Jedes vierte Mädchen ist Missbrauchsopfer

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Marquartstein - Mit einem anschaulichen Fallbeispiel wurde an der Heimvolksschule Niedernfels der Elternabend zum Thema "Sexueller Missbrauch - ein alltägliches Delikt" eingeläutet.

"Eine Familie geht mit ihrer 13-jährigen Tochter zum Nacktbadestrand. Der Onkel fotografiert das Mädchen. Wie beurteilen Sie die Situation? Ist das sexueller Missbrauch?" Mit diesem Fallbeispiel hat Birgit Berwanger gleich zu Anfang des Elternabends zum Thema "Sexueller Missbrauch - ein alltägliches Delikt" die vielen Besucher in der neuen Aula der Heimvolksschule Niedernfels zum Nachdenken und Mitdiskutieren gebracht. Der Verein zur Förderung von Kindern und Jugendlichen in Marquartstein hatte die Veranstaltung auf Anregung von Erzieherin Friederike Röthlein organisiert.

Birgit Berwanger ist Diplompsychologin und Leiterin der Projektstelle "Prävention gegen sexuelle Gewalt" am Schulpastoralen Zentrum Traunstein, eingerichtet von der Erzdiözese München und Freising. Sie ist im Frauenhaus in Rosenheim tätig und organisiert Fortbildungen zum Thema sexuelle Gewalt für Lehrer, Eltern oder Schüler in verschiedenen Klassenstufen. Berwanger ist außerdem als Psychologin im Krisenteam der katholischen Kirche, seit der Missbrauch katholischer Geistlicher aufgearbeitet werden soll.

Die Referentin erklärte, dass es manchmal nicht eindeutig sei, wann sexuelle Gewalt beginnt, dass sie aber nach der neueren Rechtssprechung nicht unbedingt mit körperlichem Kontakt zu tun haben müsse, sondern in vielen Formen auftreten könne. Als Beispiel nannte sie Exhibitionismus, verbale Belästigungen und das gemeinsame Ansehen von Pornographie. Bei sexuellem Missbrauch gehe es immer um die Instrumentalisierung des Kindes zur Befriedigung von Bedürfnissen des Täters.

Erschrocken zeigten sich die Zuhörer über die Statistik: Jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Bub wird im Alter meistens zwischen sechs und 13 Jahren, manchmal auch deutlich jünger, sexuell missbraucht, nannte Berwanger die neuesten Zahlen. In Deutschland wurden 2010 insgesamt 11.319 Fälle angezeigt, in Bayern jährlich rund 3000, wobei Fachleute von einer um 20-mal höheren Dunkelziffer ausgehen. Das liegt vor allem daran, dass die Täter meistens aus dem Familien- und Bekanntenkreis des Kindes kommen, so dass beim Opfer und auch den Eltern häufig starke psychische Barrieren vorhanden sind, den Missbrauch überhaupt zu erkennen.

"Beste Prävention ist richtige Erziehung"

Die Zuhörer interessierte vor allem die Frage, warum die zu etwa 95 Prozent männlichen Täter sexuellen Missbrauch begehen, obwohl nach Studien nur zehn Prozent davon pädophil (wenn Personen vor Beginn der Pubertät als Liebesobjekt begehrt werden) veranlagt sind. "Es geht immer um Erniedrigung von Kindern, das Gefühl der Macht auszuleben", so die Referentin. Es gebe aber kein eindeutiges Täterprofil. Täter kämen aus allen Schichten, etwa ab 14 Jahre bis ins hohe Alter, sie seien oft Vertrauens- oder Respektpersonen.

"Die beste Prävention ist die richtige Erziehungshaltung", antwortete sie auf die Frage, was man tun könnte. Wichtig sei, dass ein Kind Vertrauen in die eigenen Gefühle entwickeln könne, es ernst genommen werde: wenn es zum Beispiel vom Essen satt ist, etwas nicht mag, zum Beispiel Berührungen. Möglichst früh sollten Kinder auch in einer altersgemäßen, wertschätzenden Sprache lernen, Körperteile zu benennen. Oft sei es einem Opfer sexueller Gewalt nicht nur aus Scham gar nicht möglich, von einem sexuellen Übergriff zu erzählen, weil es einfach keine Worte dafür habe. Gut, um das Thema anzusprechen, seien auch Bilderbücher.

Für wichtig hielt es Berwanger auch, den Kindern frühzeitig klar zu machen, dass es gute und schlechte Geheimnisse gebe. Denn Täter versuchten immer durch Druck, ihre Opfer zur Geheimhaltung zu zwingen.

Angeregt diskutierten die Zuhörer, wie man bei einem Verdachtsfall am besten reagieren sollte. Die Referentin riet vor allem, dem Kind immer zu glauben, denn oftmals würden Äußerungen nur als kindliche Fantasien abgetan. Keinesfalls solle man aufgeregt und zu schnell reagieren, sondern sich zuerst professionelle Hilfe in einer der zahlreichen Beratungsstellen holen. Diese unterliegen der Schweigepflicht und behandeln Vermutungen und Hinweise vertraulich. Sexueller Missbrauch ist eine Straftat, wobei Privatpersonen nicht grundsätzlich verpflichtet sind, sie anzuzeigen.

re/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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