"Keine 100-prozentige Sicherheit"

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Glimpflich verlief dieser Murenabgang am Grenzübergang Kiefersfelden im Jahr 2000: Nach heftigen Regenfällen rutschte unmittelbar neben einem Wohnhaus ein Hang ab und machte die Straße unpassierbar.

Landkreis - Das schreckliche Unglück in Stein an der Traun hat in ganz Deutschland Betroffenheit ausgelöst - besonders auch in den Gebirgsregionen! Kann sich eine solche Tragödie wiederholen? **Die Felssturz-Tragödie in Stein a.d. Traun**

Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen die Menschen in der Gebirgsregion das Schicksal der vierköpfigen Familie - vielleicht auch deshalb, weil man dort ebenfalls gelernt hat, mit Felsrutschen und Murenabgängen zu leben.

Die Felssturz-Tragödie in Stein an der Traun

Eigentlich hatten sich für gestern die Geologen des Landesamts für Umwelt im Rosenheimer Landratsamt angesagt. Sie wollten die frisch abgeschlossene Gefahrenhinweiskarte für den Landkreis Rosenheim vorstellen. Doch der Termin wurde abgesagt: Die Experten sind nach Stein an der Traun beordert worden. Sie sollen herausfinden, was die Ursache für den Felssturz war.

Genau um solchen Unglücksfällen vorzubeugen, hat das Landesamt für Umwelt das Projekt "Georisiken im Klimawandel" auf den Weg gebracht. Dafür wurden alle Informationen zu Hangbewegungen im bayerischen Alpenraum zusammengetragen, Messdaten wurden erhoben und Modellrechnungen angestellt. Die Ergebnisse sind in einer Gefahrenhinweiskarte zusammengefasst, die für Gemeinden und Ämter als Planungsgrundlage dienen soll.

Die Daten stellten Geologen des Amts bereits vergangene Woche bei einer Informationstour durch die Rathäuser im Inntal vor. Demnach gibt es auch im Landkreis Rosenheim Hunderte von Stellen, an dem Hänge gefährdet sind, wo sich Steinschläge und Erdrutsche ereignen könnten. Doch die meisten befinden sich weitab von bebauten Bereichen, unzugänglich im Bergwald.

Dicht gesät sind entlang des Alpenkamms die Warnhinweise der Geologen. Auch im Inntal gab es immer wieder Erdrutsche. Einige große Felsbrocken kamen beispielsweise Anfang der 90er-Jahre am Kirnstein im Gemeindegebiet Flintsbach ins Rollen.

Ein Gebiet, in dem es immer wieder zu kleineren Rutschungen kommt, ist das Jenbachtal bei Bad Feilnbach. "Wir wissen, dass das eine sensible Stelle ist. Darum wird das Jenbachtal auch laufend überwacht", erklärt Josef Mayr, Geschäftsführer der Gemeinde. Um mögliche Gefährdungen für den Ort auszuschließen, erneuert das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim gerade für 1,6 Millionen Euro eine Sperre im Flussbett. Sie soll den Ort schützen, falls sich bei einem Murenabgang im Bachbett das Wasser aufstaut. Weitere gefährdete Bereiche in der Gemeinde befinden sich fern von besiedeltem Gebiet.

"Wir in Flintsbach können ruhig schlafen", meint auch Bürgermeister Wolfgang Berthaler. Es gäbe zwar in Flintsbach labile Hänge, doch die befänden sich - "Gott sei Dank" - nur im Bergbereich.

Auch in Brannenburg stellte das Landesamt die neuen Karten vor. Wirklich Neues konnten die Geologen der Gemeinde aber nicht berichten. "Wir wussten natürlich schon vorher, dass wir vor allem zwei gefährdete Bereiche haben", erklärt Bürgermeister Mathias Lederer. Am Schrofen hat es bereits vor 150 Jahren einen massiven Bergsturz gegeben. Hier befindet sich aber keine Bebauung, die gefährdet sein könnte, so Lederer.

Anders verhält es sich mit dem zweiten Bereich, der Biber. Doch sie steht als Naturdenkmal unter besonderer Beobachtung. So wurde hier erst vor wenigen Jahren ein gefährdeter Stein saniert. Die Gemeinde achtet nach Lederers Angaben auch genau darauf, dass Bäume nicht zu hoch wachsen: "Wenn die Bäume zu groß werden, können enorme Hebelkräfte auf die Wand wirken. Deshalb schneiden wir den Bewuchs immer rechtzeitig zurück."

Der Oberaudorfer Bürgermeister Hubert Wildgruber bescheinigt den Geologen, sich viel Mühe gemacht zu haben: "Da wurde nicht nur kurz auf die Karte geschaut, die Experten haben bei uns in der Gemeinde die fraglichen Stellen selbst in Augenschein genommen." Auch hier gibt es labile Bereiche. So kommt es am Sudelfeld immer wieder zu kleineren Steinschlägen. Und in der Rosengasse steht eine Hangrutschung unter Beobachtung der Geologen.

"Vorzeichen nicht ignorieren"

Doch auch in Oberaudorf gibt es Wohnhäuser an exponierter Stelle: Am Fuß des Schlossbergs befindet sich eine jahrzehntealte Wohnbebauung. "Das ist natürlich alles überprüft", versichert Wildgruber. 100-prozentige Sicherheit könne es aber nie geben, ist er überzeugt. Deshalb warnt er davor, Vorzeichen zu ignorieren: "Wenn irgendwo ein paar kleine Steine herunterfallen, ist das immer ein Zeichen, dass man dort etwas tun muss."

Das Thema spielt auch in Neubeuern eine große Rolle. Der Ort befindet sich auf und rund um einen hohen Felsen. "Bei uns gibt es sensible Bereiche über öffentlichen Wegen und auch über Wohnbebauung", berichtet Bauamtsleiter Karl-Heinz Salzborn. Um Gefährdungen auszuschließen, hat die Gemeinde eigens einen Geologen beauftragt, der die fraglichen Stellen regelmäßig überprüft. Zuletzt war der Experte im Herbst 2009 unterwegs, so Salzborn. Dabei wird nach neuen Rissbildungen gesucht, die mit Gipsmarken versehen werden. Bei einem späteren Nachgang kann man anhand der Markierungen sehen, ob sich die Risse bewegt haben. Drohen Gefahren, wird die entsprechende Stelle mit Netzen oder Felsankern gesichert. "Bis jetzt sind wir verschont geblieben - Gott sei Dank", so Salzborn. Doch bei allem Aufwand, den Neubeuern betreibt, weiß auch der Bauamtsleiter, dass immer ein gewisses Restrisiko bleibt. "Völlig sicher kann man nie sein. Auch ein Geologe kann letztendlich nicht sagen, was sich tief unter der Erde tut."

Klaus Kuhn (Oberbayerisches Volksblatt)

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