"Wir haben 17 Millionen Menschen Freiheit verschaffen"

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Walter Angerer der Jüngere erklärt das von Klaus Steiner gehaltene Portrait dem früheren Bundesfinanzminister Theo Waigel (von links).

Bergen - „Wir haben 17 Millionen Menschen Freiheit und Demokratie verschaffen können.“ Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel blickte bei seinem Besuch in Bergen auf die Weidervereinigung zurück.

Als vor wenigen Wochen ein US-amerikanischer Großmanager Theo Waigel gefragt hatte, ob es sich ob der hohen Kosten bei der Wiedervereinigung nicht um eine "bad acquisition" (einen schlechten Kauf) gehandelt habe, antwortete der frühere Bundesfinanzminister: "Wir haben 17 Millionen Menschen Freiheit und Demokratie verschaffen können."

"Wenn die Amerikaner im Irak die gleiche Bilanz aufweisen können, kann er mir die Frage noch einmal stellen." Diese und viele andere Anekdoten, unterlegt mit einer Fülle von Zahlen und Statistiken, erzählte Theo Waigel am Samstagabend bei der Feierstunde des CSU-Kreisverbandes Traunstein vor 350 geladenen Gästen im Festsaal Bergen. Es waren 90 leidenschaftlich vorgetragene Minuten - "Geschichtsstunde aus erster Hand" mit dem Fazit des 71-Jährigen: "Wir haben in den vergangenen 20 Jahren die besten Jahrzehnte Deutschlands erlebt."

Vorgestellt wurde der zu jener Zeit verantwortliche Kassenwart (Waigel war Finanzminister von 1989 bis 1998) vom CSU-Kreisvorsitzenden Klaus Steiner als einer der "Architekten der deutschen Einheit", zu denen er auch Konrad Adenauer oder Willy Brandt zählte. Anhand von Dias blickte MdL Steiner auf die vergangenen 150 Jahre zurück - "um aus der Geschichte zu lernen, nicht die alten Fehler zu wiederholen".

Der frühere bayerische Landtagspräsident Alois Glück sagte in seinem Grußwort, nur Wenigen sei zudem bewusst, welch hohen Anteil Waigel (CSU-Vorsitzender von 1988 bis 1999) daran gehabt habe, dass die Partei nach dem Tod von Franz Josef Strauß nicht zu einer bedeutungslosen Regionalpartei geschrumpft sei. Als Finanzminister habe der Schwabe eine "tragende Rolle" im Wiedervereinigungsprozess inne gehabt, die "historisch völlig neue Aufgabe" bewältigen müssen, einen sozialistischen in einen freiheitlich-demokratischen Staat umzuwandeln. Glück mahnte: "Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, welches gigantische Geschenk die Wiedervereinigung für die freie Welt bedeutet."

Mit Grüßen an Glück von Altkanzler Helmut Kohl im Gepäck, mit dem er noch am Vorabend in Berlin zusammen war und dem anzumerken gewesen sei, wie er versucht habe, eine Botschaft zu vermitteln, erwähnte Waigel zugleich die oft kritisierten, von Kohl versprochenen "blühenden Landschaften" ein. "Wer die Bilder von 1985 und 1990 mit denen von 2000 vergleicht und nicht den Wandel fesstellt, dem ist nicht zu helfen."

Ausführlich ging der Referent sodann auf die finanzpolitischen Herausforderungen jeder Zeit ein. Auch wenn Fehler im einzelnen begangen worden, in der Treuhandgesellschaft Gaunereien vorgekommen seien - eine Alternative zu der eingeschlagenen Marschroute habe es nicht gegeben. Waigel nannte es zudem einen "Glücksfall", dass zu jener Zeit ein Michail Gorbatschow in der Sowjetunion am Ruder und deshalb auch Eile im Wiedervereinigungsprozess geboten war. Wenn die Putschisten um Boris Jelzin schon vor August 1991 an die Macht gekommen wären, wäre die Geschichte anders verlaufen, ist sich der CSU-Politiker sicher.

Besonders umstritten war, wie Waigel ausführte, die Höhe des DDR-Staatsvermögens. Vom damaligen Ministerpräsidenten Hans Modrow noch mit 1,4 Milliarden DDR-Mark beziffert, zeichnete sich nach Umstellung der Bilanzen der volkseigenen Betriebe auf D-Mark ein Defizit von rund 200 Milliarden ab.

Wie sehr damals gefälscht und manipuliert wurde, machte Waigel an Hand folgender Anekdote deutlich: Der von ihm sehr geschätzte letzte DDR-Finanzminister Walter Siegert, der aber ob seiner SED-Vergangenheit nicht übernommen werden konnte, habe Generalsekretär Erich Honecker unterbreitet, der Staatshaushalt weise ein Defizit von zwölf Milliarden auf. "Defizite gibt es im Sozialismus nicht", befand Honecker barsch. Besorgt um seine Stellung und Familie habe der Experte die die Zahlen über Nacht so manipuliert, dass der Etat ausgeglichen war, Waigel: "Dummheit und törichtes Denken."

Mit einem Geschenk, einem von Walter Angerer dem Jüngeren angefertigten, überzeichneten Portrait Waigels und der gemeinsam gesungenen, von dem Orff-Jugendstreicherquartett Traunwalchen begleiteten nationalhymne, klang die Gedenkfeier aus.

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