Prozess gegen Baby-Entführerin fortgesetzt

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Nina und Mike mit Töchterchen Nora

Unterwössen/Innsbruck - Eine 33-Jährige entführte im Juni 2010 die drei Monate alte Nora im Salzburger Europark. Der Prozess gegen die Frau wurde am Mittwoch fortgesetzt.

Der Prozess gegen eine 33-Jährige wurde am Mittwoch fortgesetzt. Die Frau hatte im Juni 2010 die drei Monate alte Nora aus dem Salzburger Einkaufszentrum entführt. Im Zuge einer Großfahndung entdeckte die Polizei das Kind fünf Stunden später auf dem Penny-Parkplatz in Unterwössen. Der Frau aus Kitzbühel droht eine lange Haft - in erster Linie aber nicht wegen der Entführung. Sie soll auch fast 160.000 Euro veruntreut haben.

Am Mittwoch führte eine Sachverständige vor Gericht die Ergebnisse des psychiatrischen Gutachtens auf. Demnach war die Angeklagte zum Zeitpunkt der Entführung zurechnungsfähig. Inwieweit das Gericht dem Gutachten folgt, wird sich wahrscheinlich am Donnerstag zeigen - dann wird das Urteil erwartet.

Kindsentziehung, Urkundenfälschung und Untreue - das sind die Anklagepunkte im Innsbrucker Landesgerichtsprozess gegen die Tirolerin. Beim Auftakt im April 2011 hatte die Kitzbühelerin die Taten im Wesentlichen zugegeben. Weil ihr Verteidiger aber eine Ergänzung des in seinen Augen "schlampigen" psychiatrischen Gutachtens forderte, wurde die Verhandlung vertagt. So geht es erst heute weiter.

Nach Fehlgeburt eine Puppe spazieren gefahren

Sie kümmerten sich um die kleine Nora auf einem Parkplatz in Unterwössen: Azubi Michaela und Schülerin Sandra (damals beide 16).

Die 33-Jährige hatte im Herbst 2009 eine Fehlgeburt erlitten - eine persönliche Tragödie, die sie nicht verkraftete, einfach nicht wahr haben wollte. Als im April 2010 der eigentliche Geburtstermin nahte, habe sie sich von glücklichen Frauen mit Kinderwagen umzingelt gefühlt und trotz des Verlustes auf die Geburt vorbereitet, als ob nichts passiert wäre, sagte sie am ersten Verhandlungstag. "Ich wollte auch dazugehören, zu einer richtigen Frau gehört doch auch ein Kind."

Ihrem damaligen Lebensgefährten schickte sie ein Ultraschallbild und einen Mutter-Kind-Pass. Die Vorlagen hatte sie sich aus dem Internet ausgedruckt und ihre Daten eingetragen. Mit einer Puppe bereitete sie sich auf ihr Mutter-Dasein vor. Zeugen beobachteten, wie sie Simon - die Puppe hatte sogar einen Namen - mit dem Kinderwagen spazieren fuhr. Auch eine Versicherung wollte sie für das ungeborene Kind abschließen, und 14 Tage vor der Entführung klebte sie ein Plakat mit der Aufschrift "Willkommen zu Hause" an ihre Wohnungstür.

Als die Tirolerin am 9. Juni 2010 im Europapark in Salzburg das drei Monate alte Baby alleine vor einer Umkleidekabine stehen sah, griff sie zu. Sie hob den Säugling aus dem Tragekorb und nahm ihn mit. An weitere Details könne sie sich nicht erinnern, erklärte die 33-Jährige, und beteuerte zugleich, dass sie die Entführung nicht geplant habe.

Fundort der entführten Nora

Fundort der entführten Nora

Die Ermittler trugen aber Indizien zusammen, die darauf hindeuten, dass die Frau nicht zum Bummeln nach

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Salzburg kam, sondern gezielt auf "Baby-Schau" ging, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. So sprach sie Noras Mutter (34) schon im Erdgeschoss in einem Bekleidungsgeschäft an und erzählte der Salzburgerin, dass sie vier Wochen zuvor selbst ein Baby entbunden habe. Im ersten Stock stieß die echte Mutter erneut auf die Tirolerin. Als die zweifache Mutter - sie hat noch einen dreijährigen Sohn - in einer Kabine Kleidung anprobierte, sah sie durch den Vorhangschlitz, dass der Tragekorb wackelte, dachte sich aber nichts dabei. Als sie wieder herauskam, war ihr Baby weg.

So wie ihr hätte es auch einer anderen Frau ergehen können. Schon am Tag zuvor war die Kitzbühelerin im Salzburger Europapark einer Mutter mit einem vier Monate alten Baby "eineinhalb Stunden lang permanent nachgegangen", so ein Sprecher des LKA Salzburg.

Es folgten fünf dramatische Stunden für die Eltern Noras, das Kind und die Entführerin, die zunächst nach Tirol gefahren war, um das Baby zu wickeln und zu füttern. Dann irrte sie in Panik durch den Chiemgau, nachdem sie übers Radio von der Fahndung erfahren hatte. Bei der Suche waren der Polizei die Bilder einer Überwachungskamera im Europapark eine große Hilfe.

Kindesentführung im Europark

Kindentführung im Europark Salzburg

Kindesentführung im Europark

Sie habe nur das Beste für das Kind gewollt, sagte die Angeklagte dem Richter. Doch als die Kindesräuberin am 9. Juni 2010 letztlich die Flucht ergriff, ließ sie Nora allein auf dem Penny-Parkplatz in Unterwössen zurück. Dort fanden sie Polizisten - wohlauf, aber sichtlich mitgenommen. "Das Kind hat die ganze Zeit geschrien", erzählten Michaela und Sandra (damals beide 16). Die zwei jungen Mädchen aus Unterwössen waren zufällig dabei, als Nora auf dem Parkplatz gefunden wurde. Auf Wunsch der Polizei kümmerten sie sich um das Baby, bis der Arzt aus Siegsdorf herbeigeeilt war. Wenig später konnten Polizisten den Säugling in der Inspektion Grassau der überglücklichen Mutter übergeben.

160 000 Euro aus der Reisebüro-Kasse

Neben der Kindesentziehung muss sich die Tirolerin auch wegen Urkundenfälschung und Untreue verantworten. Als Mitarbeiterin eines Reisebüros soll sie von 2007 bis 2009 fast 160 000 Euro unterschlagen haben. Für die Betrugsgeschichten drohen der wegen Vermögensdelikten bereits vorbestraften Frau bis zu zehn Jahre Gefängnis. Für die Kindesentführung liegt das Strafmaß bei bis zu drei Jahren Haft.

War die Frau zurechnungsfähig, als sie die Verzweiflungstat in Salzburg beging? Stellte ein Arzt kurz nach der Festnahme noch eine Wahnerkrankung fest, sah eine Sachverständige am ersten Prozesstag im April 2011 keine Beeinträchtigungen. Weil sie den Arzt nicht kontaktiert hatte, sprach der Verteidiger von "schlampiger Arbeit".

Video aus dem Archiv:

ls/Oberbayerisches Volksblatt/redch24

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