Trainingsfeld fürs Selbstbewusstsein

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Ingrid Zittlau (links), Leiterin der Heilpädagogischen Tagesstätte, und Sonderschulrektorin Susanne Kremer. Im Team dabei: Eva-Maria Rehberg vom Wohnheim.

Aschau - Der Renner im „Schüler- Bistro“ ist der Aschauer Burger: eine Riesensemmel mit vielen leckeren Zutaten. Aber auch der Quark mit frischen Früchten und Sahne ist stark gefragt.

Freitags gibt es immer ein „Überraschungsmenü“: Eine kleine Mahlzeit – von den Schülern selbst zusammengestellt und zubereitet – zum unschlagbar günstigen Preis von einem Euro. Und noch etwas ist besonders an diesem Bistro: Schüler mit Behinderung stehen hinter der Theke und verkaufen an ihre Schulkameraden.

„Ein echtes Trainigsfeld fürs Selbstbewusstsein“, sagt Sonderschulrektorin Susanne Kremer. Sie freut sich über den Erfolg des Cafes: „Der Besuch ist gut, es schreibt eine ,schwarze Null‘ und durchs Selbermachen bauen die Jugendlichen viel Selbstbewusstsein auf.“ Früher, so sagt sie, wollte man Jugendliche mit Behinderung immer schonen und nur in ein betreutes Umfeld geben. Heute gehe man bewusst andere Wege. Die Devise heißt: Raus in die Welt. Deshalb sei interdisziplinär vor zwei Jahren die Idee des Bistros geboren und schließlich umgesetzt worden. Schüler ab 13 Jahren hatten nun die Chance, schon beim Umbau der Räumlichkeiten selbst aktiv zu werden. Sie schlugen alte Fliesen ab, meißelten Schlitze in die Wand, malten die Wände frisch an und entwarfen ein Konzept fürs Bistro. „Zusammen mit dem Werkmeister bauten sie sogar die Möbel zusammen“, erzählt Kremer. Und dabei lernten sie auch, wie es ist, wenn einmal nichts klappt, wenn die Kanten nicht passen, die Schraube nicht hält oder der Stuhl wackelt. Sie meisterten große und kleine Hürden und tankten Selbstvertrauen. „Unsere Jugendlichen sollen so viel wie möglich selbst machen, das ist unser Grundprinzip.

Trainingsfeld fürs Selbstbewusstsein

Damit wollen wir sie fit fürs Leben machen. Denn eines Tages, spätestens mit 20 Jahren, müssen sie die Aschauer Tagesstätte, die Krankenhausschule und das Wohnheim in Aschau verlassen. Der Sprung in ein möglichst eigenständiges Leben soll gelingen. Dafür trainieren wir jedes einzelne Kind interdisziplinär schon vom Kindergartenalter an“, erklärt Ingrid Zittlau, Leiterin der Heilpädagogischen Tagesstätte. Geradezu ideal sei für dieses Training das Bistro, denn hier müsse geplant und auch unter Stress mit anderen zusammengearbeitet werden. „Jeden Tag ist eine andere Klasse zuständig“, sagt Zittlau. Zunächst müssen sich die Schüler den Speiseplan überlegen, Einkauf und Kosten kalkulieren und schließlich selbst im Aschauer Edeka zum Einkaufen gehen. „Natürlich ist stets ein Begleiter dabei, doch der nimmt seinen Schülern die Schwierigkeiten nicht ab“, betont die Leiterin. Der „ganz normale Alltag“ sei ein echtes Bewährungsfeld für die Jugendlichen mit Behinderung: Es bedeute enormen Stress, sich einen Einkaufswagen zu nehmen, sich im Laden zu orientieren und das richtige Produkt aus dem Regal zu nehmen. Schließlich geht es an die Kasse. Jetzt heißt es Ruhe bewahren und konzentriert das Geld aus dem Portemonnaie zu fingern. „Für Menschen mit Behinderung ist das nicht einfach. Doch hier zu bestehen, ist das größte Glück für unsere Jugendlichen. Sie blühen regelrecht auf: Sie haben es geschafft und sind innerlich ein kleines Stückchen größer geworden“, freut sich die Rektorin. Natürlich gehe bei ihren Schützlingen vieles langsamer. „Doch was macht das, wenn ein schwerbehinderter Jugendlicher mit seinem ,Talker’ (Gerät zur Spracherkennung) zum ersten Mal sich ein Eis kaufen kann?“

Sigrid Knothe/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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