Ein außergewöhnlicher Lebenslauf

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Frasdorf - Die katholische Pfarrgemeinde Frasdorf trauert um ihren Seelsorger Msgr. Albert Diedrich. Am 1. November 2011 erlag der 73-Jährige schwerer Krankheit.

Sein Tod kam überraschend schnell. Noch wenige Tage zuvor konnte ihn Anton Hötzelsperger auf ausdrücklichen Wunsch des Schwerkranken besuchen und ein ausführliches Gespräch mit ihm führen, das im folgenden Artikel seinen Niederschlag findet.

Pfarrer Diedrichs innigster Wunsch war es, sein Lebenswerk, die drei von ihm gegründeten und geleiteten Anbaham-Kinderdörfer in Indien, nochmals bekannt zu machen. Er verband damit die Hoffnung, dass sein Werk weitergeführt wird und dass die richtigen Nachfolger und die notwendigen Geldgeber gefunden werden können. Vor gut 25 Jahren gründete Monsignore Albert Diedrich das Werk „St. Boniface Anbaham“ in Indien. Anbaham bedeutet in der Landessprache „Heim der Liebe“. Drei Kinderdörfer beherbergen inzwischen rund 640 Kinder, die aus ärmlichsten Verhältnissen kamen und nunmehr Nahrung, Kleidung und Bildung bekommen.

Albert Diedrich war nicht immer Pfarrer in seinem Berufsleben. Dieses begann mit dem Studium von Latein, Geschichte, Sozialkunde und Mathematik. Als Oberstudienrat war er in Kassel eingesetzt. Den ersten Berufsjahren folgte der Wunsch, zusätzlich ein Theologiestudium zu beginnen und als Priester zu wirken. Zunächst war Diedrich 22 Jahre Seelsorger in Kassel, zuerst als Lehrender am Wilhelm-Gymnasium und zuletzt als Regional-Dechant. Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz wurde ihm im Jahre 1998 die Leitung der größten katholischen Gemeinde der Welt aufgetragen. Damit betreute er Diplomaten und Wirtschaftsleute aus dem deutschen Sprachraum, die in Indien, Sri Lanka und Nepal lebten. Durch die Übernahme der Seelsorge-Tätigkeiten kam er noch intensiver mit den Bedürfnissen der Länder und Leute in Berührung, deren Schicksale ihn schon seit seinen privaten Reisen seit 1970 nach Indien und anderen Ländern Asiens beschäftigten. Immer wieder übernahm er Patenschaften und unterstützte kleine Projekte. Selbst lebte er bei seiner beruflichen Ausübung inmitten großen Reichtums und wohlbehütet, aber für sich stets einfach und sparsam, ja richtig spartanisch. Seine Wege und Interessen führten ihn immer wieder in die Slums und Wohngebiete von benachteiligten Gruppen.

Besuch bei Mutter-Teresa-Einrichtung war Auslöser für Hilfsaktionen

Die fürchterliche Armut in Indien war für den rastlos tätigen Priester der Auslöser, sich immer mehr zu engagieren. Ein Besuch in einer Einrichtung von Mutter Teresa in Kalkutta war Anlass für die erste Kinderdorf-Gründung. In einem Raum wimmelte es nur so von kleinen armen Kindern. Diedrich nahm ein kleines Mädchen auf den Arm, und dabei geschah es: das Kind klammerte sich so fest an den Priester und beäugte ihn so intensiv, dass Diedrich spürte, er müsse noch mehr tun für diese Kinder. Er entschied sich zu einer eigenen Initiative und zum Bau eines (ersten) Kinderdorfes. „Es war eine Fügung Gottes, dass ich in Indien zum richtigen Zeitpunkt gute Menschen kennenlernte, die mir dann bei meinem Anliegen tatkräftig unter die Arme greifen konnten“, so Diedrich zu Beginn seiner Aktivitäten. 1986 war es dann so weit: In Kassel gründete Diedrich einen Verein, da er dort durch seinen Schul- und Priesterdienst viele Leute erreichte, die zu Spenden und ehrenamtlichen Diensten bereit waren. Der Grundstein für das erste Kinderdorf wurde in der Nähe der Stadt Nagercoil an der Südspitze Indiens gelegt.

In Indien wurde in Ergänzung zum Kasseler Unterstützungsverein fast zeitgleich ein Trägerverein gegründet. Das erste Kinderdorf bekam den Namen „Saint Boniface Anbaham“; es bot 200 Mädchen und Buben nach ihrem vorherigen elternlosen Dasein in größtem Elend ein Zuhause mit Betreuung. Beflügelt von den ersten Erfolgen, gründete Pfarrer Diedrich 1992 ein weiteres Kinderdorf 45 Kilometer südlich von Madras. Ein drittes Dorf mit Unterkünften, Kindergärten, Internaten, Bibliotheken und Krankenstationen wurde Ende 2007 in der Nähe der Millionenstadt Trichy aufgebaut. Pfarrer Diedrich war bei den wichtigsten Weichenstellungen und Bauabschnitten immer persönlich vor Ort. Seit 1993 wurde er dabei von seiner ehrenamtlichen Mitarbeiterin Sabine Gehrling unterstützt und begleitet. Vor Ort kümmerte sich Diedrich auch um die Ernährungspläne und um die Architektur von Anlagen, Gebäuden und Räumen. Bestandteil der Kinderdörfer waren auch gezielt paradiesische Pflanzenanlagen (als bewusster Gegensatz zum Dreck der Großstadt) sowie Tiere wie Ziegen, Hühner, Vögel oder Hasen, damit die Kinder lernten, nicht jedem Hund einen Stein hinterherzuwerfen.

Eine besondere Bedeutung hatten und haben die Kliniken, die Kindergärten, die Ambulanz-Stationen in den umliegenden Dörfern und die Schulen selbst. Die ersten fünf Schuljahre entsprechen der Grundschule, vom 6. bis 10. Jahr lernen die Kinder in einer so genannten weiterführenden Schule und im 11. und 12. Jahr erreichen sie einen Abschluss, vergleichbar mit unserem Abitur. Da in Indien das Schulsystem schlecht ist, wurden eigene Schulen gebaut. Eine neue internationale Schule wird derzeit gebaut, der Schulbetrieb im ersten Stock hat bereits begonnen, der Ausbau der Schule wird zukünftigen Schülern weiteren Platz bieten. Dieses Projekt wird vom Orden der Jesuiten unterstützt, durch deren Hilfe es zu weltweit anerkannten Studienabschlüssen kommt. Die familienähnlich geführten Einrichtungen für Kinder von 5 bis 18 Jahren ermöglichen rund 80 Prozent der Kinder einen Schulabschluss nach der 10. und 11. Klasse. Buben können bei fortgesetzter Hilfe durch Paten weiter studieren, Mädchen entscheiden sich zumeist für einen Beruf als Krankenschwester, Apothekenhelferin oder Verkäuferin. Nur wenige arbeiten später auf Feldern oder in Fabriken.

Bei der Gründung des ersten Kinderdorfes konnte Pfarrer Diedrich rund 250 Kindern ein Dach über dem Kopf bieten, sein Ziel waren insgesamt 1.200 Kinder, die zeitgleich beherbergt werden können. Doch sein Gesundheitszustand erlaubte es nicht mehr, so aktiv wie früher zu sein und immer wieder nach Indien zu reisen. Deshalb setzte er auf die Fortsetzung der ehrenamtlichen Tätigkeit der Unterstützungsvereine im hessischen Kassel und in Isny im Allgäu (dort war er nach seiner Auslandstätigkeit als Seelsorger tätig). Vier Jahre lang verbrachte „Der Vater“ und „Der Mann, der Brot bringt“ (wie ihn in Indien die Kinder und Erwachsenen nennen) seinen priesterlichen Ruhestand im Pfarrhaus von Frasdorf. Gemeinsam hielten Pfarrer Diedrich und Sabine Gehrling Verbindung mit den Vereinen und Kinderdörfern, sammelten Spenden und organisierten Hilfsaktionen.

Gottlob arbeiten die Unterstützungsvereine in Kassel und Isny selbstständig, so dass auch fortan die Weiterentwicklung der Kinderdörfer, Kliniken und Schulen für das Projekt „St. Boniface Anbaham“ gewährleistet ist. Insgesamt rund 3.000 Kinder von 1986 bis heute konnten bislang in den drei Kinderdörfern gefördert und zu einem „normalen“ Leben herangeführt werden. „Möge es Gott geben, dass es noch viele weitere Kinder sein werden“, so Monsignore Albert Diedrich bei unserem Besuch am Krankenbett.

Die Kinderdörfer-Aktionen von Gründer und Projektleiter Msgr. Albert Diedrich und seiner ehrenamtliche Mitarbeiterin Sabine Gehrling können unterstützt werden durch monatliche Patenschaften (je Kind 31 Euro), durch Zuwendungen und Spenden sowie mit Erlösen aus Aktionen und Veranstaltungen. Nähere Informationen gibt es bei Frau Gehrling, Telefon 08052 / 951659. Im Internet sind weitere Einblicke zu finden unter www.kinderdorf-anbaham.de.

Bankverbindungen sind: Verein „Freundeskreis des indischen Kinderdorfes St. Boniface Anbaham e.V.“ in Kassel, Kasseler Bank, BLZ 520 900 00, Konto-Nr. 1281402 sowie beim Verein „Anbaham-Kinderdörfer in Indien e.V.“ in Isny, Kreissparkasse Ravensburg, BLZ 65050110, Konto-Nr. 101010865.

Anton Hötzelsperger

Quelle: rosenheim24.de

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