Der Wolf geht um in Aschau-Sachrang: Bergbauern alarmiert und besorgt

Josef Schmid: „Habe ihn für wenige Sekunden deutlich gesehen - größer als ein Schäferhund“

Wolf-Sichtung am Hof der Familie Schmid in Stein in Aschau-Sachrang
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Martina und Josef Schmid betreiben eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb in Stein in Aschau-Sachrang. Seit Kurzem treibt sich ein Wolf um den Hof der Schmids herum.

Aschau-Sachrang - Nervöse Schafe, verängstigte Geißböcke, panische Kühe - seit Kurzem schleicht ein Wolf um die Weiden und Höfe und sorgt für Verunsicherung. Die Bergbauern sind in Alarmbereitschaft.

Der kleine Weiler Stein in Aschau-Sachrang am frühen Dienstagabend des 13. Oktobers: Nebelschwaden ziehen über die Felder, die Bergwipfel sind schneebedeckt, ein leichter Nieselregen setzt ein. So war das Wetter auch am vergangenen Sonntag, als Josef Schmid ihn auf der Weide entdeckte: „Ich habe ihn für wenige Sekunden deutlich gesehen - er war größer als ein Schäferhund. Ich bin mir sicher, dass es der Wolf war.“


Mit einer Handbewegung deutet er in Richtung der satt-grünen Felder, die sich wie ein hügeliger Teppich vor den Bergen ausbreiten: „Er sprang dort drüben über den Zaun und lief hinauf zum Nachbargrundstück von der Irmi. Ich habe sie sofort telefonisch alarmiert. Wir haben in Windeseile mit dem Viehwagen Kühe, Schafe und Ziegen in den Stall verfrachtet. Das muss nicht sein, dass die dem Wolf auf dem Präsentierteller vorgeführt werden. Irmis Schafe waren bereits total hektisch.“

Über diesen Hügel über die Weiden hinter dem Haus von Irmi Aigner in Aschau-Sachrang ist der Wolf in der Nacht auf Montag (12. Oktober) in die Wälder verschwunden.

Wolf-Sichtung in Sachrang: „Er stand keine drei Meter von meinem Küchenfenster entfernt“

Irmi Aigner hat den Ablauf des Sonntagabends noch genau im Kopf: Die 74-Jährige wohnt nur wenige hundert Meter entfernt vom Hof der Schmids. „Du lieber Himmel, der Wolf ist da“, schoss es ihr durch den Kopf, als sie den Hörer auflegte, nachdem sich die Nachbarn bereits auf den Weg machten. „Ich bin so stolz auf meine Nachbarn, dass sie sofort geholfen haben und die Tiere in Sicherheit gebracht haben“, unterstreicht sie mit einem Blick auf ihre Krücken. Sie selbst sei nicht mehr so gut zu Fuß, hätte niemals so schnell reagieren können. Neun Schafe und drei Kälber grasten auf den Weiden direkt an ihrem Haus. „Auch wenn sie normalerweise erst beim ersten Schnee in den Stall kommen, jetzt dürfen sie nicht mehr raus. Wir sind uns alle sicher, dass der Wolf auf Angriff gegangen wäre, wenn die Tiere noch da gewesen wären.“

Vom Wolf selbst war bis dato nichts mehr zu sehen - bis 23 Uhr. „Es war zwischen 23 und 23.30 Uhr, als mein Kater, der Felix, plötzlich nervös wurde und raus wollte“, schildert Irmi im Gespräch mit rosenheim24.de. Als sie die Haustür öffnete, habe der Kater noch auf der Schwelle eine Kehrtwende vollführt und sei sofort zurück ins Haus. „Dem hat‘s pressiert“, erinnert sich Irmi. „Als ich die Tür wieder verschlossen hatte und das Hoflicht betätigte, stand er da und sah mich ruhig an, keine drei Meter von meinem Küchenfenster entfernt. Ich wusste, er konnte mir nichts tun, drum habe ich das Licht wieder gelöscht und der Wolf verschwand hinter das Haus. Alleine draußen im Dunklen aber hätte ich ihm nicht begegnen wollen.“

Irmi Aigner im Vorgarten ihres Hauses im kleinen Weiler Stein in Sachrang-Aschau. An dieser Stelle stand in der Nacht auf Montag (12. Oktober) ein Wolf und blickte direkt in ihr Küchenfenster.

Auch Bäuerin Monika Pfaffinger schilderte gegenüber der Redaktion eine Wolf-Sichtung. Ihre Kuhherde hat am 7. Oktober in Panik die Elektrozäune durchbrochen - aus Furcht vor dem Wolf. Seitdem sind die Bergbauern in Alarmbereitschaft. Dass sich der Wolf in der Gegend noch rumtreibt, davon ist Josef Schmid überzeugt. In der Nacht auf Dienstag (13. Oktober) fand er seine drei Geißböcke „völlig verstört und zitternd zusammengekauert“ auf der Weide vor. „Da wusste ich, er ist noch da“, erklärt Josef mit versteinertem Blick.

Der 30-Jährige ist Zweiter Vorsitzender des Vereins „D’Sachranger Bergbauern“, führt eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb, besitzt sieben Rinder, sieben Pferde und elf Geißen. Die Böcke kann er aktuell nicht im Stall lassen, „sonst gibt es in fünf Monaten Nachwuchs“. Er lässt sie auf der Weide, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl. „Das Schlimme ist: Ist die Geiß draußen, weiß niemand, ob sie wieder heim kommt oder schon gerissen wurde“, unterstreicht Josef. Dazu kommt, dass die Kinder verängstigt sind, wirft seine Frau Martina ein: „Natürlich bekommen sie die Gespräche mit. Unser Sechsjähriger wollte am Montagmorgen nicht den Weg zum Schulbus nehmen - aus Angst vor dem Wolf.“

Sachranger Bergbauern gegen Ansiedlung: „Der Wolf hat ein Recht zu leben, aber nicht bei uns.“

Soll der Wolf wieder heimisch werden in der Region? Ministerin Michaela Kaniber stellt dazu klare Forderungen. Die Bergbauern in Sachrang vertreten eine deutliche Meinung. „Ob hier, in Berchtesgaden oder im Allgäu - gerade die kleinen Bauern kämpfen um ihre Existenzen mit den ohnehin schon strengen Auflagen und Vorgaben. Ist denn unsere Landwirtschaft nichts mehr wert?“, wirft Josefs Vater Alois Schmid in die Runde und geht noch weiter: „Das ist doch kontrovers: Der Wolf ist geschützt und unsere Tiere dürfen von ihm gerissen werden? Teilweise verenden die Tiere elendig. Das kann doch kein Tierschutz sein. Wir haben nichts gegen den Wolf, wir wollen ihn auf keinen Fall ausrotten, das ist ein Lebewesen und er hat eine Daseinsberechtigung - aber eben nicht hier bei uns. Er passt einfach nicht mehr in unsere überbesiedelte Gesellschaft. Der Wolf ist in so vielen Ländern heimisch, da muss er nicht auch noch bei uns wieder angesiedelt werden.“

Ins gleich Horn bläst auch Nachbarin Irmi Aigner: „Der Wolf hat ein Recht zu leben, aber nicht bei uns. Mir geht es darum, dass unsere Tiere und die Natur erhalten bleibt. Und wenn wir die Viecher nicht mehr grasen lassen können, wuchert alles zu und verkommt. Wie würde unsere Landschaft denn dann aussehen?“ Die Schmids sind überdies überzeugt, dass die Behörden genau wissen, wo der Wolf sich rumtreibt, dass er gechippt und registriert ist und in den Wäldern ausgesetzt wurde. „Man müsste ihn nur wieder einfangen und in ein Gehege bringen - dann würde bei uns endlich wieder Ruhe einkehren. Jede Nacht diese Ungewissheit, da schläfst ja nicht mehr gescheit“, schließt Alois Schmid die Ansicht der Familie und lässt den Blick über die Wälder schweifen. Irgendwo dort versteckt sich auch der Wolf.

mb

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