Angeklagte schweigen zum Prozessauftakt

München/Grassau - Nachdem bei der ESC GmbH ein Finanzloch in Millionenhöhe aufgetreten war, zeigte Anton Kathrein (†) drei langjährige Mitarbeiter an. Jetzt begann der Prozess:

Es war wohl einer der schwersten Momente seines Lebens, als der Rosenheimer Unternehmer Anton Kathrein (†) im vergangenen Jahr drei langjährige Mitarbeiter anzeigen musste. Kathrein hatte bemerkt, dass bei der ESC GmbH, einer Tochterfirma der zu Kathrein gehörenden Katek-Gruppe, ein Finanzloch in Millionenhöhe aufgetreten war. Gestern begann am Landgericht München II der Prozess gegen die Ex-Angestellten.

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Es ist eine gewaltige Summe, die drei Angestellte aus dem Kreis Traunstein in der Elektronik- Firma veruntreut haben sollen: fast 15,8 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, dass sie riskante Finanzgeschäfte abgewickelt, zur Verschleierung zu viele Steuern bezahlt sowie zu Unrecht Boni ausgezahlt haben. Nun müssen sich der Betriebsleiter (57), seine Frau und Leiterin der Buchhaltung (47) sowie die Bilanzbuchhalterin (52) wegen Untreue vor dem Landgericht München II verantworten.

Die Firma aus Grassau, die zur Rosenheimer Kathrein- Gruppe gehört, entwickelt und vertreibt elektronische Geräte. Als Geschäftsführer war der im November verstorbene Anton Kathrein eingetragen, der jedoch in das Tagesgeschäft nicht eingebunden war. Faktischer Geschäftsführer war der 57-jährige Hauptangeklagte.

Der größte Brocken entfällt laut Anklage auf verschiedene Finanztermingeschäfte mit großem Verlustrisiko – Goldleihe, Währungsoptionen und Zinsgeschäfte. Zu diesen Geschäften waren die Angeklagten zwar im Außenverhältnis bevollmächtigt, im Innenverhältnis jedoch von Kathrein nicht ermächtigt. Allein mit diesem Handel sollen sie die Firma um 13,8 Millionen Euro geschädigt haben.

Mehr als 1,7 Millionen Euro sollen die Angeklagten durch eine weitere Methode veruntreut haben. Laut Anklage haben sie die Bücher der Elektronik-Firma gefälscht und dabei die Verluste verschleiert. Weil offiziell Gewinne ausgewiesen waren, zahlte die Firma von 2007 bis 2009 insgesamt rund 1,7 Millionen Euro zuviel an Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie Solidaritätszuschlag. Außerdem flossen noch fast 290 000 Euro an vermeintlichen Bonuszahlungen auf das Privatkonto des Betriebsleiters.

Die Angeklagten haben sich selbst noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Der ehemalige Betriebsleiter und seine Frau sitzen seit dem 21. August in Untersuchungshaft. Die Bilanzbuchhalterin war ebenfalls festgenommen worden, ist mittlerweile laut Aussage ihres Anwalts aber wieder auf freiem Fuß.

Die Verteidiger beantragten aber, den Prozess auszusetzen – die bisherigen Unterlagen seien lückenhaft; es müsse noch weiter ermittelt werden. Bisher hätten nur die Verantwortlichen der Elektronik-Firma die Ermittler und das Gericht mit Unterlagen versorgt, kritisierte beispielsweise Andreas Kastenbauer, Verteidiger der 52-Jährigen. Und: „Diese Vertreter, insbesondere der mittlerweile verstorbene Geschäftsführer Prof. Dr. Kathrein, haben ein offensichtliches Interesse daran, die Verantwortung für unternehmerische Fehlleistungen abzuwälzen.“

„Hätte die Firma auch schließen können!“

Diese Aussage dürfte den Kathrein-Verantwortlichen besonders sauer aufstoßen. Denn auch wenn gestern kein Mitglied der Geschäftsführung des Rosenheimer Unternehmens vor Gericht erschien und auch anschließend per Telefon keine Stellungnahme zu erhalten war, ist klar: Anton Kathrein hatte, nachdem er den Ernst der Lage erkannt hatte, viel Energie und vor allem Geld aufgewendet, um eine Pleite der Tochterfirma abzuwenden. Gegenüber den OVBHeimatzeitungen hatte Kathrein damals gesagt, er sei in seinem „Leben noch nie so ausg‘schmiert worden“. Er hätte, so Kathrein weiter, das 600 Menschen beschäftigende Unternehmen auch schließen können, „doch ich glaube an das Geschäftsmodell, die Firma hat eine Zukunft!“

Kathrein Finanz-Vorstand Norbert Schindler hatte nach Bekanntwerden der Affäre einen Finanzplan vorgestellt, wonach das Unternehmen bereits in diesem Jahr wieder schwarze Zahlen schreiben soll. Dem Vorwurf, dass der verstorbene Firmenchef dem Betriebsleiter zu viele unternehmerische Freiheiten gelassen und damit indirekt die mutmaßlichen Straftaten begünstigt haben könnte, war Schindler im vergangenen August mit dem Argument begegnet, dass „die Kathrein- Gruppe stark auf das Unternehmertum vor Ort“ setze und damit auch die Firmenleitung in Grassau über weitgehende Handlungsspielräume verfügt habe.

Der Prozess wird am 22. Februar fortgesetzt.

gut/zip/OVB-Heimatzeitungen

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