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Und plötzlich war das Augenlicht der Bad Endorferin weg

Helga Maria Finsterwalder verarbeitet den Verlust ihrer Sehkraft in einem Buch

Helga Maria Finsterwalder an ihrem Lieblingsort in ihrem zu Hause: der Küche. Hier backt sie, trotz ihrer Sehbehinderung, weiterhin Kuchen.
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Helga Maria Finsterwalder an ihrem Lieblingsort in ihrem zu Hause: der Küche. Hier backt sie, trotz ihrer Sehbehinderung, weiterhin Kuchen.

Aufwachen und so gut wie nichts mehr sehen. Ein Schicksal, das für die Meisten von uns unvorstellbar ist. Genau das ist Helga Maria Finsterwalder vor rund dreieinhalb Jahren passiert.

Bad Endorf – Durch einen Riss in der Makula hat sie auf dem rechten Auge nur noch 0,02 Prozent ihrer Sehkraft, auf dem linken rund 1,3 Prozent.

„Ich bin damals aufgewacht und habe meinen Mann nur noch als Picassobild gesehen“, erinnert sich die heute 79-Jährige. Er habe gleich vorgeschlagen, zum Augenarzt zu fahren. „Darauf habe ich gesagt: nein, es ist schon passiert.“ Erst drei Wochen später geht Finsterwalder zum Augenarzt, der ihr bestätigt, was sie bereits weiß: Ihr Sehvermögen ist irreparabel geschädigt. Über ihr Leben mit ihrer Sehbehinderung hat sie ein Buch geschrieben.

Starke Farben kann sie sehen

Nach der erschütternden Diagnose versucht Finsterwalder vieles, um ihr Sehvermögen zu verbessern. Zwei Spezialisten in München konsultierte sie und auch bei einer Augenklinik in Köln informierte sie sich über Heilverfahren. Doch die Antworten blieben die Gleichen: Nichts wird ihre Sehkraft zurückbringen.

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„Die Makula ist so dünn wie Schmetterlingsflügel, wenn man sie nur anlangt, ist sie kaputt“, erklärt Finsterwalder. Kräftige Farben wie rot und gelb kann sie noch wahrnehmen und manchmal auch gröbere Details. „Aber auf die Bilder kann ich mich nicht verlassen, sie brechen mir immer wieder Weg“, erklärt die Autorin.

Wie gestaltet man ein Leben mit einer Behinderung?

Sie muss lernen mit ihrer schweren Behinderung zu leben, ebenso wie ihr Mann Ernst Lichtnecker, den sie liebevoll Bärli nennt. „Am Anfang hat mein Mann ganz oft gesagt: Du darfst das nicht“, erinnert sich Finsterwalder an die ersten Monate nach der Netzhautablösung zurück. Die Angst, dass sie sich verletzen würde, war bei beiden groß. „Ich musste Bärli sagen: Wenn du mir das wegnimmst, dann kann ich nicht leben.“ Und so setzten sich die beiden zusammen und überlegten, wie können sie das Leben, mit der Einschränkung, gestalten.

Mit Mut voran

Der Plan war, dass Finsterwalder ein viertel Jahr lang sagt, was sie alles machen möchte und wenn es nicht funktioniert, dass sie dann ihren Mann holt. „Sie hat mir das Vertrauen beigebracht, dass sie es kann“, sagt Lichtnecker. Der Mut war zurückgekehrt. Ein Thema, das Finsterwalder auch immer wieder in ihrem Buch aufgreift.

Sei es, indem sie von inspirierenden Freunden und deren Schicksalen erzählt, oder ihrem Eigenen. „Es gibt so viele Menschen, die sich nichts trauen und ich möchte ihnen Mut machen“, sagt Finsterwalder bestimmt.

Bis heute backt Finsterwalder Kuchen

Sie kämpft sich ins Leben zurück, bekommt einen Blindentrainer und lernt das Gehen mit dem Blindenstock. Damit kann die 79-Jährige eigene Ausflüge machen, bis nach München zu Freunden.

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Und auch das Backen und Kochen fängt Finsterwalder wieder an. Sieben Jahre lang hatte sie eine Kochschule in Rosenheim. Die Erfahrung kommt ihr nun zugute. „Ich backe nach Gefühl. Es fühlt sich unterschiedlich an, ob ein Eiweiß oder ein Eigelb über die Finger läuft.“ Bis heute backt sie für ihren Sohn, der das Wirtshaus „Salettl“ betreibt, die Kuchen.

Kein leichter Weg

Der Weg dorthin war aber nicht immer leicht. Finsterwalder fiel zu Hause über eine kleine Kante und quetschte ihren Thorax, sodass sie mehrere Monate kaum atmen konnte. Als sie in Traunstein einmal hinfiel, ging jemand an ihr vorbei, ohne zu helfen, und sagte „Schau mal, da liegt eine Betrunkene!“. „Da habe ich geweint.“

Auf dem harten Weg hat Finsterwalder lernen müssen: „Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand hilft.“ Und auch so gibt es einfach Tage, die schwer seien. Was helfe, sei Musik. „Wenn es mir schlecht geht, dann gibt es nur ein Lied“. Finsterwalder und Lichtnecker schauen sich verschwörerisch an und fangen an zu singen. „Ich bin heute so glücklich, so glücklich wie noch nie.“

Ein Buch, das anderen Menschen helfen soll

All die Erfahrungen, die guten wie die schlechten, die zum Leben dazu gehören, lässt Finsterwalder in ihr Buch „Wenn das Augenlicht schwindet, zünde viele Lichter an: Ein kleiner autobiografischer Ratgeber für sehbehinderte Menschen“ einfließen. Und kommt zu dem Schluss: „Nur derjenige ist blind, der sich der inneren und äußeren Welt verschließt“.

Das Buch:

Das Buch „Wenn das Augenlicht schwindet, zünde viele Lichter an: Ein kleiner autobiografischer Ratgeber für sehbehinderte Menschen“ ist im Engelsdorfer Verlag erschienen und kostet 12 Euro. Es kann unter anderem direkt über den Verlag bestellt werden.

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