"Fest geschlafen und nix gemerkt"

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Franz Walter hat alles verloren.

Marquartstein - Nach dem Großbrand am so genannten Hinterberger-Bau in der Ortsmitte sind die Bewohner immer noch fassungslos, aber auch dankbar für die Hilfsbereitschaft.

Einen Großbrand wie am so genannten Hinterberger-Bau in der Ortsmitte von Marquartstein hat es seit Jahrzehnten auch in den umliegenden Orten nicht gegeben, erinnert sich Zweiter Bürgermeister Günter Richter. In der Nacht vor Silvester war der Dachstuhl vom Mittelteil des U-förmigen Gebäudes so abgebrannt, dass nur noch ein verkohltes Gerippe übrig ist.

Von den insgesamt 34 Wohnungen im Gebäude sind 15 wegen der immensen Ruß-, Rauch- und Wasserschäden noch immer nicht bewohnbar. Zusätzlich sind einige der acht gewerblichen Einheiten stark betroffen: am stärksten im hinteren Teil des Gebäudes die Bekleidungsfirma März. Sämtliche hier gelagerte Ware kann nicht mehr verwendet werden. Auch das Friseurgeschäft im südlichen Seitenteil ist wegen der Löschwasserschäden derzeit nicht benutzbar, so dass der Betrieb nur in einem Wohnwagen vorübergehend weitergehen kann. Pizzeria, Sportgeschäft, Zahnarzt und Tierarzt aber können weiter in ihren Räumen arbeiten.

Wohnhaus geht in Flammen auf

Bernd Mutke, der geistesgegenwärtig die Hausbewohner alarmierte, in seiner Wohnung mit einem großen Loch in der Decke, das die Feuerwehr hackte, um weitere Glutherde zu entdecken.

Von den Bewohnern ist wohl der am schlimmsten Geschädigte Franz Walter, der eine Vier-Zimmer-Eigentumswohnung im zweiten Stock des mittleren Gebäudeteils bewohnte. Das Feuer griff vom Dachstuhl auf seine Wohnung über, sodass sie restlos ausbrannte. Der heute 75-Jährige war schon als Rentner 1993 in die Wohnung eingezogen, in die er sein ganzes Erspartes steckte. Walter, der bis heute in einem kleinen Appartment im Seniorenheim Haus Leopold Unterschlupf gefunden hat, kam nur knapp mit dem Leben davon. Er schlief noch tief, als plötzlich ein paar Männer vor seinem Bett standen und ihn hinaus auf den Flur und die Treppe hinunterbrachten.

Die Scheiben seiner Wohnung waren von der Hitze schon geborsten, "der Balkon brannte lichterloh und ich hab nix gemerkt", ist er noch immer ganz erschüttert. "Meine Hose hab ich grad noch erwischt" ("dawuschen" wäre Originalton), erzählt er. Im dünnen Pullover und Hausschuhen wurde der gehbehinderte Mann dann ins Freie und den Saal des Gasthofs "Prinzregent" geführt, wo schon viele andere Bewohner des Hauses eine erste Bleibe gefunden hatten.

Der Balkon der Nachbarwohnung von Mutke, die stark vom Feuer und dem Löschwasser beschädigt worden ist.

Alle waren geschockt, viele weinten, schildert Franz Walter die Situation. Der ehemalige Metzger ist voll des Lobes und tiefer Dankbarkeit für die umfassende Hilfe, die er gleich von so vielen erfuhr. Eine Frau brachte ihm Schuhe und warme Sachen. In seinem Zimmer im Seniorenheim steht ein kleiner Koffer mit den notwendigsten Sachen, die er geschenkt bekam. Auch mit seiner jetzigen Unterkunft ist er total zufrieden: "Alle sind so freundlich, das hätte ich nie gedacht. Und das Essen ist so gut, das müssen Sie unbedingt schreiben", sagt Walter.

Er ist froh, dass wenigstens seinem Auto in der Tiefgarage nichts passiert war. "Das brauch` ich unbedingt, weil ich nur mit einer Krücke gehen kann", erklärt er. Ein paar Tage später war Walter nochmal in seiner alten Wohnung, "alles verbrannt, Möbel, Fernseher, Fahrzeugschein, Führerschein, alles...", erzählt er mit Tränen in den Augen.

Fürs erste wird der alleinstehende Rentner auf Sachspenden angewiesen sein, besonders wenn seine Wohnung wieder aufgebaut ist, denn er und einige andere Bewohner hatten keine Hausratversicherung abgeschlossen. Die Brandversicherung für das gesamte Gebäude kommt nur für den Wiederaufbau und die Instandsetzung des Hauses auf.

Der Mann, dem wahrscheinlich nicht nur Franz Walter sein Leben zu verdanken hat, wohnt schon wieder in seiner Mietwohnung im dritten Stock im nördlichen Seitenteil des Hauses. Im Haus riecht es noch stark nach Rauch. Bernd Mutke ging in der Unglücksnacht etwa um 1.20 Uhr ins Bett, erzählt er, wurde aber etwa eine Viertelstunde später durch ein Knistern und lautes Krachen wieder hellwach. Er rannte ins Wohnzimmer und sah von der Balkontür aus im Hof ein Müllhäuschen und den Wohnwagen daneben lichterloh brennen - "wie bengalisches Feuer, das hat mich richtig elektrisiert", erzählt der 38-Jährige, der selbst bis vor zehn Jahren aktives Mitglied bei der Feuerwehr Marquartstein war. Vielleicht aus dem Grund erkannte er schlagartig die Gefahr und reagierte sofort.

Das Feuer hatte bereits auf den hinteren Teil des Gebäudes übergegriffen. Mutke setzte einen Notruf an die Einsatzzentrale ab, warf das Telefon weg und rannte aus der Wohnung, um die Bewohner des Hauses zu wecken. "Mit Händen und Füßen hab ich an die Türen ge-donnert und geklingelt." Zum Glück half ihm gleich ein Nachbar, der sich dann ebenso bemühte, möglichst viele Leute im Haus zu alarmieren und sie in Sicherheit zu bringen. Wie Bernd Mutke später erfuhr, hatte ein Bewohner aus dem Erdge-schoss schon vor ihm bei der Feuerwehr angerufen.

Die Wohnung von Bernd Mutke wurde zwar vom direkten Feuer verschont, dennoch sind in den Zimmerdecken fünf große, mit einer Plastikplane abgedeckte Löcher zu sehen: Feuerwehrleute hackten diese Löcher wie auch an anderen Stellen im Haus, um weitere Glutherde aufzuspüren. Noch in der gleichen Nacht wurde Mutke noch von der Polizei verhört. Er glaubt sicher, dass es sich um Brandstiftung handelt, weil das Feuer sonst nicht so schnell hätte ausbrechen können. Später sah er im Freien die Rückstände von Chinaböllern. Der Lagerist durfte seine Wohnung bereits am nächsten Tag wieder bewohnen, allerdings "auf eigene Gefahr", erzählt er.

Wohnhausbrand in Marquartstein

"Wenn der Regen nicht dazwischen gekommen wäre, wären schon am Donnerstag die verkohlten Balken am Hinterberger-Bau abgerissen und das Dach abgedichtet worden, sagt Karl-Heinz Neist, der Hausverwalter aus Grabenstätt. Auch er war noch in der Nacht zum Großbrand gerufen worden und bis zum Morgen geblieben. Mit der Organisation des Wiederaufbaus hat er wohl noch einige Zeit alle Hände voll zu tun. "Für die Eigentümer der Wohnungen wird kein finanzieller Schaden entstehen", versichert Neist, "wir haben eine gute Brandversicherung". Der Gebäudeschaden, auch die Trocknungsgeräte, die derzeit in vielen der Wohnungen in Betrieb sind, seien über die Brandversicherung abgedeckt, erklärt der Verwalter. Er bemüht sich auch in Zusammenarbeit mit der Gemeinde, dass den Bewohnern ohne oder mit nicht ausreichender Hausratversicherung geholfen wird.

Nach den Renovierungs- und Wiederaufbauarbeiten werde das inzwischen fast 25 Jahre alte Haus sogar besser dastehen, zum Beispiel besser isoliert sein als vorher, meint der Hausverwalter. Allerdings werden bis dahin wohl noch einige Monate vergehen.

Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung ist groß. Gabriele Heinrich von der Gemeinde Marquartstein verwaltet die Sachspenden. "Als der Spendenaufruf in der Zeitung war, hat das Telefon die ganze Zeit geklingelt", erzählt sie. In ihrem Büro schreibt sie alle Spendenangebote auf. Erst wenn die Wohnungen wieder beziehbar sind, wird sich herausstellen, was wirklich gebraucht wird.

Die Kriminalpolizei Traunstein war bereits in der Nacht des Großbrands vor Ort und sicherte Spuren. Nach Auskunft des Pressesprechers des Polizeipräsidiums in Rosenheim, Robert Radt, liegen bis jetzt noch keine nennenswerten Ergebnisse der Ermittlungen vor. Nach wie vor bittet die Polizei die Bürger um sachdienliche Hinweise.

Cihemgau-Zeitung

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