Müller: „Wäre kein Zeichen gelungener Führung“

„Unreif“, „unwürdig“ - Meinte AfD-Chef Meuthen in Wutrede Berchtesgadens Abgeordneten Müller?

Collage von Meuthen und Müller
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Meuthen (links) übte in seiner Rede scharfe Kritik an einem bayerischen Abgeordneten. Meinte er Müller (rechts)?

Kalkar/Bad Reichenhall - In einer Passage seiner Rede greift AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen ein bayerisches AfD-Mitglied des Bundestages äußerst scharf an. Meinte er Berchtesgadens AfD-Bundestagsabgeordneten Hansjörg Müller? Wir haben nachgefragt.

Nach wie vor haben sich die Wogen in der AfD nach dem turbulenten Parteitag in Kalkar nicht geglättet. In den sozialen Medien ringen die verfeindeten Parteilager um Deutungshoheit. Auch in den Medien war das Echo verheerend. Auffallend: Selbst der AfD grundsätzlich gewogene Publikationen sparen nicht mit Kritik. So etwa Autoren der „Sezession“ und „Pi-News“, wo unumwunden Kritik an Parteigranden geübt wird.

Dabei ist auch die Wutrede von Bundessprecher Jörg Meuthen immer wieder Thema. Mehrere, nicht namentlich genannte Politiker der eigenen Partei wurden von ihm in seiner „Grundsatzrede“ äußerst scharf kritisiert. Eine Passage der Rede könnte bei Berchtesgadens AfD-Bundestagsabgeordneten Hansjörg Müller auf großes Interesse stoßen - schießt sich Meuthen darin doch auf einen „bayerischen Abgeordneten“ ein.

Worum geht es? Zunächst warnt Meuthen in der besagten Passage vor einer möglichen Schwarz-Grünen Koalition auf Bundesebene. Die AfD stehe hier in der „unbedingten“ Verantwortung, dieser „an Haupt und Gliedern“ falschen Politik „einen vernünftigen, einen bürgerlichen“, einen konservativ-bürgerlich geprägten Politik-Entwurf-Entwurf entgegenzusetzen, so Meuthens Argumente. Nur die AfD, so ihr Bundessprecher, könne dies in Deutschland bewerkstelligen.

Dann folgt allerdings ein weiterer der vielen Angriffe auf seine eigene Partei: Einige wenige, „unreife, und dieser Verantwortung offenkundig nicht gewachsene“ Parteimitglieder und Mandatsträger verhielten sich wie trotzige Pubertierende „mit Lust an billiger, teilweise recht flegelhafter Provokation“, in der sie sich noch geradezu selbstverliebt gefallen würden.

Er, Meuthen, habe vor einiger Zeit im Fernsehen ein bayerisches Mitglied des Bundestages auf einer Demonstration gesehen, bei der es dieser Abgeordnete laut Meuthen „geradezu gezielt“ darauf angelegt habe, in eine Rempelei mit der Polizei zu geraten - was dem Abgeordneten auch gelungen sei. Dies habe den AfD-Politiker dann zu einer „gespielten, theatralischen“ Entrüstung veranlasst. Meuthen erhebt überdies den Vorwurf, dass sich der Mann dann darin gefallen habe, sich als Opfer zu inszenieren.

Im Video: Meuthens Schelte an bayerischem Abgeordneten:

Meuthen beurteilte dieses Gebaren als „Kindergarten“ und „unwürdig“. Ein solches Verhalten mache in zornig - es „reiße ein“, wofür sich andere Parteimitglieder einsetzen. In weiterer Folge sprach Meuthen auch von Personen, die lieber Revolution und „Politikkasperle“ spielen, anstatt seriöse politische Arbeit zu machen.

Bei der von Meuthen beschriebenen Szenerie geht es allem Anschein nach um eine Teilnahme von Berchtesgadens AfD-Bundestagsabgeordneten Hansjörg Müller auf einer Demonstration in Berlin. Wir haben bei ihm nachgefragt, was er zu den Worten Meuthens sagt:

Sehr geehrter Herr Müller, fühlen Sie sich von der Textpassage direkt angesprochen? Schließlich geht es allem Anschein nach um Ihre Teilnahme an einer Demonstration in Berlin. 

Hansjörg Müller: Sollte Prof. Meuthen in seiner Rede mich gemeint haben, so wäre es nicht ein Zeichen gelungener Führung, öffentliche Kritik an mir zu äußern. Eine etwaige Kritik hätte er mit mir persönlich in einem Vier-Augengespräch anbringen können.

Haben sie sich diesbezüglich mit Prof. Dr. Meuthen ausgesprochen?

Hansjörg Müller: Nein, leider hat Prof. Meuthen nach Kalkar noch kein Gespräch mit mir gesucht. Auch nicht, nachdem er mich im Sommer bei Frau Maischberger schon einmal öffentlich angegangen war. Ich hoffe sehr, dass das Gespräch stattfindet, denn derartige Unstimmigkeiten sollte man zeitnah aus der Welt schaffen.

Meuthen spricht in diesem Zusammenhang von einem „Kindergarten“ und „unwürdigem“ Verhalten, weiter spricht er von Personen, die „Politikkasperle“ spielen. Wie beurteilen Sie diese Kritik?

Hansjörg Müller: Diese Kritik beziehe ich natürlich nicht auf meine Person. Offenbar besteht jedoch in Prof. Meuthens Wahrnehmung Grund zur Kritik an einer ganzen Reihe von Parteifreunden. Dies lautstark und coram publico zu artikulieren schadet der Partei jedoch mehr als es ihr nützt. Nach dem Bundesparteitag in Kalkar ist die AfD immer noch gespalten und geht nicht geeint daraus hervor. Es wäre die Aufgabe gewesen, für Einigung zu sorgen und unsere Partei zu stärken.

Meuthen kritisiert außerdem, der angesprochene Abgeordnete habe es „geradezu gezielt“ darauf angelegt, in eine Rempelei mit der Polizei zu geraten, was dann zu einer „gespielten, theatralischen“ Entrüstung des Politikers geführt habe. Wurde hier gezielt provoziert?

Hansjörg Müller: Wie bereits gesagt, da Prof. Meuthen mit mir diesbezüglich noch nicht gesprochen hat, kann ich seine Äußerungen auch nicht kommentieren. Ich habe zwar an besagter Demonstration teilgenommen, jedoch keine Rempelei mit der Polizei provoziert. Ich wurde weggestoßen, was aus der Dynamik der Situation heraus geschah.

Sehen Sie hier ein eigenes Fehlverhalten vorliegen - und würden Sie das in Zukunft anders angehen?

Hansjörg Müller: Von meiner Seite liegt kein Fehlverhalten vor und für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass derartige Dinge unter den Akteuren im kleinen Kreise geklärt werden und nicht öffentlich auf einem Bundesparteitag.

Ist unter diesen Umständen - und angesichts der deutlichen Kritik - eine konstruktive Zusammenarbeit ihrerseits mit dem Bundessprecher Meuthen überhaupt noch denkbar? 

Hansjörg Müller: Ich bin fest davon überzeugt, dass eine konstruktive Zusammenarbeit mit Prof. Meuthen möglich ist, wenn wir wieder alle an einem Strang ziehen. Ich bin jederzeit zum Dialog bereit und lud unseren Parteichef heute persönlich dazu ein.

Wie kann es die AfD - nach dem turbulenten Parteitag - wieder schaffen, in die Spur zu finden? 

Hansjörg Müller: Wir brauchen dringend eine Lösung. Die AfD kann nur durch eine inspirierende Führung und ein gemeinsames Ziel - einen gemeinsamen „Nordstern“ - geeint werden, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Diese notwendige Einigung wird durch den Landesverband Bayern unter meiner kommissarischen Leitung initiiert, indem wir zu einem konsensorientierten „Friedensgipfel“ mit dem Bundesvorstand und allen Landesvorständen einladen. Anvisiert ist der Januar 2021.

Herr Müller, wir danken für das Gespräch!

dp

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