"Ausgeraubt" in Andalusien

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Bei der dreisten Betrugsmasche mit erfundenen Überfällen spielen Hacker eine Schlüsselrolle.

Prien/Landkreis - Die Märchen über Petroleum-Millionen, steinreiche Diktatoren-Witwen und verschwundene Bestechungsgelder sind fast allen Internet-Nutzern ein Begriff.

Kaum jemand fällt noch auf die Vorkasse-Betrüger der sogenannten "Nigeria-Connection" herein. Doch die Abzocker werden immer raffinierter und glaubwürdiger. Die neueste Masche: keine E-Mail aus Afrika, sondern aus Amerika - abgeschickt von einem tatsächlich existierenden Freund des Opfers, das angeblich in Spanien ausgeraubt wurde.

Ein Geschäftsmann aus Prien ist jetzt auf diesen Trick hereingefallen. 950 Euro schickte er nach Málaga, wo Alistair, ein Freund aus der Karibik, allem Anschein nach arg in der Klemme steckte. Doch in Andalusien nahm das Bargeld nicht Alistair in Empfang, sondern ein Handlanger des Betrüger-Netzwerkes.

Um sich das Geld wiederzuholen, hat sich der Geprellte jetzt rechtlichen Beistand geholt. In der Kanzlei seines Anwalts Nikolaus Steindlmüller, ebenfalls aus Prien, gab es dabei nicht viel Erklärungsbedarf. Denn auf den Juristen hatten es die Betrüger vor wenigen Wochen ebenfalls abgesehen. Es hat nicht viel gefehlt - und auch Steindlmüller hätte seinem Freund Jeff aus New Jersey, der angeblich in Madrid festsaß, 1400 Euro geschickt.

Was die beiden Priener anfangs nicht ahnten: Die E-Mail-Konten waren von unbekannten Hackern lahmgelegt, ausspioniert und manipuliert worden. "Das ist erschreckend", sagt Steindlmüller. "Jeff schreibt mir. Ich schreibe ihm zurück. Er antwortet mir eine Stunde später - doch in Wirklichkeit weiß Jeff gar nichts davon."

Die Hacker durchsuchen amerikanische E-Mail-Konten offenbar gezielt nach Bekannten oder Freunden in Europa - und ziehen dann mit ihren Lügenmärchen alle Register. So entschuldigt sich der falsche Jeff im ersten Hilferuf sogar dafür, dass er Steindlmüller nicht mehr über seine "Blitz-Reise" nach Spanien in Kenntnis gesetzt hat. Anfangs läuft für den US-Amerikaner in Madrid alles nach Plan, aber dann passiert es, ganz in der Nähe seines Hotels. Er wird überfallen. Die Attacke übersteht "Jeff" zwar unverletzt, aber Geld, Kreditkarten, Handy und Flugtickets sind weg. Nur gut, dass die Botschaft hilft, Dokumente ausstellt. Aber um die Hotelrechnung und das Flugticket in die Heimat zu bezahlen, braucht "Jeff" dringend Geld.

Wieviel und auf welchem Weg - davon steht in der ersten Mail noch nichts. Natürlich reagiert Steindlmüller und fragt den Freund, wie er ihm helfen kann. Es ist 17.44 Uhr, als er die Mail verschickt. "Jeff" antwortet schnell, bittet um 18.33 Uhr, 1400 Euro per Bargeldtransfer über "Western Union" zu schicken. Der Schriftwechsel geht weiter, der Priener fragt nach einer Telefonnummer, "Jeff" erklärt, das sei schwierig. Er zahle das Geld sofort zurück, sobald er in New Jersey ankomme - fest versprochen.

Steindlmüller war schon drauf und dran, das Geld zu besorgen. Weil er aber wusste, dass die Geldtransferdienste von "Western Union" häufig von Vorschussbetrügern missbraucht werden, schickte er eine weitere E-Mail - aber nicht an Jeff, sondern an Tim, einen gemeinsamen guten Bekannten in New Jersey, mit der Bitte um Prüfung des Falles.

Die Antwort kam wenige Stunden später - und sie kam vom "echten" Tim: "Nikolaus, his e-mail has been hacked. Jeff is fine and in the US. Do not send any money!" - "Nikolaus, seine E-Mail wurde von Hackern geknackt. Jeff ist in den USA und wohlauf. Schicke auf keinen Fall Geld!"

Erst zehn Tage später war der echte Jeff wieder in der Lage, auf seinen fremdgesteuerten Computer zuzugreifen. Wie er versicherte, hatte er zwei Wochen lang keine einzige E-Mail erhalten. Sie waren alle abgefangen worden. Zudem war Steindlmüller nicht der einzige Freund in Europa, den die Betrüger mit dem erfundenen Überfall geködert hatten.

Bei dem Priener Geschäftsmann, der Geld nach Málaga schickte, hatten sie Erfolg. Jetzt versucht der Anwalt, die 950 Euro für seinen Mandanten von "Western Union" zurückzuholen, weil die Summe nicht - wie gewünscht - an Alistair M. übergeben wurde, sondern an eine andere Person. Der Empfänger habe sich durch Detailkenntnisse zum Zahlungsauftrag und einen gültigen Ausweis legitimiert, ist sich der Dienstleister jedoch keiner Schuld bewusst.

Wie verhalten sich OVB-Leser, wenn sie eine vergleichbare Räubergeschichte per E-Mail geschickt bekommen? Dann sollten sie auf keinen Fall antworten, sondern den Freund "offline" benachrichtigen.

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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