Berta Bichler aus Reit im Winkl erinnert sich an die letzten Kriegstage und ihre Mutter

Pfannkuchen und Daunenbetten

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Vom Frühjahr 1945 in Reit im Winkl gibt es nur wenige Bild- oder Textdokumente. Etliche Jahre nach Kriegsende tauchten auf einer Müllhalde jedoch alte Fotoplatten und Negative aus der Zeit des Kriegsendes auf. Auch die Geschichte von Berta Osenstätter und Walter Lehnert war lange in Vergessenheit geraten, bis der Rosenheimer OVB-Leser Günter Libera in seinem Keller die Aufzeichnungen Lehnerts fand und diese der Heimatzeitung übergab.

Reit im Winkl - Vor genau 67 Jahren kapitulierte Hitler-Deutschland gegenber den Alliierten. Berta Bichler aus Reit im Winkl erinnert sich an den 8. Mai 1945:

Wenn Berta Bichler von diesen Tagen und Wochen erzählt, ist sie immer wieder den Tränen nahe, so wach, so lebendig und oft auch so schmerzvoll sind für die heute 83-Jährige diese Erinnerungen. Wovon sie spricht, ist genau 67 Jahre her. Bichler erzählt von chaotischen Zuständen in ihrem Heimatort, von einer kaum zu bewältigenden Versorgungslage, von tiefster Verunsicherung, von Willkür und Leid. Sie spricht von den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Reit im Winkl, von ihrer Mutter und Walter Lehnert.

Am Tag der Kapitulation von Hitler-Deutschland gegenüber den Alliierten, am 8. Mai 1945, erreichte der 19-jährige Walter Lehnert, von wochenlangen Kämpfen in den Bergwäldern des Kaisergebirges ausgezehrt und "maßlos deprimiert", wie er dies in einem Rückblick später selbst verfasste, den kleinen Bergort unmittelbar an der Grenze zu Tirol. Die Kapitulation seines Heimatlandes empfand der aus Osttschechien stammende Leutnant, der sich erst 1942 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte, "als schwarzen Tag. Dass dieser Tag für mich und meine Angehörigen dennoch zu einem Glückstag werden sollte, konnte ich in den turbulenten Tagen des Mai 1945 freilich nicht erahnen", so Lehnert in seinem Aufsatz weiter.

Dieser "Glückstag" hatte wesentlich zu tun "mit der alten Osen" wie er sie nannte, Berta Osenstätter, die Lehnert und vier seiner Kameraden in ihr Haus, dem "Wastl-Häusl" im Ortsteil Entfelden, aufnahm. "Sie hat so unbeschreiblich viel Gutes für uns Flüchtlinge getan", erinnert sich Lehnert, der geprägt ist von minutiöser Detailschilderung und tiefer Dankbarkeit.

Berta Bichler mit einem Foto ihrer Mutter Berta Osenstätter.

"Meine Mutter war immer ganz gradlinig, sie war immer hilfsbereit, sie war einfach einmalig, ich weiß nicht, wie sie alles geschafft hat", erzählt Tochter Berta Bichler, die Bertl, wie sie als 16-Jährige damals gerufen wurde. Das kleine, erst wenige Jahre zuvor mühsam erbaute Haus war voller Kriegsflüchtlinge und Evakuierter, und nun kamen also diese fünf Soldaten. "Freilich haben sie furchtbar ausgeschaut" erinnert sich Berta Bichler, "aber wir haben einfach geholfen", keine Zeit für Misstrauen oder gar Angst. "Hafen" voller heißem Wasser zum Waschen und Rasieren habe man ihnen hingestellt, die Mutter habe Pfannkuchen gebacken, was den ausgemergelten Soldaten wie eine Offenbarung vorkam, schließlich erhielten sie "sogar richtige Daunenbetten". "Sie hat die Burschen wohl auch ein bisserl als eigene Söhne gesehen" vermutet Tochter Berta, schließlich verlor sie den eigenen Sohn im Mai 1944 in Rumänien.

Doch das Glücksgefühl der deutschen Soldaten im Wastl-Häusl sollte zunächst auf wenige Tage beschränkt bleiben. Schon bald waren die amerikanischen Soldaten damit beschäftigt, die versprengten SS-Männer zu registrieren. "Auf der Straße vor unserem Haus war eine endlose Reihe von deutschen Männern aufgestellt." In das Zentrum des Ortes, der mit über 5000 Evakuierten und Flüchtlingen völlig überfüllt war, hätten sie nicht gedurft, strikte Ausgangssperre. "Und überall Militärfahrzeuge, Lastwagen, Panzer, Geschützwagen, auf der Wirtsgwandtn standen sogar mehrere kleiner Flugzeuge", so Berta Bichler weiter.

Binnen weniger Tage wurden die deutschen Soldaten in Internierungslager gebracht, Walter Lehnert kam wie 10000 andere auch nach Moosburg. Elf Monate später wurde er entlassen, er trug immer noch dieselbe Kleidung: ein "total verschlissenes Fliegerhemd und genagelte Bergschuhe". Walter Lehnert wusste nicht wohin - und erinnerte sich an das, was Berta Osenstätter ihm beim Abschied unter Tränen zugeflüstert hatte: "Kommen's halt wieder, Walter!"

Walter Lehnert kam wieder, weite Strecken legte er von der Kleinstadt zwischen Freising und Landshut auf dem Weg nach Reit im Winkl zu Fuß zurück. Der entlassene ehemalige Soldat wurde wie ein eigener Sohn aufgenommen, zur Feier seiner Rückkehr gab es neuerlich ein besonderes Mahl: Pfannkuchen. "Wir waren wie eine große Familie", beschreibt Berta Bichler diese Zeit, "besonders als auch noch die Mutter und die beiden Schwestern von Walter Lehnert zu uns zogen." Diese waren in einem Flüchtlingslager im Schwäbischen untergebracht. Um dieses Lager verlassen zu können, brauchten sie eine Zuzugsgenehmigung - "seinerzeit das kostbarste Papier", die schließlich von der Gemeindeverwaltung Reit im Winkl ausgestellt wurde, nachdem Berta Osenstätter bestätigte, dass sie Wohnraum zur Verfügung stelle. "Wir haben oft zusammen gekocht und gegessen, es war fürchterlich eng, aber irgendwie ist es schon gegangen", erinnert sich Bichler.

1948 schließlich zog die Familie Lehnert nach Augsburg, es hielt sich aber bis in die 90er Jahre ein reger Kontakt, immer wieder besuchten der ehemalige Flüchtling Lehnert Reit im Winkl und Berta Osenstätter. Heute leben beide nicht mehr: Berta Osenstätter verstarb 1994, Walter Lehnert erst vor wenigen Wochen, am 17. Februar dieses Jahres in Bornheim.

Zurück bleiben Erinnerungen. Berta Bichler hat viele Dokumente in ihrer Wohnung im Wastl-Häusl in Schachteln gepackt. Zeugnisse vom Kriegsende vor 67 Jahren und der Zeit danach, Zeugnisse einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Hanns Ostermaier/Oberbayerisches Volksblatt

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