Aktiv gegen Sucht bei Jugendlichen

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Prien - "Prien ist keine Insel der Seeligen". Auch in der Marktgemeinde häufen sich Meldungen über jugendliche Sucht-Opfer. Dem wollen die Schulen nun gemeinsam einen Riegel vorschieben.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus der Chiemgau-Zeitung:

Netzwerk gegen Sucht

Die Priener Schulen wollen ein Netzwerk zum Kampf gegen Alkohol-, Drogen-, Nikotin- und andere Süchte von jungen Leuten knüpfen. Am runden Tisch haben sie dieser Tage sozusagen den ersten Faden für dieses Netz aufgenommen. In der Runde wurde deutlich, dass es zwar gerade im Bereich der Vorbeugung zahlreiche Angebote gibt. Sie waren aber bisher zu wenig bekannt.

Meldungen über betrunkene junge Leute haben sich auch in der Chiemgau-Zeitung in den vergangenen Monaten gehäuft. Auffällig dabei ist die Tatsache, dass immer öfter Mädchen und immer Jüngere zur Flasche greifen. In der Runde mit knapp 30 Fachleuten, Eltern- und Schülervertretern, Schulpsychologen, Beratungslehrern und Präventionsbeauftragten der Schulen wurde dieser Eindruck bestätigt. "Fast jeder von uns kennt jetzt schon einen Not- oder Rettungsfall in seiner unmittelbaren Umgebung", stellte Winfried Lackner eingangs fest. Der Elternbeiratsvorsitzende des Ludwig-Thoma-Gymnasiums (LTG) war Organisator des knapp dreistündigen runden Tisches.

Die Bestandsaufnahme im großen Rathaussaal sollte ein Anfang sein. Angesichts der Bandbreite der Sucht-Problematik verständigten sich alle Beteiligten darauf, bald in einem ganztägigen "Workshop" am Netzwerk weiterzuknüpfen.

Junge Leute trinken schnell und intensiv

Dass Prien "keine Insel der Seeligen" (Lackner) ist, bestätigte Monika Schindler von der Fachambulanz für Suchterkrankungen der Diakonie. Sie wird in ihrer Arbeit immer häufiger auch hier mit Fällen konfrontiert, bei denen Jugendliche mit Alkoholvergiftungen ins örtliche Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Nach einer bundesweiten Statistik habe sich die Zahl solcher Exzesse von 2000 bis 2008 verdoppelt.

Dabei fällt die Phase des Betrunkenwerdens, in der Freunde noch eingreifen könnten, heutzutage meist weg, ergänzte Gitti Plank, Leiterin der Priener Jugendarbeit und Schulsozialarbeiterin an der Hauptschule, weil die jungen Leute "schneller und intensiver" trinken als früher. "Es gibt regelrechte Wettkämpfe, wer am schnellsten betrunken ist."

Aber Alkohol ist nicht das einzige Suchtmittel, dass in Prien und Umgebung Sorgen bereitet. Schindler wusste auch von "sehr vielen Cannabis-Konsumenten" zu berichten. Drogen würden zwar nicht an Schulen gehandelt (Polizei-Sachbearbeiter Rudolf Götschl: "Dort gehen Informationen über den Tisch, nicht die Drogen."), aber in Lokalen und auf öffentlichen Plätzen. 90 Prozent der Konsumenten seien Jungs, berichtete Götschl.

Dass der Schulterschluss der Schulen zur Suchtbekämpfung Sinn macht, dokumentierte der Umstand, dass eine Reihe der Teilnehmer Angebote der Diakonie nicht kannte. Deren Jugendhilfe hat unter anderem das Programme "HaLT" ("Hart am Limit" für Zwölf- bis 17-Jährige nach stationärer Behandlung einer Alkoholvergiftung) und "FreD"-Kurse ("Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten") im Angebot.

Auch die Schulen selbst versuchen auf unterschiedliche Art, präventiv tätig zu sein. In der Diskussion klang der Tenor durch, dass solche vorbeugenden Maßnahmen heutzutage schon früh, möglichst in der Grundschule ansetzen sollten. "Wir werden dem sonst nicht Herr", warnte unter anderem Andrea Dorsch, Konrektorin der Realschule. Durch die Bank bedauerten die Teilnehmer, dass für solche Aktivitäten nicht genug Zeit zur Verfügung stehe.

Aus den Reihen der jungen Leute kam mehrfach der Einwurf, dass beispielsweise Vorträge Betroffenheit auslösen müssten, um Wirkung zu zeigen und abzuschrecken. "Ideal wäre es, mit einem schlechten Gewissen aus einer Veranstaltung rauszugehen", sagte ein Schülersprecher. In eine ähnliche Richtung zielte auch Michael Thoma, Schulpsychologe des LTG. Von "Scheinbetroffenheit" nach aufklärenden Präventionsvorträgen hält er nicht viel, setzt dafür auf "Intervention" im aktuellen Fall. "Hängen bleibt das, was Betroffene erzählen", bestätigte ein Schüler.

Eine große Herausforderung sehen alle Beteiligten darin, die Eltern zu erreichen, die das Thema Sucht angeht - von exzessivem Computerspiel über Magersucht bis zu Alkohol und Drogen. Lackner berichtete beispielhaft von einem Vortrag über "Kids im Netz" am LTG: Von 1000 eingeladenen Eltern waren nur 40 gekommen.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

Rubriklistenbild: © pa

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