Innerhalb weniger Tagen in Ötzleiten 

"Tränen in den Augen gestanden" -Schafzüchter Willi und Florian verlieren 11 Tiere 

Reit im Winkl - Innerhalb kürzester Zeit wurden mehrere Tiere der Schafhalter Willi und Florian Gstatter gerissen. War es ein Wolf? Eine Analyse soll Aufschluss geben. 

„Nie mehr bringe ich meine Tiere da ´rauf“, sagt Willi Gstatter, der seit 26 Jahren Schafhalter und Züchter der so genannten „Herdbuchzüchtung braunes Bergschaf“ ist. In Ötzleiten, Ortsteil Entfelden, führt er seit 1994 seinen Zuchtbetrieb mit jährlich rund 30 Schafen. Seither sind seine Schafe vom Frühjahr an bis Herbst immer auf der Weide. hat Auch Sohn Florian mit seiner Frau hat hier seit 10 Jahren seinen erfolgreichen Milchschafbetrieb – jedes Jahr rund 70 Schafe und 100 Lämmer, von denen auch viele im Sommer auf die Weide in der Umgebung kommen. 


Seit Freitag vor zwei Wochen hat sich vieles grundlegend geändert: um 10 Uhr vormittags informierte eine Nachbarin Willi Gstatter telefonisch, dass in Entfelden außerhalb der Weide, wenige Meter von der B305 entfernt, ein schwer verletztes Schaf mit zerfetztem Euter und Kehlbiss gefunden wurde. Auf der Weide fand man wenig später ein weiteres totes Schaf. Der gleich herbeigerufene Metzger tötete das noch lebende Tier umgehend. Wie bei jedem Weidetier, dessen Todesursache unklar ist, wurden auch Beauftragten vom „Netzwerk Beutegreifer“ des Landesamts für Umweltschutz informiert. Dr. Klaus Thiele und Martin Stief aus Ruhpolding machten sich ein Bild von der Situation und entnahmen Gewebeteile der Tiere für die genaue Analyse der Todesursache, wobei bis jetzt noch kein offizielles Ergebnis vorliegt. Natürlich kam bei allen Beteiligten sogleich der Gedanke auf, dass es sich bei der Verletzung es sich um einen Wolfsangriff handeln könnte. Dennoch müssen sämtliche eventuelle andere Möglichkeiten ausgeschlossen werden. 

Elf Schafe in Reit im Winkl tot - war es ein Wolf?

Florian Gstatter auf seinem Milchschafbetrieb abends beim Füttern der rund 170 Tiere. © Christiane Giesen
Eines der gefundenen Schafe mit Kehlbiss. © Privat
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Willi Gstatter vor der Weide auf der Pracht, wo ihm mehrere Schafe gerissen wurden. © Christiane Giesen
An dieser Stelle auf dem Weg zur Mühl-Prach-Alm in 1000 Meter Höhe hat Berufsjäger Martin Stief eine Kamera installiert, damit der Wolf, falls er zurückkehrt, im Bild festgehalten wird. Willi Gstatter auf unserem Foto wechselt die Chipkarte aus. © Christiane Giesen
Willi Gstatter ist nicht grundsätzlich gegen Beutegreifer: auf einem Arm trägt er ein Tatoo mit Wolf, auf dem anderen eines mit einem Bären. © Christiane Giesen

Schafe von Frühjahr bis Herbst auf der Weide Am gleichen Tag kontrollierten die Gstatters den Zaun ihrer tiefer gelegenen großen Weide in der Knauer-Ötz, der aber nicht beschädigt war. „Wir haben uns noch nichts Böses gedacht“, sagt Willi Gstatter. Erst am Samstag fuhr er hinauf zu der in 1000 Meter Höhe gelegenen Mühlbach-Prach-Alm, wo gleich daneben die alte Mühlprachhütte liegt. Auf dieser etwa einen Hektar großen buckligen Weide lässt Gstatter seit 26 Jahren die zutraulichsten seiner Bergschafe in jedem Sommer weiden. Etwa alle zwei bis drei Tage fährt er hinauf, um Wasser in Kanistern zu bringen, weil die letzten Sommer immer sehr trocken waren. Außerdem muss er die Batterien für den Elektrozaun kontrollieren. 

>>>Hier lesen: So viele Wölfe sind in Tirol unterwegs<<<

Normalerweise kommen die Schafe schon angelaufen, wenn sie den Motor hören“, erzählt Willi Gstatter. Denn als „Leckerli“ für die Bergschafe hat er auch immer einen Blecheimer mit Brotstückchen dabei. „Spätestens beim Klopfen auf den Eimer kommen alle angelaufen. Diesmal aber blieb alles ruhig. Kein Schaf weit und breit.“ Beim Absuchen der Weide fanden er und seine Helfer zwei tote Schafe mit Kehlbiss, zwei waren weg. „Mir sind die Tränen in den Augen gestanden“, erzählt Willi Gstatter. „Ich habe ein enges Verhältnis zu meinen Schafen – jedes kenne ich genau.“ Der etwa 90 Zentimeter hohe Elektrozaun mit zwei dünnen Drahtlitzen war lediglich dazu da, dass sich die Schafe nicht verlaufen und vielleicht irgendwo in die Tiefe stürzen. Bergschafe könnten aus dem Stand 1,60 Meter hoch springen, erzählt Gstatter, so dass sie, wenn sie wollten, jederzeit abhauen könnten. Er weiß, dass Schafe bei Gefahr immer in die Höhe laufen, auch von oben nach unten fressen und - bei Gefahr - vor Panik keinen Ton herausbringen. (Ganz im Unterschied dazu, wenn sie vor der Fütterung Hunger haben: mehrere zusammen können dann ein Ohren betäubendes Spektakel veranstalten, wie die Berichterstatterin vor Ort im riesigen Laufstall erlebte.) 

900 Meter in die Tiefe gezerrt 

Zurück zur Nacht von Sonntag zu Montag: in Reit im Winkl hatte es überdies ein schweres Gewitter gegeben, das die Tiere auch verschreckt haben könnte, so dass sie sich verirrten. In der Nacht übernachtete ein Berufsjäger auf der Mühlprachhütte, um zu beobachten, ob der Wolf zurückkehrt – ohne Erfolg. 

Dass Gstatters Schafe in Panik weit gelaufen waren, zeigte sich am Montagfrüh, als wieder zwei tote Schafe auf dem Weg ins Tal gefunden wurden. Der Wolf hatte mindestens eines der circa 30 Kilo schweren Tiere erst über den breiten Forstweg, dann sogar durch ein großes Abflussrohr rund 900 Luftlinie tief in eine Schlucht gezogen. Hier fanden die Gstatters mit Hilfe von Helfern und Hunden das bereits stark von Maden und Füchsen angegriffene Kadaver

Wie weit die Schafe in Panik gelaufen waren, zeigte sich nochmal am Dienstagabend, als an der Tankstelle Richtung Seegatterl wieder eines von Gstatters braunen Bergschafen gefunden wurde. Mit großem Einsatz gelang es zwei Jugendlichen aus der Nachbarschaft, das schwer traumatisierte Schaf einzufangen und in einem Anhänger „nach Hause“ zu Willi Gstatter zu bringen

„Die Politik muss reagieren“

 „Wir sind komplett überfordert“, sagt Willi Gstatter, „Ich habe nicht grundsätzlich was gegen den Wolf „aber jetzt muss die Politik endlich reagieren“. Dass er nichts gegen die großen Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Bär hat, zeigen schon die großen Tattoos mit einem Wolf auf dem einen und einem Bär auf dem anderen Oberarm. Willi Gstatter, Jahrgang 1954, ist jetzt in Rente und hat die Schafszucht immer im Nebenerwerb betrieben. Im Brotberuf war er Straßenbauer und Tiefbaupolier. Heute arbeitet er noch als Waffenkontrolleur für das Landratsamt Traunstein und als Bademeister bei der Wasserwacht. „Wir wissen nicht, wie wir jetzt weiter machen können“, sagt Gstatter. Skeptisch ist er gegenüber dem „Wolfssicheren Zaun“, der von der Politik propagiert wird. Bei dem würde die unterste Litze circa 15 Zentimeter vom Boden entfernt sein, so dass der Wolf einen empfindlichen Schlag auf die Schnauze bekäme, wenn er versuchen würde, von unten durch zu kommen. „Wölfe sind gescheite Tiere“, sagt Gstatter. „Der lernt schnell.“ Seiner Meinung nach wären daher auch 1,20 Meter hohe Zäune mit Strom keine Gewähr, dass er nicht drüber springen würde. 

>>>Hier lesen: Wie viele Wölfe verträgt unsere Region? Expertin im Gespräch<<<

Außerdem sei ja nach wie vor auch der Luchs im Gespräch, erinnert Gstatter. Der wäre vielen Naturschützern – so wie der Wolf - wegen der erwünschten Artenvielfalt hoch willkommen. Der Luchs aber ist eine Raubkatze, die lautlos auf Bäume klettert und sich von oben auf ihre Opfer stürzen kann. Ein Luchs ernährt sich zwar üblicher Weise von Kleingetier, aber nähme bei Bedarf sicherlich auch mit einem Lamm vorlieb, sind sich die Schafhalter sicher. 

Nach EU-Recht sind Wölfe nach wie vor streng geschützt, auch wenn viele bayerische und Tiroler Politiker seit Jahren ein „Entnehmen“ des Wolfs im Alpenraum vorzögen. Willi Gstatter und Sohn Florian tun ihrerseits nach eigenem Bekunden erstmal sicher nichts mehr für die Artenvielfalt auf Bergwiesen und Almen, weil ihnen ihre Schafe dafür einfach zu schade sind. An der von der Politik in Aussicht gestellten Entschädigung für die gerissenen Tiere zweifeln sie zwar nicht, aber sie kann ihrer Meinung nach wegen der notwendigen Bürokratie lange dauern. „Wolfs sichere Zäune“ um ihre zwei großen Weiden würden rund 25 000 Euro kosten, wobei sicher ein guter Anteil bezuschusst würde. Bisher fehlt ihnen jedoch vor allem der Glaube an den Nutzen eines solchen Zauns. 

Willi Gstatter meint, Förster und Jäger müssten einfach weniger Wild schießen, damit der Wolf sich davon und nicht von eingezäunten Schafen ernähren könnte. Hier und bei vielen Fragen rund um die Wiederansiedlung der großen Beutegreifer gibt es zweifellos noch viele offene Fragen.

Christiane Giesen

Rubriklistenbild: © Privat/Giesen

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