Franz von Sales-Heimvolksschule Marquartstein

„Wir haben zig Eltern, die kein Geld mehr haben“

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Schulchef Christian Auer vorschriftsmäßig mit Maske, demonstriert die umfangreichen Vorsichtsmaßnahmen der Schule in Zeiten des Lockdown.

Marquartstein - Rektor Christian Auer berichtet über die umfangreichen Schutz-Maßnahmen in der Heimvolksschule, sowie über die oft schwierige Lage der Familien in der Corona-Krise.

Das Pädagogische Zentrum Schloss Niedernfels gehört zu den wenigen Schulen in Bayern, in der während der gesamten Corona-Krise immer bis zu 20 Schüler untergebracht waren. Denn die Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge mit derzeit rund 240 angemeldeten Schülern (und insgesamt 118 Mitarbeitern) beherbergt neben der Volks- und Mittelschule, Hort und heilpädagogischer Tagesstätte auch ein Internat für Gruppen mit Notbetreuung von Kindern und Jugendlichen, die vom Jugendamt zugewiesen werden. Sie müssen daher rund um die Uhr, auch am Wochenende, betreut werden. Als vor gut sieben Wochen „alle daheim bleiben mussten“, wie es hieß, waren immer noch rund 10 bis 20 Schüler im Alter von 6 bis 18 Jahren in der Einrichtung untergebracht, weil sie aus unterschiedlichen Gefährdungsgründen nicht daheim bleiben konnten. 


Neue „Kohortenregelung“ 

Bis heute leben die Jugendlichen hier in Gruppen zwischen fünf und sieben Schülern nach der „Kohortenregelung“ – ein von den Aufsichtsbehörden neu erfundenes Wort. Innerhalb der Gruppe bewegen sie sich „normal“ ähnlich wie in einer Familie ohne Maske und Abstandsregelung, sobald sie auf den Gängen oder im Freien mit anderen zusammentreffen, greifen die üblichen Regeln. Innerhalb der Schule gibt es zahlreiche Desinfektionsmittelspender, in den Treppenhäusern Einbahnregelungen, außerdem auf dem Boden aufgezeichnete Symbole, die an die Abstandsregeln erinnern. Zunehmend mehr Schüler kommen seit dem 27. April für die Notbetreuung zur Schule, wenn zum Beispiel ein allein erziehendes Elternteil in einem „System relevanten“ Beruf, zum Beispiel als Krankenpfleger, Verkäuferin oder Polizist arbeitet. Oftmals schwierig sei das bei den Erstklässlern, erzählt der Schulleiter, weil sie oft kaum zum Einhalten der Abstandsregeln zu bringen seien. In einem Fall – bei einem stark von ADHS betroffenen Kind aus einer besonders von Corona gefährdeten Familie – musste der Schulleiter sogar das Jugendamt einschalten, um zu entscheiden, ob das Kind an der Schule bleiben könnte. 

Privatgelände häufig mit Fremden 

„Ein Problem in Zeiten des Abstandsgebotes ist es, dass besonders am Wochenende, aber auch während der Schulzeit, häufig Wanderer und Spaziergänger, die zum Beispiel auf die Hochplatte wollen, einfach das Privatgelände des Pädagogischen Zentrums als Abkürzung benützen“, erzählt Christian Auer. „Absperrschranke und Verbotsschilder nützen kaum“. Wenn man die Leute anspreche, werde erklärt, „das ist doch viel kürzer“. Im Freien dürfen die Kinder innerhalb ihrer Gruppe ohne Maske spielen – wenn plötzlich die Fremden auftauchen – wie kann dann Abstand auf vernünftige Weise eingehalten werden? ist das Problem für die Betreuer. 


Fehlende Laptops 

Ein weiteres gravierendes Problem aus der Praxis sind die fehlenden Laptops oder Tablets. Zwar besitzen heute alle Schüler mehr oder weniger hochwertige Smartphones, die teilweise auch für den digitalen Unterricht verwendet werden können, weiß der Schulleiter, aber meistens ist das Datenvolumen viel zu klein. Dringend würde die Schule deshalb rund 20 einfache Tablets benötigen, die innerhalb der Schule von unterschiedlichen Schülern für den Digitalunterricht benützt werden könnten. Für hochwertige Geräte gebe es zwar vom bayerischen Staat Fördertöpfe, aber einfache Geräte würden genügen. Christian Auer hofft daher eher auf großzügige Spender, die möglichst schnell die Anschaffung der dringend notwendigen Geräte möglich machen. Dabei könnten leider aus Datenschutzgründen nicht einfach gebrauchte Laptops verwendet werden, auch weil die Lizenzen unterschiedlich seien.

Für viele schwierige finanzielle Lage 

Der Schulleiter ist überzeugt, dass die Krise nicht in ein paar Wochen beendet ist, und auch in der Folgezeit der Unterricht nicht mehr so ablaufen wird wie vorher. „Das digitale Lernen wird sicherlich weiter ausgebaut“, ist Auer überzeugt. Aber auch das stellt ein Problem für viele Eltern dar. Die Schule erfährt hautnah, dass die Corona-Krise durch plötzliche Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit besonders einkommensschwache Familien stärker trifft als andere. „Wir haben zig Eltern, die überhaupt kein Geld mehr haben“, sagt Christian Auer. Wenn es in einer Familie mit drei oder vier Kindern zum Beispiel nur einen oder zwei Laptops gäbe, sei es oft sehr schwierig, wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten müssen, und die Kinder gleichzeitig für die Schule digital lernen sollen. Gerade die weiterführenden Schulen würden oftmals verlangen, dass Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt am Computer zum digitalen Unterricht anwesend sind – das bedeute aber oft unerwünschte Pause für die anderen, die mit den gestellten Aufgaben nicht nachkommen etc. Oftmals gebe es in den Familien auch nicht die derzeit so wichtigen Drucker, so Auer. 

Unglaublich disziplinierte Schüler 

Ein rundum schönes Erlebnis war es für den Schulleiter, als Anfang letzter Woche die Abschlussschüler wieder in die Schule gehen durften und – natürlich mit dem notwendigen Abstand, Masken in den Pausen und immer wieder Desinfektionsmittel – live zum Unterricht kommen durften. „Alle Schüler haben sich extrem diszipliniert und vorbildlich verhalten“, sagt Christian Auer. Er habe kein einziges Mal schimpfen müssen. Alle seien einfach froh gewesen, wieder zusammen zu sein. „Es ist wirklich ein schönes Gefühl, beim Unterrichten endlich mal wieder richtig Lehrer sein zu dürfen“, sagt der Schulleiter. Alle hoffen mit ihm, dass bald wieder Schule einigermaßen normal stattfinden kann.

gi

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