Achental: Hans Schneider auf Achse

Von morgens bis abends zu Fuß mit Hund Nicki auf dem Weg

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Der Marquartsteiner Hans Schneider ist jeden Tag oft zehn Stunden lang mit seinem Hund Nicki unterwegs.

Marquartstein/Achental - Der Marquartsteiner Hans Schneider ist mit seinem Hund Nicki täglich auf Achse

Es dürfte kaum einen langjährigen Einwohner des Achentals geben, der Hans Schneider mit seinem kleinen, struppigen Hund Nicki nicht kennt. Bis zu zwölf Stunden ist der heute 71-Jährige immer noch täglich mit seinem treuen Begleiter unterwegs - und das sogar unglaublich lange Strecken von seinem Heimatort Marquartstein aus bis nach Reit im Winkl, Siegsdorf oder auch Bernau und Prien. Selten fährt er mit dem Bus, manchmal auf dem Rückweg. 


Fast hätte Schneider seine Wohnung verloren 

Seit Jahrzehnten lebt Hans Schneider mit einem Hund zusammen. Besonders nach dem frühen Tod seiner Mutter Resi im Jahr 1980 war ein Vierbeiner stets sein treuer Begleiter. Sein erster Hund war für den damaligen Gemeindearbeiter der Mischlingshund Micki, der aber 1994 mit immerhin 16 Jahren starb. In dieser Zeit hätte es für Hans beinahe ein persönliche Katastrophe gegeben: Im Oktober 1993 war Schneider in das neu erbaute Haus der Gemeinde an der Burgstraße gezogen, wo fünf Sozialwohnungen untergebracht sind. Ausnahmsweise durfte Hans seinen alten Hund mitnehmen, aber ein neuer war nicht gestattet, da die Gemeinde Verschmutzung, Beschädigungen des Gebäudes und Beschwerden wegen Ruhestörung befürchtete. Als aber Hans´ geliebter alter Hund Micki kurz nach Einzug in die neue Wohnung starb, war Hans untröstlich. Freunde schenkten ihm deshalb gleich wieder eine kleine, weiße Mischlingshündin namens Bärli. Sobald jedoch die Gemeinde mit ihrem damaligen Bürgermeister Matthias Dögerl von dem neuen Hund erfuhr, erhielt Schneider Abmahnungen und die Drohung, die Wohnung zu verlieren, wenn er den Hund nicht unverzüglich wieder abgebe. Schneider war verzweifelt, erzählte allen Bekannten, vor allem Hundebesitzern, von seinem Elend und wäre bereit gewesen, notfalls auf seine Wohnung zu verzichten. „Lieber hätte ich im Wald oder unter einer Brücke geschlafen, als Bärli wieder herzugeben“, erinnert sich Hans. 

Unvergleichliche „Rettungsaktion“ 

Da begann eine unvergleichliche „Rettungsaktion“: Der Tierschutzbund versicherte Schneider, man könne ihm seinen Hund nicht einfach wegnehmen und sagte Hilfe zu. Freunde und Bekannte sammelten Unterschriften für einen Brief an die Gemeinde, ein Arzt schrieb ein Attest, dass es für Hans´ Gesundheit dringend notwendig sei, dass er wegen seines Bluthochdrucks viel draußen unterwegs sei. Zuguterletzt riet der langjährige Marquartsteiner Gemeinderat, Willi Stein, selber Hundeliebhaber, sich doch mal an die Presse um Hilfe zu wenden. Die örtliche Berichterstatterin schilderte die Situation der Beiden so herzzerreißend, dass offensichtlich bei vielen Mitleid geweckt wurde. Denn nach dem Artikel in den örtlichen Zeitungen nahm sich sogar die Bildzeitung der verzweifelten Geschichte von Hans und Bärli an. Nachdem einige Marquartsteiner dafür bürgten, dass die Hundesteuer immer pünktlich bezahlt werde und Hans Schneider hoch und heilig versprach, dass sein Hund stubenrein und er selber etwaige Verschmutzungen auf der Treppe sofort beseitigen würde, ließen sich Bürgermeister und Gemeinderat schließlich umstimmen. Aus dem Grund zieht Hans Schneider auch nach Bärli´s Tod 2007 noch heute glücklich mit Nicki, einem ebenso struppigen, aber sehr gescheiten Hund aus Portugal zusammen durch die Gegend. Für Nicki ist Hans Schneider bis heute nichts zu teuer, und er kauft nur die besten Schmankerl zuerst für seinen Hund ein. 


Kindheit und Jugend in Marquartstein

1948 in Marquartstein als Johann Schneider und ältestes von drei Kindern geboren, lebte er hier von Kindesbeinen an. 1953 kam Bruder Georg zur Welt, der Zeit seines Lebens geistig behindert war und 2006 starb. Auch die 1956 geborene Schwester Renate starb bereits 2003. Die Last der Erziehung der drei Kinder lag früh fast ausschließlich auf den Schultern der Mutter Resi, Jahrgang 1917. Denn der zwei Jahre jüngere Vater Hans, Gelegenheitsarbeiter, unter anderem bei der Firma Körting, starb schon 1957 als der Älteste gerade mal neun Jahre alt war. Die Mutter arbeitete von früh bis spät, um die drei kleinen Kinder durchzubringen, meistens als Bedienung, zum Beispiel beim Gasthof Prinzregent oder zur Aushilfe beim Hofwirth zur Post. Mutter Resi nahm sogar noch ein viertes Kind an, nämlich Ruppert, genannt Rudi, der später eine Lehre zum Konditor im Cafe´ Marquart machte. Er war der Sohn ihrer Münchner Freundin, die wegen ihrer Arbeitsstelle eine Betreuung für ihren Sohn brauchte. Bei ihrer Arbeit kam Resi viel mit den damaligen „Sommerfrischlern“ in Marquartstein in Kontakt, die oft Wochen lang hier die Ferien verbrachten, wie zum Beispiel der Komponist Richard Strauss oder seine späteren Schwiegereltern de Ahna. Natürlich spielten auch Resis Kinder viel zusammen mit den Urlauberkindern, oft von früh bis spät. Vielleicht aus dem Grund spricht Hans Schneider nicht nur bayrisch, sondern auch ein perfektes Hochdeutsch, nämlich immer dann, wenn er meint, dass er es mit einer/m „Preißn“ zu tun hat. Nach der Volksschule in der Marquartsteiner Burgschule war Hans Schneider überwiegend als Arbeiter, unter anderem bei der Gemeinde Marquartstein tätig, allerdings aus gesundheitlichen Gründen bald nur in Teilzeit, so dass er früh auf Sozialhilfe angewiesen war. 

Von Hundeliebhabern und Hundehasser 

Bei Hans´ unermüdlichen Streifzügen, die oft erstmal dem Achendamm entlang beginnen, können Herr und Hund viel erleben, was Schneider gerne lebhaft erzählt. Weil er so viel unterwegs ist, kennt er viele Einheimische und genießt die kleinen Schwätzchen, vor allem natürlich mit anderen Hundebesitzern. Grundsätzlich grüßt Hans alle Bewohner seines Heimatortes, aber es gibt auch einige, die ihn demonstrativ nie zurück grüßen, darunter eifrige Kirchgeher. Er vermutet, dass diese Leute entweder keine Hunde mögen oder aber ihm seine Verachtung zeigen wollen, weil sie ihn für einen unnützen Dorfstreicher halten. Unangenehm ist es auch, wenn immer mal wieder einige Leute, meist Jugendliche, sich einen Spaß daraus machen, den Hund oder ihn selbst zu ärgern, weil sie anscheinend meinen, „der kann sich sowieso nicht wehren“. Aber insgesamt gehört Hans Schneider zum Dorfbild und die meisten Leute sind freundlich zu ihm. Immer wieder findet er welche, die ihm helfen und seinen Hund abnehmen, wenn er – wie vor einigen Monaten – wegen eines Schlaganfalls für einige Wochen ins Krankenhaus und auf Reha musste. Von einem Tag auf den anderen gab das Rauchen auf und trank (beinahe) kein Bier mehr. Eine Zeitlang war Hans daraufhin nur noch mit Rollator und Hund zu sehen, aber inzwischen hat er sich so gut erholt, dass er beinahe wieder so lange Strecken wie früher zurücklegen kann. Ein Zubrot verdient er sich ab und zu, indem er Leuten bei der Gartenarbeit hilft oder andere leichte Arbeiten übernimmt. Und gar nicht auszudenken ist es für ihn, wenn er mal nicht mehr unterwegs sein könnte: „Das wäre das Allerschlimmste für mich“. 

Christiane Giesen

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