Blinder klettert die Wände hoch

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Andy Holzer ist seit seiner Geburt blind und unternimmt trotzdem extreme Bergtouren. In Grassau sprach über seine Behinderung und die Herausforderungen, die sich für ihn ergeben. Zum Abschluss signierte er noch sein Buch "Balanceakt" und suchte das persönliche Gespräch mit seinem Publikum.

Grassau - Eindrucksvoll und faszinierend berichtete Andy Holzer aus Osttirol im voll besetzen Heftersaal über sein Leben als blinder Extrembergsteiger, der viele Hürden zu meistern hat.

Großen Applaus erntete er am Ende für seinen Vortrag, der weniger über Bergtouren und hohe Gipfel ging, sondern vor allem einen Menschen mit Handicap zeigte, der sich kühne Träume erfüllt - der Lebensfreude und Abenteuerlust ausstrahlt.

"Man wird in eine Welt entführt, in der keine Sonne scheint und es keinen Sinn macht aufzustehen. Du hörst die Kinder spielen und denkst, die Welt ist nicht für mich gemacht", begann der von Geburt an blinde Holzer seine Ausführungen. Er sei vor 45 Jahren "auf diesem Planeten gelandet", in einem 300-Seelen-Dorf in der Nähe von Lienz - in einem Ort, in dem es alles gegeben habe, nur keinen Platz für Behinderte.

Seine Eltern meisterten den Alltag mit zwei Kindern ohne Augenlicht, denn auch Andy Holzers Schwester kam blind zur Welt. Schon früh hätten seine Eltern erkannt, so Holzer, dass jedes Kind seine eigenen Erfahrungen machen müsse - und dass hierzu auch das Bergsteigen gehöre. Noch vor seiner Schulzeit sei er mit seinen Eltern in den Bergen umhergekraxelt.

Bereits mit vier Jahren habe er Radfahren können, erzählte der 45-Jährige. Orientiert habe er sich an den Nachbarszäunen und an dem Rattern der Spielkarten in den Speichen der Räder seiner Spielgefährten. Ebenso habe er bald das Skifahren gelernt. Auch in diesem Fall sei ihm sein Gehör zugute gekommen, denn er habe mit seinen Ohren stets feststellen können, wo sein Vater fuhr, ob eine Rechts- oder Linkskurve ansteht.

Besonders aber interessierte ihn der Langlauf, da er in der Loipe wie in Schienen dahingleiten konnte. Er lernte als Zehnjähriger 100 Kilometer Loipen auswendig. Nach ein paar unangenehmen Auffahrunfällen habe er sich schließlich entschieden, die Nacht zum Training zu nutzen. Auch Schlittschuhfahren konnte er schon als Kind. "Ich habe das Blindsein einfach vergessen", so Holzer.

Er wollte immer hinauf auf die Berge - und so nahm ihn dann Hans Bruckner mit. Aus Sorge sei damals seine Mutter mit 50 Jahren mitgegangen, so der blinde Sportler, und habe dann erfahren, wie schön eine Seilschaft sein kann. Mehrmals habe sie ihn auf seinen Touren begleitet. Holzer berichtete auch, wie er seine Frau kennenlernte und auch sie zum Klettern überreden konnte.

2004 habe er in den Dolimiten - in der Nordwand der Großen Zinne - einen ebenso blinden Kletterer getroffen: Eric Weinmayr aus Colorado. Seither verbinde beide eine tiefe Freundschaft.

2005 war Andy Holzer dann erneut in den Dolomiten unterwegs - und zwar in einer außergewöhnlichen Seilschaft. Neben ihm waren auch der blinde Eric Weinmayr sowie der Beinamputierte Hugh Herr mit von der Partie. In eindrucksvollen Filmaufnahmen zeigte Holzer, wie diese gehandicapte Dreiergruppe kletterte und tiefes gegenseitiges Vertrauen hatte, die Herausforderung meisterte und sich am Ende zufrieden über den großen Erfolg freute.

Holzer bestieg auch den Aconcagua, den mit knapp 7000 Metern höchsten Berg Südamerikas, mit einem Bergsteiger, der nur einen Arm zur Verfügung hatte. Wie eine "Kreatur mit vier Beinen, drei Armen und zwei Augen" seien sie geklettert, so der 45-Jährige.

Bis 2010 habe er sechs der "Seven Summits", der sieben höchsten Berge der Kontinente bestiegen. "Du kannst trainieren, wie du willst, und musst dennoch demütig sein, denn der Herrgott begleitet jede Seilschaft." Holzer riet den aufmerksamen Zuhörern, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. "Wenn ich all meine Schwächen auf den Tisch lege, bleiben nur mehr die Stärken übrig." Und weiter: "Uns sind keine Grenzen gesetzt, außer im Denken. Es gibt keine unvollkommenen Menschen, nur unvollkommene Technik."

tb/Chiemgau-Zeitung

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