ESC: Haftbefehle nach Beinahe-Pleite

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Der Firmensitz der ESC GmbH in Grassau. Die ESC entwickelte sich innerhalb der Katek-Gruppe, die wiederum eine Tochter des Rosenheimer Antennenherstellers Kathrein ist, zum Elektronik-Service-Dienstleister. Das Unternehmen beschäftigt eigenen Angabe zufolge 60 Mitarbeiter.

Grassau - Drei ehemalige hochrangige Mitarbeiter der Grassauer ESC GmbH sind festgenommen worden. Grund: Sie sollen eine zweistellige Millionensumme veruntreut haben.

Unternehmer Anton Kathrein kann es immer noch nicht fassen. "Ich bin noch nie in meinem Leben so ausg'schmiert worden! Das tut nicht nur finanziell weh!" Allein seinem Renommee und seinem Einsatz sei es zu verdanken, dass es die ESC (Electronic Service Chiemgau) GmbH in Grassau überhaupt noch gebe. "Diese Firma habe ich gerettet! Sonst hätten die Banken doch gar nicht mehr mitgespielt!" Umso härter treffe ihn daher die "Schmutzkampagne" einiger ehemaliger Mitarbeiter, die das Gerücht in Umlauf setzen würden, er, Kathrein, wolle die Firma schließen.

Dass es überhaupt so weit kam, dass in den vergangenen Wochen in der ESC GmbH massiv umstrukturiert werden musste (wir berichteten), ist auch die Folge von Vorgängen, deren Höhepunkt gestern die Festnahme dreier ehemaliger ESC-Mitarbeiter bildete. Die Staatsanwaltschaft München II als sogenannte zuständige Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen bestätigte auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen, dass derzeit ein "Ermittlungsverfahren in Zusammenhang mit Untreuedelikten zum Nachteil der Kathrein-Gruppe" laufe.

Der Unternehmer und Kommerzialrat Prof. Prof. Dr. Dr. h. c. Anton Kathrein greift bei der ESC GmbH derzeit hart durch.

Konkret wird den drei Festgenommenen - dem ehemaligen Betriebsleiter, der ehemaligen Personalleiterin sowie einem weiteren Mitarbeiter - zum einen vorgeworfen, unbefugterweise Finanzgeschäfte getätigt zu haben, wodurch dem Unternehmen ein Verlust von 13 Millionen Euro entstanden sei. Zudem, so lautet der zweite Vorwurf, sollen die drei Beschuldigten die Buchhaltung und die Bilanzen so manipuliert haben, dass die Firma nach außen hin schwarze Zahlen geschrieben hat. Angesichts eines tatsächlichen Verlusts versteuerte die ESC laut den bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft daher 1,7 Millionen Euro zu viel. Den geschönten Bilanzen verdankt der ehemalige Betriebsleiter des Unternehmens auch eine unrechtmäßige Bonuszahlung: Laut Staatsanwaltschaft ließ er sich 200000 Euro als Gewinnbeteiligung auszahlen. Der letzte Vorwurf schließlich nennt sich "Zahlung ohne Rechtsgrund an einen der Beschuldigten": 50000 Euro wurden dafür aus der Firmenkasse entnommen.

Wie lange das Trio sein Unwesen trieb beziehungsweise wie es überhaupt zueinander fand, ist bislang noch unklar. Laut Anton Kathrein wusste in seiner Rosenheimer Unternehmenszentrale jedenfalls lange Zeit niemand von den Unregelmäßigkeiten bei der ESC. Gegen Ende des vergangenen Jahres muss dann aber das buchhalterische Kartenhaus zusammengebrochen sein - und Kathrein erstattete Anzeige.

Grundsätzlich, so sagt Kathrein heute, hätte er die Firma angesichts ihrer desolaten Finanzlage auch schließen können. "Doch ich glaube an das Geschäftsmodell, diese Firma hat eine Zukunft!" Aus diesem Grund habe er von der Stammbelegschaft des Elektronikdienstleisters, der 1983 als selbstständiges Mitglied der Kathrein-Gruppe gegründet wurde, niemanden entlassen.

Was sich der Unternehmer, Honorarprofessor und Rosenheimer Stadtrat deshalb auf keinen Fall weiterhin bieten lassen will, ist die Verbreitung von Unwahrheiten über seine Rolle bei den ESC-Restrukturierungsmaßnahmen: "Ich habe deshalb auch schon Anzeige gegen Unbekannt wegen Rufschädigung erstattet." Besonders regt sich Kathrein über die anonymen Schreiben auf, die - verschickt an verschiedene Medien der Region - unter anderem eine Schließung der ESC in Grassau ankündigten und die aktuellen Betriebsleiter Volker Gahmann und Armin Stangl sowie den Kathrein Finanz-Chef Norbert Schindler massiv angreifen. Ein Flugblatt, unterzeichnet von "besorgten Mitarbeitern", etwa liest sich so: "Gahmann, Stangl, Schindler, wir wollen keine Schwindler! Ihr schafft nur von hier die Arbeit fort und haltet auch nicht Euer Wort! Wir wollen keine Lügen mehr! Bringt uns die Arbeit wieder her!"

Unabhängig von den persönlichen Verletzungen werden sich die Ermittlungen in München in den kommenden Wochen weiterhin nur auf den Vorwurf der Untreue konzentrieren. Ergeben sie, dass die Vorwürfe zu Recht erhoben wurden, werde Anklage erhoben. Eine entsprechende Verhandlung finde dann am Landgericht München II statt. "Das", so erklärt Ken Heidenreich von der Münchener Staatsanwaltschaft, "dauert aber noch". Die drei ehemaligen ESC-Mitarbeiter jedenfalls sitzen seit gestern in U-Haft.

Stefanie Zipfer/Oberbayerisches Volksblatt

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