"Der Friedhof als Visitenkarte einer Gemeinde"

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In der Aussegnungshalle steht jetzt ein Kunstwerk von Andreas Kuhnlein. Über die Figur unterhielten sich (von links) Pfarrer Rainer Maier, Xaver Schreiner, Kuhnlein und Bürgermeister Rudi Jantke.

Grassau - Die Aussegnungshalle wurde erneuert und nun eingeweiht. Bürgermeister Jantke betonte die Bedeutung des Friedhofs für die soziale Gemeinschaft.  

Der Markt Grassau hat die Aussegnungshalle auf dem Friedhof erneuert. Er hat den Innenraum mit einem Kunstwerk von Andreas Kuhnlein aus Unterwösen ausgestattet und vor dem Gebäude einen Brunnen von Fritz Seibold aufgestellt. Nach dem Abschluss der Arbeiten hat die Gemeinde nun die Aussegnungshalle eingeweiht. Den kirchlichen Segen spendeten Pfarrer Andreas Horn und Pfarrer Rainer Meier. Weisenbläser umrahmten die Feier.

"Der Friedhof ist auch immer eine Visitenkarte einer Gemeinde. Welchen Wert die Familien und auch die Kommune dem Zustand des Ortes zum Gedenken an die verstorbenen Angehörigen und Mitbürger beimessen, lässt auch darauf schließen, wie es in der dörflichen Gemeinschaft um die Werte wie die soziale Gemeinschaft, um den Zusammenhalt und die Kultur wie auch um das Bewusstsein um Tradition bestellt ist", sagte Bürgermeister Rudi Jantke. Er betonte, dass die Aussegnungshalle vor ihrem Umbau den Ansprüchen nicht mehr genügt habe. Die Planung stamme aus dem Jahr 2000. Immer wieder sei die Maßnahme verschoben worden. 2011 habe der Marktgemeinderat dann beschlossen, den Plan in fast unveränderter Form umzusetzen.

Der Innenraum der Aussegnungshalle vergrößerte sich durch einen ostseitigen Anbau und eine große Überdachung. Der Markt schuf eine neue barrierefreie Toilettenanlage, einen weiteren Nebenraum und richtete eine Lautsprecheranlage ein. Als Dachform wählte er ein Krüppelwalmdach. Das Kreuz der Hoffnung, ehedem in der Halle hängend, wurde an der Giebelwand angebracht. Mitte des letzten Jahres begannen die Bauarbeiten, im Dezember gingen sie zu Ende. Die Gesamtkosten belaufen sich laut Jantke auf 237000 Euro.

Der Marktgemeinderat beauftragte Kuhnlein, für den Innenraum ein passendes Kunstwerk zu schaffen. Besonders habe ihn, Jantke, gefreut, dass Andreas Kuhnlein "bereit und beseelt" gewesen sei, mit seiner Kunst dem Gebäude eine ganz besondere Würde zu verleihen. Kuhnlein habe ein Kunstwerk geschaffen, das Trauer ausdrücke, Hoffnung gebe und Geborgenheit vermittle. Der Friedhof sei ein Ort der Trauer, er solle aber auch Frieden und Hoffnung vermitteln.

Die nun öffentlich präsentierte Skulptur zeigt eine Mutter mit ihrem Kind. Wie aus dem Boden gewachsen stehen die beiden zerklüfteten Figuren auf einem wuchtigen Eichenklotz. "Die Frau, gramgebeugt, das Gesicht zermartert, voller Trauer um den Verlust eines Menschen. Der Verlust hat ihr ganz offensichtlich das Herz herausgerissen", deutete Dr. Jan Bodo Sperling in seiner Laudatio das Kunstwerk. Und dennoch, so Sperling weiter, erlebe sie in der Umarmung mit dem Kind ein Zeichen liebevollen, gegenseitigen Vertrauens, von Trost, Hoffnung und Zukunft.

Über "115 Jahre Gemeindefriedhof Grassau" sprach Kulturreferent Fritz Seibold. Bereits 1876 habe man Anträge zur Erweiterung des bestehenden Kirchenfriedhofs gestellt, die das königliche Bezirksamt Traunstein aber aufgrund der Bodenbeschaffenheit abgelehnt habe. Für den geforderten Friedhofsneubau seien verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten geprüft worden, darunter auch der Verkauf von Grabnischen oder auch eine Lokalmalzsteuer und ein Bieraufschlag - was jedoch nicht möglich gewesen sei. So habe sich die Kirchengemeinde aus dem Projekt Friedhofsneubau zurückgezogen und diese Angelegenheit der Kommune überlassen.

Im Jahre 1887 beauftragte die Gemeinde Zimmerermeister Josef Schmid, binnen 14 Tagen einen Friedhofsplan für die Grundstücksfläche am Lindenfeld zu erstellen. Laut Seibold zählte Grassau mit seinen Ortsteilen Niedernfeld, Piesenhausen, Loitshausen und Pettendorf damals 1528 Einwohner. Der Plan sei gekommen, die Gemeinde habe ihn verwirklicht. Die Baukosten betrugen laut Seibold 32000 Mark. Am 10. August 1897 sei die erste Beerdigung vorgenommen worden.

1911 - damals hatte Grassau 1946 Einwohner - wurde der Friedhof das erste Mal erweitert. Anfang der 60er- Jahre wurde der südliche Rasenfriedhof erstellt, 1984 erfolgte die Osterweiterung. 2011 kamen zwei Urnenwände mit 32 Nischen hinzu.

Pfarrer Andreas Horn ging in seiner Predigt auf die Bedeutung der Aussegnungshalle als Ort des Abschieds ein. Er sprach von einem "Raum der Tränen", in dem man Verlassenheit spüre. "Wer Abschied nimmt, Tränen weint, Verlassenheit spürt, braucht Trost", so Pfarrer Horn. Die innigste Bindung sei die einer Mutter zu ihrem Kind und auch Gott halte uns wie eine Mutter, versicherte er.

tb/Chiemgau-Zeitung

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