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Exklusivinterview

Gehören die Regionen Mühldorf und Rosenheim bald zum MVV-Bereich? Das sind die Hürden

Werden in Stadt und Landkreis bald MVV-Tickets verkauft? Bis März 2023 müssen die Politiker eine Entscheidung treffen. Eine erste Einschätzung hat jetzt MVV-Geschäftsführer Dr. Bernd Rosenbusch gegeben.
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Werden in Stadt und Landkreis bald MVV-Tickets verkauft? Bis März 2023 müssen die Politiker eine Entscheidung treffen. Eine erste Einschätzung hat jetzt MVV-Geschäftsführer Dr. Bernd Rosenbusch gegeben.

Rosenheim – Mit nur einem Ticket aus dem Landkreis in Bus und Bahn bis nach München: Bei einem Beitritt zum Münchener Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) wäre das für Menschen aus der Region Rosenheim ab 2023 möglich, Mühldorf könnte 2024 folgen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Dr. Bernd Rosenbusch über die Vorteile eines Beitritts und finanzielle Hürden.

Warum würden Sie den Rosenheimern ans Herz legen, sich dem MVV anzuschließen?

Dr. Bernd Rosenbusch: „Der große Vorteil von Verbünden ist, dass wir einen einheitlichen Tarif anbieten. Um von einem Rosenheimer Stadtteil zur Allianz-Arena nach München zu kommen, braucht es im Moment drei verschiedene Fahrkarten. Das ist eine wahnsinnig große Hürde, weil die Menschen nicht wissen, was die drei Fahrkarten kosten, welches, das beste Angebot ist und wo es die Fahrkarten zu kaufen gibt. Durch einen MVV-Beitritt hat der Kunde statt drei Fahrkarten nur noch eine.“

Sie waren jetzt des Öfteren zu Besuch in Rosenheim. Wie bewerten sie den ÖPNV in Stadt und Landkreis?

Rosenbusch: „Es gibt einen guten Stadtverkehr und einen guten Regionalbusverkehr. Es ist also nicht so, als ob es keinen ÖPNV in der Region gibt. Unser Ziel ist es jetzt, die einzelnen Angebote miteinander zu verknüpfen. Wir wollen aus den vielen einzelnen Verkehren und Tarifen ein System machen, das der Kunde leichter nutzen kann. Wir möchten für alle nur eine, hoffentlich positive, übergreifende Klammer sein.“

Alles können sich die Rosenheimer auf mehr Busse freuen? Vielleicht sogar an Sonn- und Feiertagen?

Rosenbusch: „Ob Stadt und Landkreis am Ende mehr Busse fahren lassen, hat mit einer MVV-Erweiterung erst einmal nichts zu tun. Das liegt immer in der Entscheidung der jeweiligen Aufgabenträger – also der Stadt, des Landkreises oder zum Beispiel auch der Gemeinde Kolbermoor. Worauf in einem Verbund jedoch ein Augenmerk liegt, ist, dass die Verknüpfung zwischen Bahn und Bus optimiert wird. Heißt: möglichst geringe Wartezeit am Bahnhof auf den Bus oder andersherum. Das ist eines der großen Themen, die uns wichtig sind.“

Führt ein MVV-Beitritt ihrer Meinung dazu, dass mehr Menschen auf den ÖPNV umsteigen?

Rosenbusch: „Ja. Wir haben uns verschiedene Verbunderweiterungen in Deutschland und die Wirkungen daraus angeschaut. In diesem Zusammenhang haben wir unter anderem festgestellt, dass sich die Fahrgastzahlen in Bus und Bahn ungefähr um zehn bis 15 Prozent erhöht haben – und das ohne, dass ein Bus oder eine Bahn mehr gefahren ist. Alleine durch die Einfachheit und die klare Kommunikation nach außen. Umgerechnet auf die Zahlen in Stadt und Landkreis Rosenheim wären das jährlich rund eine Millionen Autofahrten weniger. Das ist eine signifikante Menge. Das darf man nicht unterschätzen.“

Wann kann nach einem Beitritt mit einer Zunahme der Fahrgastzahlen gerechnet werden?

Rosenbusch : „In Hamburg und Regensburg war eine Zunahme bereits nach den ersten Monaten zu sehen. Die Kunden sind zudem bunt gemischt – unter anderem auch deshalb, weil es zum Teil günstiger wird.“

Inwiefern?

Rosenbusch : „Der Kunde braucht heute nicht nur drei Fahrscheine. Er muss auch drei Mal die Einstiegsgebühr bezahlen – also drei Mal den Grundtarif für eine Fahrkarte. Die fällt künftig nur noch einmal an, wenn man insgesamt nur einen Tarif hat und somit nur eine Fahrkarte braucht.“

Wenn die Einstiegsgebühr wegfällt, bedeutet das im Umkehrschluss aber auch Mindereinnahmen für die Stadt Rosenheim – oder eben den Landkreis.

Rosenbusch: „Das stimmt. Das bedeutet dann, zum Beispiel, dass bei einer Fahrt von Miesbach nach Rosenheim zwei Mal die Einstiegsgebühr wegfällt. Das verbleibende Drittel der Einnahmen aus den Einstiegsgebühren teilen sich in diesem Fall die BRB, Miesbach und die Stadt Rosenheim. Die anderen zwei Drittel sind Verluste, die von den jeweiligen Aufgabenträgern getragen werden müssen. Das wäre in diesem Fall Miesbach, Rosenheim und – so der Wunsch von Oberbürgermeister Andreas März – der Freistaat. Vorteile gibt es hier natürlich für die Kunden.“

Neben den Mindereinnahmen: Welche Kosten würden zudem auf Rosenheim zukommen?

Rosenbusch: „Das ist jetzt wirklich nur eine ganz grobe Angabe: Zum Start gibt es Initialkosten, damit die Bordcomputer umgebaut und die Plakate aufgehangen werden, in Höhe von rund 100.000 Euro. Mit Förderung des Freistaats. Zudem rechnen wir mit Mindereinnahmen von 100.000 bis 200.000 Euro pro Jahr. Aber auch diese Summe ist nur grob geschätzt und basiert nicht auf Daten. Die werten wir erst Ende Oktober aus. Beim Schülerverkehr hängt es davon ab, wie es das 365-Ticket umgesetzt wird. Das ist noch offen. Zudem wird die Stadt bei uns Gesellschafter und bekommt dafür unsere Leistungen, von einem MVV-Handyticket über konsolidierte Fahrgastinformation bis hin zur Verbundwerbung und vielem mehr. Für diese Leistungen fallen etwa 250.000 Euro pro Jahr an.“

Oberbürgermeister Andreas März hatte es in einer Stadtratssitzung bereits angesprochen: Aber wie sinnvoll ist ein Beitritt, wenn jetzt bald das 69-Euro-Ticket kommt?

Rosenbusch: „69 Euro sind trotzdem mehr als doppelt so viel, wie die Deutschen durchschnittlich pro Person pro Monat ausgeben – nämlich rund 32 Euro. Ein Großteil der Menschen gibt also weniger als 69 Euro aus. Und diese Menschen brauchen weiterhin irgendeine Möglichkeit, mit einer Einzelfahrkarte oder Tageskarte irgendwohin zu fahren. 30 Prozent unserer Kunden sind Abonnenten, die das 69-Euro-Ticket kaufen beziehungsweise automatisch erhalten werden. Aber 70 Prozent unserer Kunden werden das Ticket nicht kaufen, weil es ihnen immer noch zu viel Geld ist. Und für diese 70 Prozent, die nur ab und zu mal fahren, brauchen wir ein einfaches Tarifsystem. Deshalb ist ein Beitritt auch weiterhin wichtig.“

Bleiben wir beim Geld. Die Bahncard 50 zählt beim MVV nicht. Wird es für Gelegenheits-Pendler, die eine Bahncard haben, nicht teurer, wenn Rosenheim Teil des MVVs werden würde?

Rosenbusch: „Das ist eine berechtigte Frage. Aber wir haben sehr günstige Tageskarten. Und unsere Tageskarte schlägt in der Regel die Bahncard. Das heißt, wenn sie wirklich selten fahren, holen sie sich eine Tageskarte. Und sind damit genauso günstig unterwegs, wie mit einer Bahncard.“

Wie viel Gesellschafter gibt es beim MVV?

Rosenbusch : „Heute sind es zehn. Es sind acht Landkreise, der Freistaat und die Landeshauptstadt. Im Moment laufen zudem Untersuchungen zu einer möglichen Verbunderweiterung hier in der Stadt und im Landkreis Rosenheim, im südlichen Teil des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen, in den Landkreisen Miesbach, Garmisch-Partenkirchen, Weilhem, Landsberg, in der Stadt und im Landkreis Landshut sowie im Landkreis Mühldorf.“

Wie ist der Stand der Dinge in Mühldorf?

Rosenbusch : „In Mühldorf läuft gerade die Fahrgastbefragung. Mühldorf wäre dann mit einem möglichen Beitritt ein Jahr später dran als Rosenheim. Rosenheim könnte im Dezember 2023 beitreten und Mühldorf – wenn sie es denn wollen – Ende 2024. Die Datenauswertung für die Stadt und den Landkreis Rosenheim ist im Oktober dieses Jahres fertig. Dann bekommen die Kommunalpolitiker das Gesamtpaket und müssen entscheiden, ob sie beitreten wollen oder nicht. Die Entscheidung müssen sie spätestens bis März 2023 treffen. Eine spätere Entscheidung, könnten wir nicht mehr umsetzen. Unter anderem deshalb, weil wir zum Beispiel Betriebssysteme programmieren müssen.“

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