"Der Roman" ist da

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Nach 58 Jahren haben sie sich wieder getroffen. Georg Baumgartner (rechts) und Roman Sachko sitzen wieder gemeinsam auf der Hausbank. Nach Kriegsende fand Roman bei den Baumgartners ein neues Zuhause. Heute lebt der gebürtige Ukrainer in Amerika, in der Nähe von New York und besuchte die Baumgartners.

Grassau - Viel hat sich geändert. Grassau ist sehr groß geworden und viele Menschen, die nach dem Krieg sein Leben prägten, sind gestorben .

Diese Beobachtungen machte dieser Tage Roman Sachko, der 1945 auf dem Nagerhof ein neues Zuhause gefunden hatte, 1951 nach Amerika auswanderte und nun nach 58 Jahren seinen Urlaub mit seinen zwei Töchtern auf dem Bauernhof verbringt.

Georg Baumgartner war damals gerade einmal sieben Jahre alt. Und Roman Sachko war 17, als er als junger Ukrainer auf den Hof in Grassau kam. Der heute 81-jährige Sachko war im Frühjahr 1944 von der deutschen Wehrmacht aus seinem Dorf in der Ukraine verschleppt worden und musste dann mitmarschieren. Er musste die Streitkräfte unterstützen und gelangte so unfreiwillig bis nach Köln. Dann musste sich die Wehrmacht vor den Amerikanern zurückziehen. Und dann kamen er und ein zweiter Ukrainer nach Grassau. Auf dem Nagerbauernhof wurde in dieser Zeit jede Hand für die schwere Arbeit im Stall, auf dem Feld und der Alm benötigt. Sachko lebte mit und in der Familie. Fleißig sei er gewesen, der Roman, erinnert sich Georg Baumgartner, der Sohn des Nagerbauern. Viele schöne Erinnerungen verbindet der Amerikaner mit seinem Zuhause auf dem Bauernhof. Noch heute sind ihm die Bilder von Leonhardiritten, an denen er hoch zu Ross teilnahm, von Almtänzen und den anderen Feiern im Gedächtnis. "Ein fescher Bursche sei der Roman gewesen und auch tanzen konnte er gut", wusste Georg Baumgartner aus Erzählungen seiner Geschwister.

Die beiden Ukrainer hatten sich auch nach dem Krieg immer noch vor den Russen gefürchtet. Und so reifte schließlich der Entschluss, nach Amerika zu gehen. 1951 war's dann so weit. An die Fahrt auf dem ausgedienten Militärschiff kann sich Roman noch genau erinnern. Ihm sei die ganze Fahrt über speiübel gewesen. Selbst in Amerika hat der damals 23-Jährige weiterhin den Kontakt zu "seiner bayerischen Familie" aufrecht gehalten. Sie schrieben sich immer wieder Briefe. Und Roman versorgte die Familie mit Paketen aus Amerika, gefüllt mit Schokolade und Kaffee. Aber auch Bekleidung schickte der treue Hofhelfer. So existiert heute noch ein Foto zur Einschulung der Schwester von Georg Baumgartner, die damals ein Jäckchen aus Amerika trug. Mit Hilfsarbeiten verdiente sich Roman seinen Lebensunterhalt und lernte schließlich das Handwerk des Kunstschmieds. Nach einigen Jahren aber brach der Kontakt ab. Erst vor 20 Jahren wurde die damalige Zeit wieder wachgerufen, als auf dem Hof der Baumgartners eine junge Frau auftauchte und erklärte, ihr Vater habe hier einige Jahre gelebt. Die Rede war von Roman Sachko, der 1960 in Amerika geheiratet hatte. Der Vater hatte zuhause viel von den Baumgartners, dem Leben auf dem Hof und der Grassauer Gegend berichtet und so seine Tochter neugierig gemacht.

Von da an war der Kontakt wieder hergestellt. Man telefonierte miteinander, schrieb sich Briefe und Georg Baumgartner wurde nicht müde, auch Videoaufnahmen von Grassau, dem Bauernhof und seiner Familie zu machen. Alle Fotos aus "good old germany" sammelte Roman und hängte sie in seinem Zuhause in New York auf. Zum 80. Geburtstag von Roman Sachko schließlich erging an Georg und Maria Baumgartner die Einladung, nach Amerika zu kommen. Doch mit nur mäßigen Englischkenntnissen traute sich das Paar nicht so recht. Im vergangenen Jahr aber unternahm Elisabeth ihre Hochzeitsreise in das ferne Amerika - da sie nahm ihre Eltern mit. Und Georg und Maria Baumgartner sowie Roman Sachko feierten schließlich ein Wiedersehen nach 58 Jahren. Sachko ist nun nach Grassau zurückgekehrt. Er wohnt in dem gleichen Zimmer, in dem er nach dem Krieg lebte. Noch heute sind Brandspuren von Romans Zigaretten auf dem Holzboden zu finden. Wie verwurzelt Sachko noch heute in Grassau ist, beweist, dass er noch immer Deutsch sprechen kann und vieles versteht, was gesprochen wird. Auch muss er einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, denn "den Roman" kennen noch alle Baumgartner-Kinder und die Verwandtschaft.

tb/Chiemgau-Zeitung

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