Verlorener Rechtsstreit als Glücksfall

Keine Gefahr geht mehr von der ehemaligen Deponie "Jagerbergl" mit dem Tennbodenbach aus: Spaziergänger können wieder unbesorgt den idyllisch gelegenen Ort im Wald besuchen. Die Ufer wurden eingesät und werden bald wieder grün sein. Foto giesen

Grassau/Marquartstein - Das gewaltige Projekt der Gemeinde Marquartstein - die Sanierungsarbeiten der Deponie "Jagerbergl" sind abgeschlossen.

Am 6. Mai erfolgte die offizielle Abnahme der Bauarbeiten durch die Regierung von Oberbayern, am heutigen Dienstag wird mit den Vertretern der Behörden, der Regierung und beteiligten Firmen die Deponie besichtigt und das vollendete Werk diskutiert.

Die nun "ehemalige Deponie Jagerbergl", früher als Steinbruch genutzt, liegt im Trinkwasserschutzgebiet von Grassau, wurde aber etwa von 1964 bis 1972 von der Gemeinde Marquartstein als Abfalldeponie genutzt. Erst in den frühen 70er-Jahren waren auf einen Landtagsbeschluss hin nicht mehr die Kommunen für die Abfallentsorgung verantwortlich, sondern die Landkreise.

Bis dahin gab es in jeder Gemeinde zwei bis drei Hausmülldeponien, die jeder fast beliebig nutzen konnte. Autoreifen, Sperrmüll vieler Art, zum Teil auch giftige Stoffe konnten so "problemlos" entsorgt werden. In den 70er-Jahren wurden die Deponien nach dem damaligen Wissensstand mit Erde, Humus und anderem Material aufgefüllt, so dass "von außen" nichts mehr zu sehen war. Die "Sanierung" war abgeschlossen.

Auch die alte Mülldeponie "Jagerbergl" am nordwestlichen Ende von Grassau Richtung Großrachlhof, auf der einen Seite vom Tennbodenbach, auf der anderen Seite von einem bewaldeten Hügel begrenzt, war ein Idyll für Spaziergänger, dem man keinesfalls ansah, was im Untergrund schlummerte.

Durch die neue Ausweisung des Wasserschutzgebiets der Gemeinde Grassau stellten die Fachbehörden, wie Wasserwirtschaftsamt und Landesamt für Umwelt, fest, dass von der Deponie "Jagerbergl" eine Gefahr für die Wasserversorgung der Gemeinde Grassau ausging. Daher wurde die Gemeinde Marquartstein 2002 "als letzter Betreiber dieser Hausmülldeponie" aufgefordert, eine Detailuntersuchung durchführen zu lassen. Wie Marquartsteins Bürgermeister Andreas Dögerl erklärte, wehrte sich die Gemeinde wegen der hohen Kosten gegen diese Auflage, verlor jedoch den Rechtsstreit.

Aus heutiger Sicht war das sogar ein Vorteil. Da viele bayerische Gemeinden inzwischen in einer ähnlich prekären Situation waren, hatte der Freistaat Bayern die Zeit des Rechtsstreits genutzt, um die Kooperation zwischen den Gemeinden und der "Gesellschaft für Altlastensanierung" (GAB) zu erweitern. Bis dahin gab es nur eine Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat Bayern und der Industrie. Heute können alle Kommunen Bayerns jährlich in einen Fond einzahlen, den die GAB verwaltet. Diese entscheidet, welche Sanierungen in Bayern am dringendsten sind und aus dem Fond unterstützt werden.

Die Sanierung der Deponie "Jagerbergl" war das erste Projekt in Oberbayern, das aus diesem Fond unterstützt wurde. Nur durch das gute Zusammenspiel der vielen beteiligten Behörden konnte das Projekt durchgeführt werden. Die gesamten Sanierungskosten beliefen sich auf über drei Millionen Euro, wobei die Gemeinde Marquartstein lediglich rund 25000 Euro für den Bau des Wehrs durch den Tennbodenbach sowie die Personalkosten übernehmen musste. Der aufgestaute Tennbodenbach erforderte den Rückbau des Wehres und der Bach musste in einem provisorischen Bachbett gefasst werden, damit der Deponiekörper trocken und vor Hochwasser geschützt abgegraben werden konnte. Drei Viertel vom Löwenanteil der Kosten, drei Millionen Euro, wurden aus den Fördermitteln des Konjunkturpakets II des Bundes getragen, der Rest aus dem Fond der Gesellschaft für Altlastensanierung des Freistaats Bayern.

Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer der im vergangenen August zum "ersten Spatenstich" für die Sanierung gekommen war, bezeichnete das Projekt als "sehr rentierliche Investition in die Zukunft".

Insgesamt wurden von der ehemaligen Deponie, die auf dem Grund der Bayerischen Staatsforsten liegt, 13000 Kubikmeter Material komplett beseitigt, das Gelände vollständig ausgekoffert. Der Boden bestand zu etwa 45 Prozent aus Erde, zu 35 Pro-zent aus Hausmüll, der Rest aus Bauschutt. Das ausge-hobene Material wurde vor Ort grob sortiert und dann in zwei Zwischenlager gebracht. Mit allen Sicherheitsvorkehrungen wurde nach einem analytischen Überwachungsprogramm vorgegangen, wobei stets Wasser, Luft und Feststoffe auf ihre eventuellen Schadstoffe überprüft wurden. Die Baumaßnahme erforderte auch, dass einige der kleinen Zufahrtsstraßen wie der Fünfeichenweg ab der B 305, die sonst wenig genutzt und zum Teil für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind, vorübergehend verbreitert wurden.

In der letzten Gemeinderatssitzung lobte Gemeinderat Ulrich von Ribaupierre ausdrücklich die Arbeit der Gemeinde und ihres Geschäftsleiters Florian Stephan. Es sei keineswegs selbstverständlich gewesen, dass Marquartstein so schnell und effektiv, die Möglchkeit ergriffen habe, die Deponielasten so zügig und finanziell äußerst günstig für die Gemeinde zu beseitigen. Obwohl mehr Material als ursprünglich gedacht wegtransportiert werden musste, konnte der Zeitplan eingehalten werden.

Derzeit gibt es in Bayern unzählige Anträge von Kommunen, die ebenso eine Altlastensanierung wünschen. Das Projekt in Grassau ist so nicht nur ein Pilotprojekt, sondern auch ein Referenzprojekt für die ausführenden Firmen und ein Glücksfall für die Gemeinde Marquartstein.

gi/Chiemgau-Zeitung

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