"Alle Stellschrauben ausnutzen"

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Wie eine von TNS Infratest zeigt, legen rund 60 Prozent der Bauherren selbst Hand an, um zu sparen, 39 Prozent verzichten auf den Keller und 23 Prozent sehen für das Auto einen Carport statt einer Garage vor.

Rosenheim/Landkreis - Die Wirtschaft hat sich erholt, die Bauzinsen sind - noch - niedrig. Doch junge Familien mit nur wenig Einkommen und Eigenkapital haben es im Landkreis schwer, ihren Traum vom Eigenheim zu verwirklichen.

Denn die Preise steigen, der Immobilienmarkt in der Region ist dank großer Nachfrage und schwacher Bautätigkeit in den letzten Jahren stark ausgedünnt. Immobilienexperten wissen Rat.

Bernd Schmidt, Leiter Immobilien bei der Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling, sieht keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken: "Auch junge Familien können fast überall in unserer Region eine Immobilie erwerben, wenn bei der Entscheidung für Haus oder Wohnung alle Variationsmöglichkeiten und Stellschrauben genutzt werden", ist er überzeugt.

Wichtigster Einfluss: die Lage. "Grundsätzlich gilt, dass in den nördlichen Bereichen und im äußersten Süden unserer Region die Immobilienpreise niedriger sind als im Westen, in Rosenheim und im Chiemseebereich." Dies bestätigt auch Christian Bahnmüller, Immobilienspezialist bei der Volks- und Raiffeisenbank Rosenheim-Chiemsee: "Nur zehn Kilometer von Rosenheim entfernt gibt es beispielsweise in Schechen oder Großkarolinenfeld bereits günstigere Marktchancen - bei ebenfalls guter Infrastruktur und Verkehrsanbindung." Von Preisen, die zehn bis 15 Prozent unter jenen der bevorzugten Lage Rosenheim liegen, spricht der Immobilienverbund Rosenheim, dem Makler, Bauträger, Sachverständige und Finanzierungsexperten angeschlossen sind.

Manchmal empfiehlt es sich nach Erfahrung von Sparkassen-Experte Schmidt auch, "eine Lage weiter draußen auf dem Land" zu wählen, weil sich dort eine Familie in der Regel ein größeres Grundstück leisten kann. In der Stadt "kann durch kleinere Grundstücksgrößen und clevere Grundrisse, die auch auf kleiner Fläche gute Wohnqualität bieten, Geld gespart werden". Eine weitere Möglichkeit für den schmalerem Geldbeutel: Statt auf ein Einfamilienhaus zu setzen auf eine Doppelhaushälfte, ein Reihenhaus oder eine Eigentumswohnung im Erdgeschoss mit Gartenanteil ausweichen, schlägt der Sparkassenfachmann vor.

VR-Bank-Experte Bahnmüller empfiehlt: "Zum Einstieg kann es auch eine großzügige Eigentumswohnung sein." Neu gebaut, rechnet sich diese nach seinen Erfahrungen in der Regel besser als das große Haus aus den 60er Jahren mit aufwändigem Renovierungsbedarf.

Der Immobilienverbund sieht in gut erhaltenen Häusern aus den 70er und 80er Jahren eine Alternative für den kleinen Geldbeutel: Solche Immobilien in wertbeständiger Ziegelbauweise seien in der Regel gut gepflegt. Vom Energiethema dürfe sich ein Interessent nicht nervös machen lassen, finden die Mitglieder des Immobilienverbundes unter Vorsitz von Johann Hainz. Energetische Modernisierungen könnten schließlich Stück für Stück realisiert werden.

Grundsätzlich empfiehlt der Sparkassen-Fachmann: "Wichtig ist, dass sich der Interessent zu Beginn der Suche ausrechnen lässt, wie viel Immobilie er sich leisten kann." Dies ist heute nach Schmidts Erfahrungen mehr als noch vor einigen Jahren. "Denn durch das anhaltend niedrige Zinsniveau geht der Anteil des Einkommens, der zum Kauf beziehungsweise zur Finanzierung eines Eigenheims benötigt wird, stetig zurück." Bei der Finanzierung einer neuen oder gebrauchten Immobilie gibt es für junge Familien durchaus umfangreich Unterstützung, betonen übereinstimmend Wolfgang Fleidl, Leiter Privatkredite bei der Sparkasse, und Jakob Holzhammer, Immobilienfinanzierungsexperte bei der VR-Bank. Ihr Tipp für Familien mit kleinem Einkommen: Darlehensmittel der Landesbodenkreditanstalt, die über das Landratsamt Rosenheim beantragt und nach Überprüfung der Einkommensverhältnisse unter bestimmten Voraussetzungen bewilligt werden. Weitere Möglichkeiten sind Bausparprogramme und "Wohn-Riester", bei denen besonders junge Familien von staatlicher Förderung und Steuervergünstigungen profitieren. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Darlehensmittel der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zu beantragen, wenn nach bestimmten energetischen Richtlinien gebaut oder modernisiert wird.

Die unterschiedlichen Wege werden nach Informationen von Fleidl zu einem individuellen Paket geschnürt. Holzhammer empfiehlt außerdem, 25 Prozent der Kosten für eine Immobilie als Eigenmittel aufzubringen, und bereits früh die Zeit nach Ablauf der ersten, fest verzinsten Finanzierungsperiode mit in die Planung aufzunehmen, damit es kein spätes böses Erwachen aufgrund höherer Bauzinsen gibt. Dass diese auf Dauer anziehen werden, wird allgemein angenommen. Die Prognosen gehen auch von steigenden Immobilienpreisen aus.

Heike Duczek (Oberbayerisches Volksblatt)

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