminieren“. Man muss vielmehr auf Einzelschutzmaßnahmen gegen Wildverbiss setzen. 

Frage: Wie könnten die aussehen? 

Vocke: Es sollte Ruhezonen am und im Wald geben und wildgerechte Freiflächen, in denen das Wild in Ruhe äsen kann und wo es nicht verfolgt wird. Soll das Wild an einer Stelle vergrämt werden, muss ihm an anderer Stelle ein artgerechter Lebensraum zugewiesen werden. Rehe leben primär am Waldrand, es ist eigentlich ein „Feldwaldreh“, aber durch den immensen Jagddruck, der heute herrscht und die permanente Beunruhigung der Tiere, auch nachts, fliehen sie in die Wälder, wo der Verbiss natürlich zunimmt. 

Frage: Was ist für Wild und Wald heute besonders nachteilig? 

Vocke: Eine absolute Katastrophe sind Nachtzielgeräte auch für Rot- und Rehwild, so dass die Tiere nicht mal mehr in der Nacht zur Ruhe kommen. Diese Nachtzielvorrichtungen sind für die Wildschweinjagd in Bayern teilweise freigegeben worden. Aber die permanente Beunruhigung wird auch von der Freizeitindustrie ausgelöst, wenn Jogger oder Mountainbiker zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Wälder und auf jeden Gipfel hetzen. Die Leittriebe der jungen Bäume sollten so wie früher - und auch heute noch in vielen privaten Revieren, mit Farbe angestrichen werden, so dass die Rehe nicht drangehen. Es ist falsch, nur junge Bäumchen aus Baumschulen zu pflanzen, denn die sind durch Düngung stark mineralisiert und dadurch besonders interessant für Rehe. 

Frage: Der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, Ludwig Hartmann, fordert jetzt die Nachtjagd für Rot- und Rehwild. Er fordert, dass die Waldbesitzer auf ihrem Grund selbst jagen dürfen, auch wenn der Grund in einer anderen Jagdpacht liegt. 

Vocke: Ja, leider. Die Frage ist nur, wie das mit den grünen Grundsätzen von Ökologie, Nachhaltigkeit und Tierschutz zusammengehen soll. Diese Vorgehensweise käme einer kompletten Ausrottung des Wildes gleich. Es erinnert an die Zeit direkt nach 1848, als jeder auf seinem Fleckchen Erde jagen konnte, wie er wollte. Bis dahin lag das Jagdrecht allein beim Adel. In der Zeit nach der Märzrevolution in Deutschland und Österreich wurde das abgeschafft, was beinahe zum totalen Ende des Wilds geführt hätten. Erst König Max II. von Bayern führte 1851/52 das Reviersystem ein, das sich sehr bewährt hat und von anderen Ländern kopiert wird. 

Frage: Nach Aussage von vielen Förstern kann von einer Ausrottung, jedenfalls des Rehwilds, nicht gesprochen werden, denn ihre Lebensräume reichen ja von der Waldgrenze im Hochgebirge bis ans Wattenmeer, von den Stadtparks der Großstädte bis in die Urwälder der Nationalparks. Es sind außerdem sehr vermehrungsfreudige Tiere, die sich in unserer Kulturlandschaft bei viel eiweißreicher Nahrung und günstigen Bedingungen stark vermehren. Zwei Kitze pro Geiß und Jahr sind die Regel, drei nicht selten. Schon einjährige Rehe können sich vermehren, so dass sich innerhalb eines Jahres der Rehwildbestand verdoppeln kann. 

Vocke: Nein, von einer Ausrottung kann sicher in den meisten Revieren nicht gesprochen werden. Es ist aber wichtig, dass nicht nur junge Tiere im Wald leben, sondern auch alte – es ein natürliches Generationennetz gibt – das ist in Gefahr, wenn zu viele getötet werden. 

Frage: Viele Förster sind gegen Winterfütterungen, manchmal werde sogar ganzjährig gefüttert, obwohl es verboten ist. Wie stehen Sie dazu? 

Vocke: Bei der heutigen permanenten Beunruhigung des Wildes sind Zufütterungen im Winter durchaus sinnvoll. Wenn die Wildtiere Ruhe haben, zieht sich ihr Pansen (Magen) im Winter um zwei Drittel zusammen, so dass sie viel weniger Nahrung brauchen. Rehe reagieren auf Stress panisch, so dass sie durch den Jagddruck immer höher in die Berge getrieben werden und dort der Verbiss natürlich zunimmt. 

Frage: Sind Rehe nicht auch im Straßenverkehr eine große Gefahr? Gab es laut Statistik des Deutschen Jagdverbandes in der Bundesrepublik 2013/14 noch 193 520 Verkehrsunfälle durch Rehe, so waren es 2017 schon 195 420. In Bayern verursachten Rot-, Dam- und Rehwild 2006 noch 48 871 Unfälle, 2016 schon 70 314. In diesem Jahr starben bereits zwei Menschen bei diesen Unfällen. Da Rot- und Damwild nicht flächendeckend vorkommen, dürften die Rehe in Bayern die Hauptverursacher gewesen sein. 

Vocke: Bei dem dichter werdenden Straßennetz und ständig zunehmendem Verkehr nehmen selbstverständlich auch die Wildunfälle zu. Die kann man nicht durch ungebremste Jagden auch in der Nacht verhindern – im Gegenteil: die Tiere finden kaum noch Ruhe, was zu mehr Verbiss und durch ihre wachsende Nervosität zu mehr unvorhersehbarem Verhalten führt. 

Frage: Sind vermehrte Drückjagden (Gemeinschaftsjagden, bei denen Hunde die Rehe aufspüren und aus ihrem Versteck „heraus drücken“) eine akzeptable Lösung? 

Vocke: Drückjagden werden in vielen bayerischen Revieren ohnehin seit vielen Jahren abgehalten. Sie müssen aber sehr gut gesichert sein, damit keine Unfälle passieren, die leider trotz vieler Vorsichtsmaßnahmen immer wieder vorkommen. Denken Sie nur an das tragische Unglück im August vor einem Jahr bei der Wildschweinjagd in Nittenau bei Schwandorf. 

Frage: Wären Wolf und Luchs eine Lösung? 

Vocke: Die fressen zwar bevorzugt Rehe, aber deren flächendeckende Einführung würde besonders auf den Almen andere, gravierende Probleme hervorrufen. Eine Freilandhaltung von Vieh wäre fast nicht mehr möglich, weil so viele Kontrollen wie notwendig gar nicht möglich wären. 

Frage: Sind Jäger grundsätzlich in einer schwierigen Situation, weil sie in der Bevölkerung leicht als „heimtückische Mörder“ gelten? Die Deutsche Wildtierstiftung ernannte das Reh zum Tier des Jahres 2019. Das „Bambi“ ist besonders in Deutschland mit vielen Legenden umwoben. Ein Grund könnte das bis heute beliebte Kinderbuch „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ sein, 1928 von Felix Salten geschrieben und 1942 von Walt Disney verfilmt. 

Vocke: Dennoch ist das Ansehen der Jäger in den letzten Jahren stark gestiegen. Wir verzeichnen ein stark zunehmendes Interesse bei den Jägerprüfungen von jungen Leuten und ein Drittel von Frauen, was ja früher eher selten der Fall war. 

Frage: Sind die Pflichttrophäenschauen in Bayern heute noch sinnvoll?

Vocke: Sie sind schon lange umstritten, werden aber immer wieder vom Agrarausschuss des Landtags bestätigt. Sie sind ein gutes Mittel um Bevölkerung und Medien einen Rechenschaftsbericht über den Zustand von Wald und Wild zu geben. Sie sind außerdem ein gutes Mittel, um ins Gespräch zu kommen. Auch vor Ort sollte es viel mehr Gesprächsrunden zwischen Jägern, Förstern und Bauern geben – dann könnten so manche Probleme vor Ort pragmatisch gelöst werden. 

Christiane Giesen

Quelle: rosenheim24.de

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